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Veröffentlicht: 16.09.2010, 17:16 Uhr

Neue alte Waschmaschine

Ob Spiele- oder Waschmaschinenhersteller: Unternehmen aller Branchen erforschen, wie Produkte für Ältere aussehen können. In eine Seniorenecke lassen sich die Alten aber ungern drängen. Von Julian Trauthig

Frankfurt, 16. September. An großen technischen Innovationen fehlt es den Klassikmodellen unter Mieles Waschmaschinen und Wäschetrocknern. Das ist Absicht. Das Gütersloher Unternehmen stellt sich auf die Alterung der Gesellschaft ein und will mit seinen Produkten eine Marktlücke besetzen. Die Maschinen sind einfach zu bedienen, haben eine geringe Programmauswahl, eine große Schrift und die Bedienleiste ist beleuchtet. Bei den Kunden kommt das gut an. Die Maschinen verkaufen sich besser über alle Altersgruppen hinweg als viele andere Produkte des Unternehmens.

Der demographische Wandel stellt nicht nur Miele vor Herausforderungen. Bei der Forschung und Entwicklung neuer Produkte für Senioren müssen viele Unternehmen umdenken. Im Jahr 2060 werden laut Statistischem Bundesamt 34 Prozent der Deutschen älter als 65 Jahre alt sein, heute sind es nur 20 Prozent. Schon heute verfügen die über 60-Jährigen über 30 Prozent der gesamten Kaufkraft. Doch sie fühlen sich vernachlässigt: Mehr als zwei Drittel der älteren Menschen sind der Ansicht, dass sich die Wirtschaft nicht ausreichend um sie als Kunden kümmere, ergab eine Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung.

Als ein Konzept bei der Entwicklung für Seniorenprodukte gilt das "Design für Alle": Produkte, Dienstleistungen und Gebäude sollen so gestaltet werden, dass sie allen nutzen - jungen und alten Verbrauchern. "Ältere Menschen kaufen keine Artikel, die als Seniorenprodukt gekennzeichnet sind", sagt Ulrike Heitzer-Priem, Forscherin am RKW Kompetenzzentrum in Eschborn, einem gemeinnützigen Forschungs- und Entwicklungsinstitut, das vom Bundeswirtschaftsministerium gefördert wird. Als schlechtes Beispiel nennt Heitzer-Priem "Seniorenteller" in Restaurants. Davon fühlten sich Senioren ausgegrenzt. Gastronomen sollten besser kleinere Portionen neben den normalen Gerichten anbieten.

"Kaum ein älterer Mensch kauft sich ein Seniorenhandy mit großen Tasten", sagt sie. Stattdessen fänden viele Ältere Smartphones ansprechend, weil sie einfach zu bedienen seien und gut aussähen. Ihr Rat für Unternehmer: "Die Menschen wollen funktionale Produkte, die sie verstehen, die sich einfach bedienen lassen und schick aussehen." Solche Tipps fasst sie für die Initiative "Wirtschaftsfaktor Alter" der Bundesregierung zusammen.

Dass eine alternde Bevölkerung keine eigenen Produkte möchte, hat auch der Spielehersteller Ravensburger feststellen müssen. Zwei Jahre hat das schwäbische Unternehmen untersucht, ob es einen zusätzlichen Markt für Senioren gibt, und sogar sechs Spiele entwickelt. Früh haben die Entwickler dabei die Kunden mit in die Forschung einbezogen und in Interviews versucht herauszufinden, was Senioren wollen. "Ältere Menschen möchten nicht in die Seniorenecke gedrängt werden", fasst Heinrich Hüntelmann von Ravensburger das Ergebnis zusammen. Man habe gelernt, dass man Spielentwicklungen nicht am Alter, sondern an den Interessen festmachen müsse. Im aktuellen Sortiment findet sich keines der entwickelten Spiele mehr.

Es bedarf auch nicht unbedingt großer technischer Erfindungen, um die Wünsche der Kunden besser zu erfüllen. Manchmal genügt eine kleine Neuerung. Ein Beispiel dafür ist der 1998 erfundene teilbare Wasserkasten der Adelholzener Alpenquellen. "Eine halbe Kiste hilft allen: Jugendlichen, Frauen, älteren Menschen", sagt Stefan Hoechter, Geschäftsführer des Getränkeherstellers aus Oberbayern. Auf die Idee hätte jeder andere Hersteller auch früher kommen können, schließlich ist die Technik denkbar einfach. Jede Kistenhälfte ist mit einem großen Handgriff in der Mitte der Kiste ausgestattet. Ohne Kraftaufwand können die Griffe nach oben gezogen werden, und die Kiste teilt sich. Das kommt bei den Kunden gut an. Getränke in den teilbaren Kästen verkauften sich im Vergleich zum Wettbewerb sehr gut, sagt Hoechter.

Auch die staatliche Forschungsförderung widmet sich seit einigen Jahren verstärkt den Herausforderungen des demographischen Wandels. Die Produktentwicklung im engeren Sinne bleibt dabei Aufgabe der einzelnen Marktakteure. "Wir fördern die Grundlagenforschung und die Technologieentwicklung bis zur Marktreife", sagt Christian Herbst vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. Die größten Projekte sind momentan "Altersgerechte Assistenzsysteme für ein gesundes und unabhängiges Leben (AAL)". Gemeint sind damit technische Innovationen, die alten Menschen helfen, so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden zu leben. 18 Forschungsprojekte werden mit einem Fördervolumen von insgesamt 45 Millionen Euro unterstützt.

Ein Projekt davon ist der Sensfloor, ein intelligenter Fußboden. Er soll Senioren unauffällig zu mehr Sicherheit und Komfort verhelfen. Die Unternehmen Future-Shape, ein Hersteller von Textilbelag aus der Nähe von München, und BASF sowie Forscher der TU München und der Universität Passau entwickeln das Produkt gemeinsam. Der Boden ist mit unsichtbaren Sensoren ausgestattet und kann so die Position und das Bewegungsverhalten einer Person erkennen. Wenn jemand nachts das Zimmer betritt, geht etwa automatisch das Licht an. Gefährliche Geräte wie ein Bügeleisen können automatisch ausgeschaltet werden, wenn jemand den Raum verlässt. Falls eine Person stürtzt und sich nicht mehr aufrichten kann, wird der Notruf ausgelöst. Ende 2012 soll die Entwicklung abgeschlossen sein. Wichtig für die Forscher: Wenn es schon ein Produkt speziell für Alte ist, dann soll es wenigstens nicht auffallen.

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