02.07.2009 · Der Mobilfunk ist auf der Suche nach neuen Erlösquellen jenseits der Sprache. Neue Technik macht diese Datendienste interessant - und kann das Festnetz doch nicht ersetzen. Von Johannes Winkelhage
FRANKFURT, 2. Juli
Das Festnetz ist tot, es lebe der Mobilfunk. Warum in teure Glasfaser bis zum Haushalt investieren, wenn schon die nächste Mobilfunkgeneration Übertragungsraten von 100 oder gar 300 Megabit in der Sekunde verspricht? So oder zumindest so ähnlich mag mancher Beobachter denken, wenn er die aktuellen Nachrichten aus der Telekommunikationswelt verfolgt. Die weißen Flecken auf der DSL-Landkarte sollen schließlich auch mit den Frequenzen aus der "digitalen Dividende" und damit eher per Mobilfunk als durch einen Ausbau des Festnetzes geschlossen werden.
Ausrüster wie Ericsson oder Nokia Siemens Networks setzen große Hoffnungen in die Aufrüstung der Netze mit der UMTS-Nachfolgetechnik Long Term Evolution oder kurz LTE. Die ersten kommerziellen Netze auf dieser Basis sollen schon im kommenden Jahr in Betrieb gehen - und sie werden das Festnetz dennoch nicht überflüssig machen.
Das Festnetz wird mit seinen Übertragungsraten weiterhin Vorteile gegenüber einer drahtlosen Lösung besitzen, da sich die Handynutzer in einer Funkzelle die zur Verfügung stehende Bandbreite teilen müssen. Je mehr Nutzer gleichzeitig auf die Mobilfunkkapazität zurückgreifen, desto weniger Bandbreite bleibt für einzelne Anwender übrig. Das aber kann bei zeitkritischen Anwendungen - wie der Videoübertragung - zu Problemen führen. Das mag man auf Reisen noch akzeptieren - in der eigenen Wohnung jedoch wird weiterhin mehr eigene und gesicherte Bandbreite gefragt sein, die bisher nur das Festnetz bietet. So werden die Mobilfunknetze in den Ländern mit einem ausgebauten Festnetz eine Ergänzung zur drahtgebundenen Infrastruktur bleiben - richtig genutzt, entstehen aus der Kombination der Netze und ihrer Stärken allerdings große Chancen für den künftigen Kommunikationsmarkt. Das Ziel lautet: Der Kunde kann auf seine Daten, aktuelle Informationen oder auch Dienste immer und überall zugreifen, ob unterwegs oder im heimischen Festnetz, ob auf dem Handy oder seinem Rechner oder auch auf dem Fernseher.
Nicht von ungefähr arbeiten viele Unternehmen inzwischen an integrierten Lösungen, welche die mobilen Dienste mit den Festnetzangeboten verzahnen. Die Deutsche Telekom legt hierzulande gerade ihr Festnetzgeschäft mit der Mobilfunksparte zusammen, Vodafone integriert Arcor und verschmilzt die Unternehmen in Kürze unter einem neuen Markenauftritt, und die spanische Telefónica mit der Mobilfunk-Tochtergesellschaft O2 sucht nach Wegen, ihr Festnetzgeschäft in Deutschland weiter auszubauen. Parallel dazu kaufen sich Kabelnetzbetreiber wie Kabel Deutschland (KDG) Mobilfunkkapazitäten, um ebenso umfassende Dienste anbieten zu können. Die Idee dahinter: Jeder Wettbewerber will von den derzeit krisenbedingt schrumpfenden Verbraucherausgaben für Kommunikation einen möglichst großen Teil für sich.
Auf der Basis der Infrastruktur nähern sich die Netze schon heute einander an. Und so paradox es klingt: Für den Mobilfunk ist der Ausbau seiner eigenen Festnetzstruktur eine der größten Herausforderungen. Der Grund: Auch die mobile Kommunikation ist nur auf der "letzten Meile" zwischen Funkstation und Handy drahtlos. Die Station selber ist in den meisten Fällen per Kabel angebunden.
Mit der steigenden Nutzung mobiler Datendienste, von denen sich die Mobilfunkanbieter beträchtliche Umsatzzugewinne erhoffen, ist die Anbindung der Masten an das Weitverkehrsnetz (Backbone) der Betreiber immer öfter zu langsam und wird zum eigentlichen Flaschenhals für die mobile Datenübertragung. Es nützt nichts, wenn die Funkzelle auf dem Mast 200 Megabit bietet, die dahinter sitzende Festnetzleitung den Verkehr der Kunden aber nicht mit gleicher Geschwindigkeit transportieren kann. So wird der Mobilfunk nur dann wirklich schnell, wenn auch der sogenannte Backbone entsprechend aufgerüstet ist.
Diese Entwicklung vollzieht sich vor dem Hintergrund einer generellen Umwälzung im Mobilfunkmarkt. So bleibt zwar der Umsatz mit Sprache weiterhin die tragende Säule für die Unternehmen - die einstige Ertragsperle ist aber einer Erosion von mehreren Seiten ausgesetzt. So macht den Netzbetreibern die von der nationalen und europäischen Regulierung erzwungene Senkung der Terminierungsentgelte zu schaffen. Die Entgelte erhalten die Anbieter für die Ablieferung von Gesprächen aus fremden Netzen an ihre Kunden. Gleiches gilt für die Entgelte, welche für die Nutzung der Mobiltelefone im Ausland gezahlt werden. Diese wurden nach Entscheid der EU-Mitgliedstaaten am 1. Juli gerade um abermals 3 Cent je Minute gesenkt.
Hinzu kommt, dass der wettbewerbsbedingte Preisverfall auf die Margen drückt. Die Einbußen aus diesen Effekten konnten nicht durch ein Plus bei den Mobilfunkminuten kompensiert werden. Nach Berechnungen der Credit Suisse liegen die Zuwachsraten im europäischen Durchschnitt derzeit bei etwa 7 Prozent im Jahresvergleich - bis zum Ende des vergangenen Jahres waren die Zuwächse noch zweistellig. Insgesamt haben die Deutschen nach Angaben des Brancheverbandes Bitkom die Summe der Gesprächsminuten von insgesamt 136,5 Milliarden im Jahr 2007 auf rund 150,2 Milliarden Minuten im Jahr 2008 erhöht und lagen mit diesem Zuwachs über dem Durchschnitt in der Europäischen Union. Trotz dieser Zuwächse, sinkt der Sprachumsatz im Mobilfunk in ganz Europa.
Zusätzlich deutet sich langsam an, dass das Geschäftsmodell einer minutenbasierten Abrechnung in genau dem Tempo in Frage gestellt wird, in dem der Breitbandausbau in den Mobilfunknetzen die Nutzung der Internettelefonie mit Diensten wie Skype ermöglicht. Als einzigen Weg, dieser Entwicklung etwas entgegenzusetzen, sehen Beobachter das langsame Vordringen von Pauschalpreisen (Flatrate) für die Sprachtelefonie, wie sie im Festnetz inzwischen Standard sind.
Diese Entwicklung im Sprachgeschäft aber führt dazu, dass die Nachfrage nach mobilen Datendiensten für den Umsatz eine weiter wachsende Bedeutung erhält. Derzeit weisen die Einnahmen aus diesem Geschäft nach Berechnungen der Credit Suisse zwar ein Plus von mehr als 12 Prozent im Jahr aus. Das langt seit Anfang des laufenden Jahres aber nicht mehr, um dem Gesamtmarkt noch Wachstum zu bescheren. Nach den Berechnungen der Credit Suisse sinkt der Gesamtumsatz im europäischen Mobilfunk seit dem ersten Quartal des laufenden Jahres.
Daher sucht die Branche nach Datendiensten, die die Kunden dazu bringen könnten, wieder mehr Geld in die Kommunikation zu stecken - oder die sich durch Werbung finanzieren lassen. Diese Entwicklung steht allerdings noch ganz am Anfang.