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Veröffentlicht: 05.06.2011, 17:05 Uhr

MENSCHEN&WIRTSCHAFT Teile und nutze

Sechs junge Männer aus Aachen organisieren privates Carsharing über das Internet

Manchmal kann der Weg von der Geschäftsidee zum Geschäftserfolg sehr kurz sein. Diese Erfahrung hat Michael Minis gemacht. Nicht einmal ein ganzes Jahr ist es her, da tat sich der heute 25 Jahre alte Wirtschaftsingenieur bei einem Treffen für Unternehmensgründer an der Aachener Universität mit fünf weiteren Studenten zusammen. Ihre Idee: Alle Ressourcen sollten besser genutzt werden - und dies gelte auch für das Auto. "Ein Auto kostet viel Geld - selbst dann, wenn es nur herumsteht", sagt Minis. Wertverlust, Versicherung und Steuern fallen an, ohne dass auch nur einen Meter gefahren wird. Autos von Privatleuten werden am Tag durchschnittlich nur eine Stunde bewegt. "Deshalb kam uns die Idee, einen Marktplatz für Leute mit Auto und für Leute ohne Auto zu gründen, der beide in Kontakt bringt."

Entstanden ist daraus das Unternehmen "Tamyca" - das Kürzel steht für "Take my car". Es handelt sich um eine Internetplattform, die Autovermietungen von privaten Besitzern an private Nutzer organisiert. Ein potentieller Auto-Leiher gibt nach einer Registrierung an, wo, wann und für wie lange er ein Fahrzeug sucht. Aus der Datenbank werden dann passende Angebote herausgesucht und die Kontaktaufnahme zum Autobesitzer ermöglicht.

Seit einem halben Jahr ist die Internetseite am Markt. Die Geschäfte laufen zumindest so gut, dass Mitgründer Minis noch keine Umsatzzahlen nennen möchte, weil dies neue Wettbewerber anlocken könnte. Bundesweit bieten 750 Autobesitzer ihre Fahrzeuge auf der Plattform an. Eine Grundgebühr gibt es nicht, die Anmeldung ist kostenlos. Wer aber einen der Wagen tatsächlich mieten möchte, muss zunächst an Tamyca 7,50 Euro zahlen. Darin enthalten ist sowohl die Vermittlungsgebühr als auch eine Vollkasko-Versicherung für 24 Stunden - quasi das Herzstück der Geschäftsidee. "Denn so muss sich niemand Sorgen machen, dass er sein Auto heil wiederbekommt", sagt Minis.

Wenn diese Gebühr bezahlt ist, fällt noch die Leihgebühr an, die vom Autobesitzer selbst festgelegt wird. Für einen Kompaktwagen wie den VW Golf werden für einen Tag - also 24 Stunden - meist um die 25 Euro berechnet. Manchmal auch etwas mehr oder etwas weniger, je nachdem wie es dem Besitzer passt. Hinzu kommen natürlich noch die Kosten für den Kraftstoff. Unter dem Strich ist das aber allemal günstiger als sich ein Auto von professionellen Autovermietern wie Sixt oder Europcar zu holen.

Die Idee kommt überraschend gut an. In den wenigen Monaten seit der Gründung haben sich 3000 Fahrer auf der Internetseite angemeldet. "Und das, obwohl wir bisher noch keinen Cent für Werbung oder Marketing ausgegeben hätten", sagt Minis. Bald soll aber auch dieser Schritt gemacht werden. Tamyca sucht dafür nach Geldgebern, die bereit wären, 300 000 Euro in das junge Unternehmen zu investieren. Mit dem Geld soll die Plattform weiterentwickelt werden. Der nächste wichtige Schritt ist ein kleines Softwareprogramm, eine sogenannte App, mit der Tamyca auf dem Mobiltelefon iPhone besonders einfach angewendet werden kann.

Geld spielte bei Tamyca bisher noch keine große Rolle: Bisher haben die sechs Gründer nur die für eine Gründung einer GmbH obligatorischen 25 000 Euro in das Unternehmen gesteckt - und viele Stunden Arbeit. "Wir arbeiten bisher alle unentgeltlich für das Unternehmen", sagt Minis. In Kürze soll die GmbH ihren Sitz von Hamburg nach Aachen verlegen. In der Kaiserstadt wohnen die Gründer, und dort haben sie auch einen Gründerpreis der Industrie- und Handelskammer Aachen über 5000 Euro gewonnen.

Tamyca scheint tatsächlich einen Nerv getroffen zu haben. Ein Auto zu benutzen, ohne eines zu besitzen, kommt in Mode. Das zeigen gleich zwei Wettbewerber, die kurz nach Tamyca an den Start gegangen sind: Da ist zum einen "Nachbarschaftsauto.de" aus Berlin - nahezu eine deckungsgleiche Kopie von Tamyca - und zum anderen der leicht abgewandelte Carsharing-Organisator "Autonetzer.de". Beide sind unter dem Strich etwas teurer als Tamyca.

Dem weiteren Aufstieg des privaten Carsharing im Internet dürfte kaum etwas im Wege stehen. Diesen Schluss lässt jedenfalls eine repräsentative Umfrage des Versicherers Axa zu. Fast die Hälfte der Autobesitzer in Westdeutschland haben demnach beim Verleihen ihres Autos nie oder nur selten ein ungutes Gefühl. Die 18 bis 29 Jahre alten Befragten aus ganz Deutschland sind noch bereiter, ihr Auto in fremde Hände zu geben. Nur weniger als ein Drittel der Jüngeren verleiht das Auto prinzipiell nicht.

Da diese Haltung auch für andere Besitztümer gilt, hat Michael Minis schon die nächste Geschäftsidee in Angriff genommen, die ebenfalls auf dem Gedanken des Teilens beruht: Seit kurzem ist die Internetplattform "Tauschteddy.de" online. Hier wird das Weitergeben gebrauchter Kinderkleidung organisiert - von Privaten an Private. "Uns und vielen unserer Kunden gefällt die Idee der Nachbarschaftshilfe", sagt er. In Gesprächen habe sich auch herausgestellt, dass gerade der soziale Kontakt - und nicht die Mieteinnahme - für viele Autobesitzer der Anreiz zum Vermieten sei. Es geht also häufig weniger um Kostenbeteiligung als vielmehr um einen netten Schwatz mit den Leuten von nebenan.

CHRISTOPH RUHKAMP

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