21.04.2009 · Nein, diese Finanzkrise hat auch der bekannteste deutsche Zukunftsforscher, Meinhard Miegel, nicht vorausgesehen. Aber er wird sich bestätigt fühlen in seiner lange geäußerten Sorge, die deutsche Gesellschaft sei "in geradezu exzessiver ...
Nein, diese Finanzkrise hat auch der bekannteste deutsche Zukunftsforscher, Meinhard Miegel, nicht vorausgesehen. Aber er wird sich bestätigt fühlen in seiner lange geäußerten Sorge, die deutsche Gesellschaft sei "in geradezu exzessiver Weise auf Ökonomisches, die Mehrung materiellen Wohlstands hin geprägt". Könnten diese Heilsversprechen nicht eingelöst werden, drohe die Abwendung der Bürger von der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Um dies zu verhindern, hat der Soziologe und Jurist vor zwei Jahren in Bonn das "Denkwerk Zukunft" gegründet, eine Stiftung, die sich nichts Geringeres zum Ziel gesetzt hat als die "Erneuerung der westlichen Kultur".
Miegel will neu bestimmen, was Wohlstand ausmacht: weniger auf quantitatives Wachstum setzen und mehr auf qualitatives, Zeit für Familie, Freunde, Kultur. Er sucht den "Plan B", einen Gesellschaftsentwurf für den Fall, dass die von der Wirtschaft erhofften Zuwächse künftig ausbleiben. Derzeit hat er sich in "Schreibklausur" begeben, um in Ruhe an seinem nächsten Buch zu arbeiten. Das ist Miegel, wie man ihn kennt: stets an den großen, epochalen Linien und Perspektiven interessiert. Dabei ist das Denkwerk Zukunft entstanden auf den "Ruinen" des Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft (IWG) in Bonn. Hier hat Miegel für und zusammen mit dem CDU-Politiker Kurt Biedenkopf seit Ende der siebziger Jahre die Tragfähigkeit deutscher Sozial- und Finanzpolitik erforscht. Aus der Beschäftigung mit Demographie und Staatsverschuldung entstand ein Gegenentwurf zum beitragsfinanzierten Rentensystem: die steuerfinanzierte Grundrente. In der CDU stieß das Konzept auf wenig Gegenliebe, doch kann Miegel für sich in Anspruch nehmen, mit seinen Analysen als einer der Ersten im Land auf die bevorstehende Überlastung der Rentenversicherung und öffentlichen Kassen durch Alterung und Schrumpfung der Bevölkerung aufmerksam gemacht zu haben. Es ist sein Lebensthema geworden. Dabei hatte der gebürtige Wiener anfangs wohl auch damit geliebäugelt, die Neigung zur Musik zum Beruf zu machen. Nach dem Abitur in Thüringen studierte er zunächst Musik in Weimar, bis er - nach dem Ausschluss von der Hochschule - 1958 im Westen den Neuanfang wagte. Er feiert nicht gerne groß, so wird er es auch an seinem 70. Geburtstag an diesem Donnerstag halten. hig.