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Manfred Weber Zeit für ein Schulfach Wirtschaft

Deutschland, ein Flickenteppich? Wenn es um das Thema Wirtschaft an den allgemeinbildenden Schulen geht, dann täuscht dieser Eindruck nicht. Ob in Hamburg, in Brandenburg oder in Rheinland-Pfalz - meist wird Wirtschaft nur im Rahmen anderer Fächer, oft nur als Anhängsel, unterrichtet.

Deutschland, ein Flickenteppich? Wenn es um das Thema Wirtschaft an den allgemeinbildenden Schulen geht, dann täuscht dieser Eindruck nicht. Ob in Hamburg, in Brandenburg oder in Rheinland-Pfalz - meist wird Wirtschaft nur im Rahmen anderer Fächer, oft nur als Anhängsel, unterrichtet. Dies kann in Gemeinschaftskunde, Politik oder Sozialwissenschaft der Fall sein, aber auch in Arbeitslehre, Geographie oder in einer Kombination aus Wirtschaft mit Politik oder Sozialkunde.

Zwangsläufig geht diese Fächervermengung auf Kosten der Substanz und Nachhaltigkeit. Denn der Wirtschaftsunterricht mag zwar in vielen Einzelfällen von hoher Qualität sein. Und in einigen Bundesländern, etwa in Niedersachsen oder in Bayern, steht die ökonomische Bildung auf vergleichsweise festen Beinen. Aber allzu häufig fristet sie an den deutschen Schulen noch ein Schattendasein. Und allzu häufig verfügen viele Schüler über eher rudimentäre Kenntnisse in wirtschaftlichen Dingen, dies hat die Jugendstudie des Bankenverbandes 2009 deutlich gezeigt.

2009 allerdings kam Bewegung in die Diskussion um die ökonomische Bildung. Inzwischen finden sich immer mehr Stimmen für ein eigenständiges Schulfach Wirtschaft, so etwa der sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich. In Nordrhein-Westfalen hat man hier einen ganz praktischen, wichtigen und begrüßenswerten Schritt getan: Dort wird es vom kommenden Schuljahr an im Rahmen eines Modellprojekts an den Realschulen die Möglichkeit geben, Ökonomie als eigenes Fach zu unterrichten. Damit wurde eine Forderung des Realschullehrerverbandes NRW aufgegriffen. Dieser hatte das bestehende Angebot "Sozial- und Wirtschaftskunde" ausdrücklich als nicht ausreichend bezeichnet und für ein Schulfach Wirtschaft plädiert.

Auch in der Öffentlichkeit genießt das Thema "Ökonomische Bildung" inzwischen einen höheren Stellenwert. Kein Wunder, möchte man sagen, ist doch Wirtschaftswissen heute unverzichtbar und ein elementarer Bestandteil der Allgemeinbildung. Es hilft den jungen Menschen nicht nur, unsere Wirtschaftsordnung, die Soziale Marktwirtschaft, zu verstehen; es versetzt sie auch in die Lage, Diskussionen und Entscheidungen in der Politik, die häufig einen ökonomischen Hintergrund haben, eigenständig zu beurteilen. Mehr noch: Wirtschaftswissen bereitet die Schüler auf die praktischen Anforderungen des Lebens vor. Wer sein Leben selbstverantwortlich gestalten will, ob als Verbraucher, als Anleger, als Steuerzahler oder als Wähler, der braucht dafür ein solides Fundament an ökonomischer Bildung.

Und dieses Fundament muss möglichst früh errichtet werden, am besten im Rahmen eines eigenständigen Schulfachs Wirtschaft. Denn wirtschaftliche Themen lassen sich nicht im Vorbeigehen vermitteln und erlernen. Nur mit einem eigenen Fach, nicht hingegen mit der bisherigen Zersplitterung in mehrere Fächer wäre gewährleistet, dass der Unterricht systematisch und aufeinander aufbauend erfolgen kann.

Für die Einführung eines Schulfachs Wirtschaft spricht ferner: Nur dann würden auch die Lehrkräfte in entsprechenden Studiengängen adäquat ausgebildet werden. Zwar gibt es heute viele Lehrer, die aus eigener Initiative Fort- und Weiterbildungen in Anspruch nehmen, um wirtschaftliche Themen unterrichten zu können. Doch bleibt es ein gewaltiges Manko, dass die Universitäten sie in der Regel nicht ausreichend ausgebildet haben. Daher brauchen wir beides: ein eigenes Unterrichtsfach und eine fundierte Lehrerausbildung.

Auch eine große Mehrheit der Schüler und Eltern unterstützt diese Forderung: Fast 80 Prozent der Jugendlichen und über 80 Prozent der Erwachsenen, so die Ergebnisse repräsentativer Befragungen, sind der Auffassung, dass es ein eigenständiges Schulfach Wirtschaft geben sollte. Ansporn genug, sich weiterhin für mehr ökonomische Bildung in den Schulen zu engagieren, wie es der Bankenverband und die privaten Banken schon seit vielen Jahren tun. Zu den Angeboten, die der Bankenverband im Rahmen seines Schul/Bank-Programms entwickelt hat, zählen Schülerwettbewerbe, Publikationen und Materialien für den Unterricht. 2008 haben wir überdies eine vom Institut für Ökonomische Bildung in Oldenburg erstellte Konzeption vorgelegt, in der detaillierte Vorschläge für die Ausgestaltung eines Schulfachs Wirtschaft und entsprechender Lehramtsstudiengänge unterbreitet werden.

Nun sind die Bildungspolitiker gefordert, einen Schritt weiter als bisher zu gehen und der begründeten Forderung nach mehr Wirtschaft in der Schule Rechnung zu tragen. Doch nicht nur die Bildungspolitik und die Länder stehen hier in der Verantwortung. Sicher, für die Lehrpläne sind die einzelnen Kultusministerien zuständig. Die Wettbewerbsfähigkeit und Zukunft des Wirtschaftsstandorts zu sichern ist jedoch auch eine ureigene Aufgabe der Bundespolitik. So gesehen, ist bei der Bildungspolitik und bei der Frage, ob es bald ein Schulfach Wirtschaft gibt, auch der Bund in der Verantwortung.

Quelle: F.A.Z.

 
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