23.09.2008 · Von Michael Roth
Wer sich in wirtschaftlich unsicheren Zeiten eine Milliardenübernahme vornimmt, der muss sich seiner Sache schon sehr sicher sein. Jürgen Hambrecht, der Vorstandsvorsitzende des weltgrößten Chemiekonzerns BASF, ließ keine Zweifel aufkommen, als er vergangene Woche die Übernahme des Schweizer Spezialchemieunternehmens Ciba ankündigte. Als Übernahmeziel hatte Hambrecht Ciba schon länger im Visier. Nach der Talfahrt des Ciba-Aktienkurses - schon vor der aktuellen Finanzkrise - und schlechten Halbjahreszahlen waren die Schweizer aus Sicht der BASF reif für ein Angebot. Missmanagement stand übrigens auch noch auf der Negativliste der BASF für Ciba.
Hambrechts Zuversicht ist gerechtfertigt. Sollte die Übernahme zustande kommen, wäre die BASF stark genug, um auch die dringend notwendige Sanierung von Teilen der Ciba, vor allem in der Papierchemie, ohne zu große eigene Einbußen zu stemmen. Wer den wenig geduldigen Hambrecht kennt, weiß, dass Arbeitsplatzabbau und Werkschließungen eher früher als später kommen werden. Für zusätzliches Tempo sorgen Finanzanalysten, die den Kaufpreis von knapp vier Milliarden Euro für Ciba als zu hoch kritisieren.
Wenn die Defizite bei den Schweizern beseitigt sind, kann sich die BASF daranmachen, die Chancen zu nutzen, die in dem Vorhaben stecken. Nach Einschätzung von BASF ist Ciba stark in Forschung und Entwicklung. Das Unternehmen hat zahlreiche innovative Produkte im Portfolio, etwa bei Zusätzen für Kunststoffe und sogenannten Effektstoffen für Hersteller von Lacken. Es mangelt allerdings an Größe, diese Stärken auch global auszuschöpfen. Das wiederum dürfte unter dem Dach des Weltmarktführers BASF besser gelingen. Es wird auch kein kompletter Neuanfang: Ciba ist ein großer BASF-Lieferant und -Kunde, man kennt sich seit langem.
Mit den Geschäften von Ciba wird die BASF ihrerseits ihr Portfolio an Spezialchemikalien ausbauen. Hier sind die Wachstumschancen größer und die Margen prinzipiell höher und stabiler als im Massengeschäft. Diese Strategie und die gleichzeitige Trennung von Teilen der Massenchemie, wie der zum Verkauf stehenden Teile der Kunststoffsparte, sollen die BASF weniger anfällig für konjunkturelle Schwankungen machen. Das jedenfalls wünscht Vorstandschef Hambrecht.
Die BASF hat, neben der besseren Widerstandsfähigkeit gegen Konjunkturschwankungen, noch einen weiteren Grund für die Ciba-Übernahme, eine angenehme, aber nicht öffentlich benannte Nebenwirkung sozusagen. Sie heißt Größe. Je größer und mit den Spezialitäten auch profitabler der Konzern wird, desto weniger anfällig wird er selbst für Übernahmen - auch wenn das Thema angesichts der schwierigen Lage an den Finanzmärkten nicht akut scheint. Die latente Gefahr bleibt. Es ist noch gar nicht so lange her, da wurden in der Konzernzentrale in Ludwigshafen Abwehrszenarien durchgespielt.
Nach potentiellen Interessenten für die BASF muss man nicht lange suchen. Die Ölländer im Mittleren Osten bauen derzeit rund um ihre Rohstoffquellen neue Chemiekapazitäten auf. Dort wird zwar vorwiegend Massenware produziert. Doch dabei wird es in Zukunft es nicht bleiben. Die Wertschöpfungsketten werden verlängert, auch mit Zukäufen. Dann könnte die BASF als Weltmarktführer ganz schnell ins Visier von Unternehmen wie etwa Sabic aus Saudi-Arabien geraten. Weitere Interessenten für die BASF könnten aus China kommen. Wenn an den Finanzmärkten wieder Ruhe eingekehrt ist, werden chinesische Staatsfonds und Konzerne Bilanz ziehen und womöglich zu der Erkenntnis gelangen, dass es sinnvoller sei, in Industrieunternehmen zu investieren, statt Geld bei Banken anzulegen. Auf die BASF könnten die Chinesen von alleine kommen, ist der Konzern doch mit mehreren Werken einer der größten Auslandsinvestoren und schon seit Jahrzehnten im Land. Der dritte potentielle Interessent heißt Gasprom. Mit dem russischen Konzern verbindet die BASF eine jahrzehntelange Geschäftsbeziehung bei Öl und Gas.
Ein interessierter Käufer müsste für die BASF schon heute tief in die Tasche greifen. Der Konzern ist an der Börse, gemessen an den jüngsten Wochenschlusskursen, zwischen 32 und 40 Milliarden Euro wert. Mit milliardenschweren Aktienrückkäufen wurde der Aktienkurs in den vergangenen Jahren nach unten abgesichert. Nach dem vollzogenen Ciba-Kauf und erfolgreicher Eingliederung wird die BASF wieder etwas teurer werden. Und Ciba war nicht das letzte Übernahmeziel auf der BASF-Liste. Eigenen Angaben zufolge ist die BASF ständig auf Brautschau. Am Geld soll das nicht scheitern. Für Akquisitionen könnte durchaus ein zweistelliger Milliardenbetrag an Schulden auf die Bilanz gepackt werden, ließ Finanzvorstand Kurt Bock kürzlich verlauten. Die BASF gilt vielen Beobachtern sogar als überkapitalisiert. Mit weiteren Zukäufen ist also zu rechnen, mit denen sich die BASF auch selbst vor einer Übernahme schützt.