17.02.2010 · "Sind 4 Prozent teurer als 2 Prozent?" / Mögliche Lehren aus der Finanzkrise
pwe. WASHINGTON, 17. Februar. Der Chefökonom des Internationalen Währungsfonds (IWF), Olivier Blanchard, stellt die vorherrschende geldpolitische Meinung in Frage, die niedrige Inflationszielraten empfiehlt. "Sind die Nettokosten einer Inflation von sagen wir 4 Prozent so viel höher als die übliche Zielrate von 2 Prozent?", schreibt Blanchard in einem Aufsatz über Lehren aus der Finanzkrise, den der IWF jetzt veröffentlicht hat. Auch wenn der Ökonom vor einer eindeutigen Antwort zurückschreckt, rüttelt er kräftig an hergebrachtem Denken.
Der Kerngedanke hinter Blanchards Vorstoß ist, dass viele Zentralbanken seiner Meinung nach den Leitzins in der Finanzkrise gerne noch weiter gesenkt hätten, dazu aber keinen Spielraum hatten, weil sie an die Null-Prozent-Grenze stießen. Dieser Beschränkung wichen manche Zentralbanken aus, indem sie etwa Wertpapiere direkt ankauften, um so mehr Liquidität in die Wirtschaft zu leiten. Blanchard aber meint, dass die Geldpolitik nicht voll wirken konnte und deshalb die Finanzpolitik zur Krisenabwehr stärker als notwendig gefragt worden sei.
Die Forderung eines höheren Inflationslimits ist nicht neu. Doch streben Zentralbanken, dem ökonomischen Konsens folgend, üblicherweise niedrigere Inflationsraten an. Sie fürchten, dass höhere Inflation die Preisverhältnisse stärker verzerrt und die Wirtschaft schädigt. Viele Notenbanken streben darum eine mittelfristige Inflationsrate von etwa 2 Prozent an. Blanchard gesteht zu, dass Verzerrungen mit einer höheren Teuerungsrate größer sind. Doch sei es lohnenswert, zu prüfen, ob solche Nachteile durch den Vorteil aufgewogen werden, in Krisenzeiten mehr Spielraum für Zinssenkungen zu haben, schreibt der französische Ökonom, der vor seinem Wechsel zum IWF 2008 am Massachusetts Institute of Technology (MIT) lehrte.
Andere Schlüsse, die er aus der Krise zieht, sind eindeutig. Ähnlich wie die Geldpolitik sei die expansive Finanzpolitik in der Krise begrenzt worden, weil die Regierungen im vorherigen Aufschwung zu hohe Defizite gehabt hätten. Die Lehre müsse sein, durch stärkere Regeln in guten Zeiten für geringere Defizite oder Überschüsse zu sorgen. In den kommenden ein bis zwei Jahrzehnten sollten wachstumsbedingte Steuermehreinnahmen zum Schuldenabbau und nicht für Steuersenkungen verwendet werden.
Notwendig sei ferner, dass die Geldpolitik künftig mit mehr Instrumenten zur Stabilisierung der Wirtschaft arbeite als nur mit dem Leitzins. Die Krise habe gezeigt, dass Interventionen in Einzelmärkten notwendig seien, um etwa Preisblasen auf dem Häusermarkt entgegenzuwirken und so die Gesamtwirtschaft zu stabilisieren. Blanchard stellt sich dazu eine aktive Regulierung vor, mit der etwa Vorgaben für Kreditausleihungen oder Eigenkapitalanforderungen für die Banken mit der Wirtschaftsentwicklung verbunden sind.
Die Reaktion auf den provozierenden Aufsatz Blanchards ist in den Vereinigten Staaten bislang verhalten. Manche Ökonomen fürchten, dass die Inflation bei höheren Zielraten schwerer im Zaum zu halten sei. "Wenn man 4 Prozent sagt, warum dann nicht 5 oder 6 Prozent?", sagte John Taylor von der Stanford Universität dem "Wall Street Journal". Paul Krugman, der linksliberale Kolumnist der "New York Times", lästert freilich zustimmend in seinem Internet-Blog, er sei nicht überrascht, dass Blanchard über höhere Inflationsraten nachdenke. Überraschend sei freilich, dass der IWF seinen Chefökonomen so etwas sagen lasse.