28.03.2010 · Die diesjährige Weltausstellung in China soll die größte Expo aller Zeiten werden
itz. SCHANGHAI, 28. März. Die Schweiz hat sogar einen Berg zur Expo mitgebracht. Der Erdhügel bildet die Spitze des eidgenössischen Pavillons auf der Weltausstellung in Schanghai. Von hier oben hat man einen großartigen Blick über das riesige Ausstellungsgelände zu beiden Seiten des Huangpu-Flusses, auf die Hochhäuser von Chinas wichtigstem Wirtschaftsstandort und auf eine ganze Menge seiner 19 Millionen Einwohner. Das sind fast so viele, wie in Australien leben, und mehr als doppelt so viele wie in der Schweiz.
Doch hat sich das kleine Land einiges einfallen lassen, um zu beeindrucken. Auf den künstlichen Gipfel windet sich eine kühne Schienenkonstruktion hinauf. Darauf fahren die Sessel von Skiliften auf und ab, die jede Stunde 1500 Besucher befördern können. Gebaut hat das Unikat, das halb Achter- und halb Bergbahn ist, das Unternehmen Swiss Ride. Nach Ende der Expo wird die Anlage verkauft. Für die Sechssitzer interessiert sich ein französisches Wintersportgebiet, die Schienen könnten an einen deutschen Freizeitpark gehen. "Um die Verwendung machen wir uns keine Sorgen", sagt Geschäftsführer Philipp Meili. "Die Expo ist eine tolle Gelegenheit, um sich bekannt zu machen."
Tatsächlich könnte die Weltausstellung vom 1. Mai bis zum 31. Oktober die größte Begegnungsstätte außerhalb des Internets werden, zumindest für Chinesen. Das Gelände dehnt sich über 5,3 Quadratkilometer aus, doppelt so weit wie das Fürstentum Monaco. Die letzte große Expo 2005 in Japan hatte nur ein Viertel der Fläche. 240 Länder und Institutionen erwarten in Schanghai mehr Zulauf als je zuvor. "Wir rechnen mit 80 Millionen Gästen", sagt der stellvertretende Generaldirektor der Expo Schanghai, Huang Jianzhi. "22 Millionen Eintrittskarten sind verkauft." Mindestens 5 Prozent der Besucher dürften aus dem Ausland anreisen, gut die Hälfte aus Schanghai und dem Jangtse-Gebiet, die Übrigen aus anderen Teilen Chinas. Die Baukosten für das Gelände beziffert Huang auf 18 Milliarden Yuan (2 Milliarden Euro), rund 11 Milliarden Yuan (1,2 Milliarden Euro) seien für den Betrieb nötig. 6 Milliarden Yuan sollen über den Eintritt wieder hereingeholt werden, Sponsoren steuern knapp 5 Milliarden Yuan bei. "Ein Defizit wird es nicht geben", verspricht der Manager.
Das meiste Geld wird ohnehin nicht in das Areal investiert, sondern in die Infrastruktur außerhalb. Die Kosten für neue Straßen, Brücken, Tunnel, den Nah- und Fernverkehr oder das gerade eröffnete zweite Terminal am Flughafen Hongqiao werden auf 20 Milliarden Euro geschätzt. Hinzu kommen private Ausgaben für neue Hotels, Einkaufszentren oder Restaurants. Skeptiker verweisen auf die durchwachsenen Erfahrungen mit den Olympischen Spielen 2008 in Peking. Viele grandiose Bauwerke, allen voran das Stadion "Vogelnest", schrieben heute Verluste, riesige Hotelkapazitäten stünden leer. Auch an früheren Expo-Standorten habe sich die Hoffnung auf eine sinnvolle und bestenfalls kostendeckende Nachnutzung schnell zerschlagen. "Die Expo treibt die Preise hoch und ist alles andere als nachhaltig", sagt der Schanghaier Ökonomieprofessor Wang Jianmao.
"Die Befürchtungen halte ich für grundlos, unser Konzept ist beständig", entgegnet der Chefplaner der Expo, Wu Zhiqiang. Die meisten Vorhaben seien für Schanghai ohnehin vorgesehen gewesen, etwa der Ausbau der U-Bahn-Strecke auf 420 Kilometer Länge. "London hat dafür 150 Jahre gebraucht, wir 15." Wus Begeisterung wird von vielen Schanghaiern geteilt. Sie leiden zwar unter den Baustellen, sind angesichts voller Straßen aber dankbar für die neuen Transportmittel, die eigentlich erst 2020 oder 2025 hätten fertig werden sollen.
Anders als an früheren Standorten finde die Weltausstellung diesmal im Stadtkern statt, erläutert Wu. Sie nutzt ein altes Industriegebiet, dessen mehr als 270 Betriebe man verlagert hat, darunter Werften und ein Stahlwerk. Freilich mussten, wie Wu zugibt, auch 18 000 der 28 000 hier wohnenden Familien weichen.
Wichtige Teile der neuen Bauten bleiben nach Ende der Ausstellung stehen: Im chinesischen Pavillon soll ein Museum für chinesische Kultur einziehen. Andere Gebäude nehmen eine Konzerthalle, ein Konferenzzentrum oder Messeflächen auf. Als Blickfang und Einkaufszentrum erhalten wird der Expo-Boulevard, den Stuttgarter Architekten und Ingenieure mit der größten Membran der Welt überspannt haben. Auf einem Teil des Terrains plant Wu die Ansiedlung von Konsulaten, am Ufer will er einen sechs Kilometer langen Gartenstreifen erhalten. "Für all das hat Schanghai der Platz gefehlt, die Expo ist eine einzigartige Chance", sagt der Professor für Stadtplanung.
Wenig Verständnis hat Wu für die Auflagen des Expo-Komitees Bureau International des Expositions, wonach etliche Gebäude wieder abgerissen werden müssen, darunter die meisten der fast 100 Länderpavillons. "Das halte ich für falsch und für nicht gerade nachhaltig", sagt Schanghais Wächter über die Nachhaltigkeit. Für die Aussteller bedeutet die Vorgabe, dass sie möglichst viele wiederverwertbare Materialien einsetzen müssen. Die 1200 Tonnen Stahl im deutschen Pavillon etwa, der aussieht wie ein Parkhaus nach einem Erdbeben, werden eingeschmolzen. Aus der Außenhaut will man Sonnendächer schneidern - und Taschen für verdiente Expo-Besucher. Davon braucht man eine ganze Menge: die Textilplane ist 12 000 Quadratmeter groß.