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Im Gespräch: Steve Keen, Professor an der University of Western Sydney "In der größten Finanzblase aller Zeiten"

07.01.2010 ·  Um die Wiederholung der Finanzkrise zu vermeiden, müssten dogmatische Ökonomen und der Finanzsektor zurückstecken, sagt der Professor Steve Keen. Er hatte rechtzeitig vor ihr gewarnt.

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FRAGE: Die Börsianer glauben, die Krise sei vorbei. Sie auch?

ANTWORT: Nein, der irrationale Überschwang ist zurückgekehrt. Schon in den Jahren 1929 und 1930 stiegen die Kurse stark, weil viele dachten, das Jahr 1930 werde wirtschaftlich gut werden. Das war nicht der Fall, und die Kurserholung lief aus.

FRAGE: Wieso ist die Krise nicht vorbei?

ANTWORT: Im Rahmen einer spekulativen Manie sind zu viele Schulden angehäuft worden. Geld wurde nicht verdient, indem man Güter produzierte, sondern durch Spekulation. Steigende Vermögenspreise wurden getrieben durch eine zunehmende Diskrepanz zwischen Schulden und Einkommen. Solche Prozesse laufen, bis sie brechen - und an genau diesem Punkt sind wir nun angelangt. Der private Sektor vermindert die Verschuldung, und das schwächt die Nachfrage.

FRAGE: In den vergangenen Wochen gab es jedoch Wachstumssignale.

ANTWORT: In einem gewissen Sinne ist das so. Die Wirtschaftspolitik wurde bestimmt von neoklassischen Ökonomen wie Robert Lucas oder Thomas Sargent, die im Rahmen der Thesen der rationalen Erwartungen argumentierten, Regierungen könnten die konjunkturelle Entwicklung nicht beeinflussen. Sie rechneten nicht mit einer Krise im Privatsektor. Edward Prescott, Wirtschafts-Nobelpreisträger im Jahr 2004, erklärte sogar, das kapitalistische System sei in sich stabil und Störungen könnten nur vom öffentlichen Sektor ausgehen. Die Krise führte aber zu einem Umdenken: Öffentliche Ausgabenprogramme in Höhe von 4 bis 6 Prozent des Weltsozialproduktes führten zu einer Stabilisierung. Auch das zeigt, dass die neoklassische Theorie falsch ist.

FRAGE: Können Staatsausgaben den Schuldenabbau der privaten Haushalte ausgleichen?

Sobald die Stimulierungsmaßnahmen auslaufen, wird der Entschuldungsprozess die Konjunktur wieder belasten. Vor allem in Staaten, die hohe Verbindlichkeiten haben. Dort zeichnet sich eine ähnliche Entwicklung wie in Japan ab, wo das Wachstum der vergangenen Jahre nicht groß genug war, um den Bevölkerungszuwachs auffangen zu können.

FRAGE: Wie ließe sich das vermeiden?

ANTWORT: Man muss gegen die Schulden vorgehen, die zur Finanzierung von Vermögenspreisspiralen dienten. Die Verantwortung dafür liegt auf der Gläubiger- und weniger auf der Schuldnerseite. Im Jahr 1990 lag das Verhältnis von Hypotheken zum Bruttoinlandsprodukt in Australien bei 17 Prozent. Heute beträgt es mehr als 80 Prozent. Banken machten gute Geschäfte mit professionellen Spekulanten. Als diese in den neunziger Jahren Rückschläge erlitten, gingen sie dazu über, Privatpersonen zu finanzieren und sie auf steigende Hauspreise wetten zu lassen. Dafür jedoch brauchen wir den Finanzsektor nicht. Er sollte alleine industriellen Unternehmen und Neugründungen dienen, statt Ponzisysteme zu fördern.

FRAGE: Wird das erreicht?

Nein. Viele der Rettungsmaßnahmen, vor allem in Amerika, sind darauf ausgerichtet, das bestehende Finanzsystem zu retten. Es hat aber wegen unverantwortlicher und ausgesprochen schlechter Kreditvergabe längst versagt. Die beste Lösung wäre, die Schulden zu beseitigen. Man könnte sie einfach abschreiben. Das würde zum Konkurs der meisten Banken führen, die verstaatlicht und später reprivatisiert werden könnten. Oder man könnte für Inflation sorgen. Diese Varianten werden jedoch ignoriert. In Australien werden die Verbraucher sogar wieder ermuntert, sich noch stärker zu verschulden. Schulden führten zu mehr Wachstum und das sei gut, so die Logik. Langfristig betrachtet ist das jedoch falsch - und das müssen wir akzeptieren.

FRAGE: Was wird aus den Banken?

ANTWORT: Die Banken sind verdorben worden. Ohne staatliche Rettungsaktionen hätten die meisten großen amerikanischen Banken nicht überlebt, selbst Goldman Sachs wäre untergegangen. Die Stützungsmaßnahmen jedoch führen dazu, dass sie sich wieder wie früher verhalten - obwohl das direkt in die Krise führte. Rund 80 Prozent der Tarp-Gelder, die die Wirtschaft beleben sollten, gingen direkt in Spekulationen an den Börsen. Deswegen sind die Aktienkurse so stark gestiegen. Die Banken sind zurückgekehrt zum "business as usual", obwohl das Scheinwachstum vor der Krise im Kern alleine auf das zunehmende Verhältnis zwischen Schulden und Sozialprodukt zurückging. Es lässt sich aber nicht grenzenlos ausdehnen.

FRAGE: Das heißt?

ANTWORT: Wenn wir künftig zurückblicken, werden wir sehen, dass wir uns in der größten Finanzblase aller Zeiten befinden. Ein Grund dafür ist der Bankensektor, der völlig außer Kontrolle geraten ist. Der zweite liegt in der neoklassischen Wirtschaftstheorie, die die Entwicklung theoretisch unterlegte und rechtfertigte. Um die Wiederholung zu vermeiden, müssten dogmatische Ökonomen und der Finanzsektor bluten. Stattdessen jedoch wird er wieder zum selben Verhalten ermuntert, das uns direkt in die Krise brachte.

FRAGE: Was bedeutet das generell?

ANTWORT: In den vergangenen 40 Jahren hat der Finanzbereich Kredite aus nichts geschaffen und damit Spekulationen, aber nichts Substantielles finanziert. Der scheinbare Wohlstand, den wir in dieser Zeit erreichten, ist in gewissem Sinne eine Illusion. Faktisch muss der Lebensstandard im Rahmen einer notwendigen Normalisierung fallen. Wir sind jedoch noch weit davon entfernt, das akzeptieren zu können. Das gilt vor allem auch für die politische Klasse.

FRAGE: Und für Anleger?

ANTWORT: Ich denke, am besten blickt man zurück auf die zwanziger Jahre. Damals war es das Beste, sich aus Aktien zu verabschieden und "in Cash zu gehen". Wer in Wertpapiere und Rohstoffe investierte, musste später deutliche Verluste hinnehmen.

Das Gespräch führte Christof Leisinger. Es ist in voller Länge unter faz.net/keen nachzulesen.

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