17.12.2009 · Ralf Nachtigall berät Unternehmen, die Börsengänge oder eine Kapitalerhöhung planen. Er erklärt, warum es Börsengänge in Deutschland schwer hatten und warum 2010 alles besser werden soll.
FRAGE: Herr Nachtigall, warum funktionieren in Deutschland Börsengänge wie zuletzt bei Scan Energy und Hochtief Concessions nicht?
ANTWORT: Das Jahr 2009 war ein sehr aktives Aktienemissionsjahr in Europa. Dies betrifft weniger Börsengänge, sondern in erster Linie Kapitalerhöhungen. 2009 war mit einem Volumen in Höhe von 229 Milliarden Euro eines der aktivsten Emissionsjahre seit 2000. Die Märkte sind aufnahmefähig, das gilt zunehmend auch für Börsengänge. Nur weil eine oder zwei Transaktionen nicht gelaufen sind, ist das noch kein Grund, an den positiven Aussichten für den Emissionsmarkt in 2010 zu zweifeln.
FRAGE: Aber in Deutschland hat es in 2009 mit Vtion nur ein Kandidat an die Börse geschafft.
ANTWORT: In Amerika hat sich der Markt für Börsengänge (IPO) früher als bei uns geöffnet, unter anderem getrieben von Private-Equity-Gesellschaften, die nun verstärkt ihre früher erworbenen Portfolio-Unternehmen über den Aktienmarkt wieder abgeben. Vor diesem Hintergrund wird nun auch Europa nachziehen. Im vierten Quartal haben wir in Europa insgesamt sechs IPOs gesehen, mit einem Emissionsvolumen von mehr als 4 Milliarden Euro. Das kann sich doch schon wieder sehen lassen.
FRAGE: Und warum hat es in Deutschland nicht geklappt?
ANTWORT: Das hatte transaktionsspezifische Gründe. Daraus kann man keine Tendenz ableiten. Für eine anhaltende Flaute am IPO-Markt sehen wir jedenfalls keine Anzeichen, im Gegenteil.
FRAGE: Was heißt das konkret?
ANTWORT: Wenn ein Börsengang nicht klappt, liegt das oft daran, dass die Aktien den Investoren zu teuer waren. So ist es wohl auch in den genannten Fällen gewesen. Außerdem haben es kleinere IPOs wie Scan Energy kurz vor Jahresende häufig schwer, bei den Investoren noch ausreichend Aufmerksamkeit zu bekommen. Aus solchen Gründen abzuleiten, dass sich der IPO-Markt im kommenden Jahr nicht öffnen wird, halte ich für unzulässig. Es gibt zu viele positive Faktoren, die für eine Marktöffnung sprechen.
FRAGE: Welche?
ANTWORT: Der Risikoappetit der Investoren hat zugenommen, das ist unter anderem an der Zunahme der Gewichtung von Aktien in den Portfolios institutioneller Investoren abzulesen. Die Talsohle ist durchschritten. Die moderat positive Entwicklung an den Finanzmärkten dürfte sich fortsetzen.
FRAGE: Nicht wenige Marktbeobachter erwarten aber, dass es an den Finanzmärkten im Frühjahr einen Rückschlag gibt.
ANTWORT: Natürlich gibt es die Diskussion um ein "Double Dip", also dass die Konjunktur nochmals ins Minus dreht, mit möglicherweise unangenehmen Folgen für die Börsen. Wir hören aber in den Gesprächen mit Investoren, dass sie verhalten optimistisch in das nächste Jahr hineingehen und bereit sind zu investieren, wenn ihnen die Story gefällt. Rückschläge wie den Fall Dubai kann es zwar immer wieder geben. Doch das hatte der Markt relativ schnell weggesteckt.
FRAGE: Was erwarten Sie für den Aktienmarkt in 2010?
ANTWORT: Wir geben keine Marktprognosen ab. Wir rechnen aber für das nächste Jahr mit einer moderat positiven Entwicklung. Den Anstieg seit März sollte man jedoch nicht linear fortschreiben. Solange die Unternehmen weiterhin die Erwartungen der Research-Analysten erfüllen, kann es weiter aufwärtsgehen. Das wären gute Bedingungen für geplante Börsengänge.
FRAGE: Wie viele Börsengänge erwarten Sie, wie hoch ist das Emissionsvolumen?
ANTWORT: Wir sehen für Deutschland 15 bis 20 Kandidaten, die etwas machen könnten, für Europa ein Vielfaches dieser Zahl. Viele davon sind bereits in Vorbereitungen. Was das Emissionsvolumen angeht, will ich mich nicht festlegen.
FRAGE: Die Aktienmärkte werden primär angetrieben von der Geldschwemme der Notenbanken. Fällt diese Unterstützung weg, wäre es mit den Kursanstiegen schnell vorbei. Dann haben es auch Börsengänge schwer.
ANTWORT: Notenbanken und Regierungen werden Märkte und Realwirtschaft nicht über Nacht im Stich lassen. Zudem entfalten manche ihrer Maßnahmen der vergangenen Monate ihre positive Wirkung erst langsam. Wir sehen, dass sich in den Schwellenländern die Dinge sehr positiv entwickeln, das dürfte Nachfrage in Europa stimulieren und die Industrieproduktion erhöhen. Dass wir 2010 auch Korrekturen erleben könnten, ist natürlich denkbar, die Grundstimmung ist aber eindeutig positiv.
FRAGE: 2009 war das Jahr der Kapitalerhöhungen. Geht dieser Trend weiter?
ANTWORT: Bilanzreparaturen werden im nächsten Jahr weiter ein Thema bleiben. Viele Unternehmen haben eine finanzielle Restrukturierung noch vor sich. Sie müssen ihre Verschuldung abbauen und brauchen mehr Eigenkapital, das sie sich über Kapitalerhöhungen an der Börse besorgen können. Auch der Markt für Fusionen und Übernahmen beginnt langsam wieder anzuziehen. Es gibt auch viele Unternehmen, die über die Plazierung gelisteter Unternehmensanteile nachdenken. Wenn die Kurse wieder zulegen, steigt das Interesse, sich von solchen Anteilen zu trennen, um Kapital freizusetzen, das zur Stärkung des Kerngeschäfts genutzt werden kann. Wir erwarten eine komplette Öffnung des Aktien-Emissionsmarktes: Kapitalerhöhungen gehen weiter, und IPOs und Umplazierungen kommen 2010 hinzu.
Das Gespräch führte Tim Höfinghoff.