15.04.2009 · In China steigen die Aktienkurse kräftig. Zwei Dinge treiben die Börse: Liquidität und die Erwartung von Regierungseingriffen.
FRAGE: China-Anleger sind sehr optimistisch geworden. Sind Sie das auch?
ANTWORT: Nein. Es ist noch offen, ob die Kursgewinne an der chinesischen Börse gerechtfertigt sind. Tatsächlich haben wir in China bisher keine wirtschaftliche Erholung gesehen. Viele der scheinbar positiven Faktoren sind auf Sondereffekte zurückzuführen.
FRAGE: Ist das im Rohstoffsektor nicht anders?
ANTWORT: Im Stahl-, Aluminium- und Betonbereich wurden die Lagerbestände erhöht. Das beweist aber nicht, dass die Wirtschaft anziehen wird, sondern nur, dass man darauf hofft. Sollte die Konjunktur sich nicht beleben, müssten die Lager mühsam bereinigt werden. Ich selbst bin nicht sonderlich optimistisch.
FRAGE: Wieso nicht?
ANTWORT: Mein Pessimismus ist zurückzuführen auf die Zahlungsbilanzverhältnisse. China produziert etwa 7 Prozent des Bruttoinlandsproduktes mehr, als es konsumiert. Das "Geschäftsmodell" funktionierte, solange es einen Konsumenten gab, der die Differenz verlässlich aufnahm: den amerikanischen Verbraucher. Nun sieht es so aus, als ob dieser durch einen Entschuldungsprozess gehen wird. Die Konsumnachfrage wird voraussichtlich nur noch unterdurchschnittlich zunehmen.
FRAGE: Mit welchen Konsequenzen?
ANTWORT: Amerikas Handelsbilanzdefizit wird rasch und deutlich zurückgehen. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass die Überschüsse der Produktionsstaaten fallen müssen.
FRAGE: Was bedeutet das für China?
ANTWORT: Die Zunahme der Kredite und die Fiskalprogramme sind reine Wetten darauf, dass sich das globale Wachstum bis zum kommenden Jahr erholen wird. Wenn nicht, stehen wir vor denselben Problemen wie heute, nur bei schwerwiegenderen Kreditproblemen im Bankensystem, bei höherer Staatsverschuldung und bei höheren Lagerbeständen.
FRAGE: Welches Ziel haben die Fiskalprogramme?
ANTWORT: Sie sollen die chinesische Binnennachfrage beflügeln. Viele Mittel fließen aber in Infrastrukturprojekte. Das schafft zwar Arbeitsplätze. Doch besteht die Gefahr, dass die Produktion schneller wächst als die Nachfrage und der Handelsüberschuss weiter gesteigert werden muss. Das ist handelspolitisch problematisch und geht in Zeiten schrumpfender Handelsbilanzdefizite nur zu Lasten konkurrierender Staaten.FRAGE:
Wie stark ist China vom Handel mit den Vereinigten Staaten abhängig?
ANTWORT: Sie sind weltweit für zwei Drittel der Handelsbilanzdefizite weltweit verantwortlich. FRAGE:
Es heißt, China habe im Produktionsbereich Überkapazitäten.
ANTWORT: China muss sich anpassen und den Binnenkonsum ankurbeln. Die Annahme ist aber verrückt, man könne in ein oder zwei Jahren von Export- auf Binnenmarktorientierung umschalten. In den Vereinigten Staaten dauerte der Umstellungsprozess im vergangenen Jahrhundert rund 20 Jahre, und in Japan ist er nach 19 Jahren nicht abgeschlossen. Oder das Land muss die Produktion einschränken, was gleichzeitig wieder die Nachfrage dämpfen würde.
FRAGE: Wie lautet Ihr Fazit?
ANTWORT: Der Übergangsprozess in China wird länger und schmerzvoller, als viele erwarten. Das gesamte asiatische Entwicklungsmodell ist ausgereizt. Es ist nicht mehr möglich, den Binnenkonsum einzuschränken, die Ersparnisse in die Exportwirtschaft zu investieren und immer größere Überschüsse im Außenhandel zu erzielen. Denn es gibt keinen "ultimativen Konsumenten" mehr.
FRAGE: Was heißt das für den Anleger?
ANTWORT: Ich halte, abgesehen von kurzfristigen, spekulativen Investments, nur liquide Mittel. Ich rechne mit Schwierigkeiten bei Asiens Banken und mit entsprechenden Folgen für die Aktienkurse.
FRAGE: Sind die Kursgewinne an den chinesischen Börsen ein Indiz für inflationäre Phänomene?
ANTWORT: China bietet nicht die Struktur, die Aktienanlagen auf fundamentaler Basis ermöglicht. Es ist ein sehr spekulativer Markt. Zwei Dinge treiben die Kurse: Liquidität und erwartete Regierungseingriffe. Beides ist im Moment sehr positiv für die Märkte. Die Regierung ist an steigenden Märkten interessiert, während die Liquiditätsversorgung üppig scheint. Doch mit der tatsächlichen Wirtschaftsentwicklung hat das nichts zu tun.
Das Gespräch führte Christof Leisinger.