24.03.2009 · In den vergangenen Tagen hat sich die Stimmung an den Aktienmärkten aufgehellt. Allerdings gibt es Zweifel an der Nachhaltigkeit. Gary Shilling hält den Aufschwung nur für eine Bärenmarktrally.
FRAGE: Die Anleger haben in den vergangenen Tagen an den Börsen zugegriffen - die Kurse sind deutlich gestiegen. Würden Sie jetzt auch Aktien kaufen?
ANTWORT: Nein, das ist eine Bärenmarktrally. Die wirtschaftlichen Grundprobleme weltweit sind nicht gelöst. Die amerikanischen Konsumenten ziehen sich weiter zurück und schränken ihre Ausgaben ein. Das bremst nicht nur die wirtschaftlichen Aktivitäten in den Vereinigten Staaten, sondern global. Immerhin sind viele Staaten von Exporten abhängig, die direkt oder indirekt an die amerikanischen Verbraucher gehen. Die haben keine Wahl. Sie waren in der Vergangenheit stark von steigenden Börsen und Häuserpreisen abhängig und können sich nun nicht mehr refinanzieren.
FRAGE: Wird sich ihre Lage nun nicht bald verbessern, nachdem der Geithner-Plan so euphorisch aufgenommen worden ist?
ANTWORT: Der Geithner-Plan bringt kein Geld in die Taschen der Verbraucher. Er dreht sich um den Kauf problematischer Vermögenswerte aus den Beständen von Banken und Finanzunternehmen. Allerdings gibt es viele offene Fragen: Ob und wie das Programm überhaupt funktionieren kann; ob Hedge-Fonds bereit sind, die Papiere zu kaufen; ob die Preise attraktiv sind oder ob sie noch weiter fallen können; und ob man Washington nach den Diskussionen über die AIG-Boni überhaupt noch trauen kann. Seit die amerikanische Zentralbank begonnen hat, die Geldpolitik zu lockern, konnten wir das Prozedere der vergangenen Tage schon wiederholt beobachten. Es gab mehrere Programme dieser Art. Zunächst wurden sie mit Euphorie begrüßt. Jedes Mal jedoch brachten sie die Aktien weiter nach unten, nachdem sie mit der Realität konfrontiert wurden.
FRAGE: Würden Sie als Anleger bei diesem Plan zugreifen?
ANTWORT: Das Kernproblem ist, dass es keinen Markt für solche Papiere gibt. Die Preise, zu welchen Anleger kaufen würden, liegen weit unter dem, was sich die Regierung vorstellt. Ob diese Lücke mit öffentlichen Mitteln überbrückt werden kann, muss sich erst noch herausstellen.
FRAGE: Kritiker argumentieren, das Programm sei ein weiteres massives und ineffizientes Geschenk an die Wall Street zu Lasten der Steuerzahler.
ANTWORT: Genau das ist es. Es bietet die Möglichkeit, Geld auf die gute alte Art zu verdienen: mit Können, Glück, Weitsicht, harter Arbeit - und mit so vielen staatlichen Beihilfen, dass kaum etwas schiefgehen kann. Die Resolution Trust Corporation war im Rahmen der "Savings and loan"-
Krise vor zwei Jahrzehnten ähnlich angelegt. Sie verkaufte problematische Vermögenswerte zu sehr tiefen Preisen, während andere auf Kosten des Staates große Gewinne machten.
FRAGE: Das heißt, man sollte jetzt Allianz-Aktien kaufen, da die amerikanische Tochtergesellschaft Pimco voraussichtlich gute Geschäfte machen wird?
ANTWORT: Genau. Pimco, Blackrock und andere werden von den Steuergeldern profitieren. Versuchte man in der Vergangenheit aus moralischen und Gerechtigkeitsgründen noch zwischen "guten" und "schlechten" Marktteilnehmern zu unterscheiden, so scheint man angesichts der Dimension der Probleme immer mehr zu allgemeinen und pauschalen Rettungsaktionen zu tendieren. Man will aus den Schwierigkeiten herauskommen - koste es, was es wolle.
FRAGE: Was passiert mit den großen Banken?
ANTWORT: Ich denke, man wird versuchen, die Banken arbeiten zu lassen, ohne sie zu verstaatlichen oder ohne sie in die Insolvenz zu treiben. Allerdings werden sie stärker als bisher reguliert. Die Geschäftsmodelle werden zu ihren Wurzeln zurückkehren. Die Tage, in denen sie mit der Verbriefung von Produkten, dem Eigenhandel, speziellen Anlagevehikeln außerhalb der Bilanzen oder - in einem Wort - mit extremen Verhältnissen von Fremd- zu Eigenkapital hohe Gewinnzuwächse erzielen konnten, sind vorbei: mindestens für eine Generation.
FRAGE: Was bedeutet das?
ANTWORT: Wir werden im kommenden Jahrzehnt geringeres Wachstum als bisher sehen. Denn erstens wird die Verschuldung in der Finanzbranche weiter reduziert. Zweitens werden die amerikanischen Konsumenten zum ersten Mal seit 25 Jahren wieder mehr sparen. Die Sparquote kann auf bis zu 10 Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigen. Drittens wird die zunehmende Regulierung das Wachstum und die Innovationsmöglichkeiten beschränken. Viertens werden protektionistische Tendenzen zunehmen.
FRAGE: Woran machen Sie das fest?
ANTWORT: Die ersten protektionistischen Maßnahmen waren im Finanzbereich zu beobachten. Jedes Land versuchte, seine Banken zu schützen. Es fing an in Irland, setzte sich dann im gesamten Europa fort und endete schließlich in den Vereinigten Staaten in Form der TARP-Gelder. Nachdem die Finanzkrise auf die Realwirtschaft übergesprungen ist, sind auch dort ähnliche Phänomene zu beobachten.
FRAGE: Sie malen ein schwarzes Bild von den Banken. In den vergangenen Tagen kamen jedoch verschiedene Institute heraus und erklärten, sie verdienten wieder Geld und würden sogar Gewinne ausweisen.
ANTWORT: Das wird kaum überraschen, immerhin haben viele von ihnen günstige öffentliche Gelder angenommen. Ihr Problem liegt nicht so sehr auf der Einkommensseite, als vielmehr in der andauernd schwachen Qualität der Bilanzen. Abgesehen davon zögern sie, Kredite zu vergeben. Von August des vergangenen bis in den Februar des laufenden Jahres stiegen die Reserven der amerikanischen Banken um 662 Milliarden Dollar. Die Geldmenge M2 dagegen nahm im gleichen Zeitraum nur um 606 Milliarden Dollar zu. Führte ein Dollar zusätzlicher Reserven normalerweise dazu, dass M2 um das 70-Fache zunahm, so lag dieser Multiplikator in den vergangenen Monaten unter eins. Die Banken sanieren weiterhin ihre Bilanzen. Ich glaube nicht, dass die Kreditvergabe zunehmen wird, bevor die Wirtschaft ihren Boden gesehen hat. Und das wird frühestens im kommenden Jahr der Fall sein.
FRAGE: Was machen Anleger daraus?
ANTWORT: Ich gehe davon aus, dass der S&P-500-Index im laufenden Jahr auf 600 Punkte fallen wird. Ich gehe von einem Gewinn von 40 Dollar je Aktie und einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 15 aus. Auf der Rentenmarktseite setzen wir immer noch leicht auf amerikanische Staatsanleihen. Allerdings haben wir inzwischen einen großen Teil der starken Positionen, die wir in den vergangenen Jahren hatten, abgebaut. Dagegen glauben wir, dass der Dollar weiter aufwerten kann, bis er die Parität zum Euro erreicht hat.
FRAGE: Manche argumentieren, der amerikanische Häusermarkt - er steht im Zentrum der Krise - habe seinen Boden gefunden.
ANTWORT: Ich glaube nicht, denn es gibt aus der Boomphase der vergangenen Jahre einen Bestand von zwei Millionen unverkauften Häusern, der über dem normalen Niveau von 1,5 Millionen pro Jahr liegt. Ein Überschuss ist der "normale Feind" des Preises. Das heißt, der Preisverfall wird vorerst weitergehen. Die in den vergangenen Tagen veröffentlichten Daten waren sicherlich verzerrt. Die meisten Häuser werden im Moment über Zwangsversteigerungen verkauft.
FRAGE: Sie machten jüngst einen interessanten Vorschlag: Die Verbindung zwischen Einwanderungsmöglichkeiten und dem Kauf eines amerikanischen Hauses.
ANTWORT: Ja, auf diese Weise ließe sich der Häusermarkt rasch ins Gleichgewicht bringen. Der Vorschlag stieß sogar auf das Interesse der Obama-Administration.
Das Gespräch führte Christof Leisinger.