27.10.2008 · Vergleich von Juden und Managern in Wirtschaftskrisen zurückgenommen
svs. FRANKFURT, 27. Oktober. Der Präsident des Münchener Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, hat sich beim Zentralrat der Juden in Deutschland für seinen Vergleich von Juden und Managern während großer Wirtschaftskrisen entschuldigt. In einem Brief an die Präsidentin des Zentralrats, Charlotte Knobloch, schrieb der 60 Jahre alte Ökonom am Montag: "Ich bitte die jüdische Gemeinde um Entschuldigung und nehme den Vergleich zurück." Es sei ihm darum gegangen, Verständnis dafür zu wecken, dass die wirklichen Ursachen weltwirtschaftlicher Krisen Systemfehler sind, die aufgedeckt werden müssen. Die Suche nach vermeintlichen Schuldigen führe stets in die Irre.
Knobloch nahm Sinns Entschuldigung an, machte aber gegenüber dieser Zeitung gleichzeitig deutlich: "In der Aussage von Professor Sinn vermisse ich die Sensibilität der Vergleiche, vor allem weil in rechtsradikalen Kreisen bereits solche Vorwürfe grassieren."
Ausgangspunkt war ein Interview gewesen, in dem Sinn auf die Rolle von Sündenböcken in Krisen eingegangen war und Parallelen zwischen der heutigen Situation und der Weltwirtschaftskrise 1929 gezogen hatte: "Damals hat es in Deutschland die Juden getroffen, heute sind es die Manager." Als Volkswirt gehe es ihm um falsche Anreize und fehlende Regeln, wurde Sinn zitiert.
Dieser Vergleich hatte am Montag eine Welle der Empörung unter Politikern und Vertretern von Verbänden und Kirchen verursacht. Schließlich schaltete sich sogar die Bundesregierung ein. Der Sprecher der Bundeskanzlerin hatte Sinn aufgefordert, den Vergleich zurückzunehmen. Der von dem Münchener Ökonomen gewählte Vergleich sei "vor der deutschen Geschichte nicht zulässig". Ähnlich hatte sich das Wirtschaftsministerium geäußert, für das Sinn und sein Institut zuweilen tätig sind.
Der durch zahlreiche Publikationen und Medienauftritte auch einem größeren Publikum bekannte Hans-Werner Sinn gehört zu den einflussreichsten Ökonomen in Deutschland, aber auch zu den umstrittensten. Er vertrat etwa die These, dass die Gewerkschaften mit zu hohen Lohnabschlüssen maßgeblich zur Massenarbeitslosigkeit in Deutschland beigetragen haben, plädierte für eine Lockerung des Kündigungsschutzes sowie eine deutliche Senkung des Hartz-IV-Regelsatzes bei verbesserten Zuverdienstmöglichkeiten. Außerdem prägte Sinn Debatten mit Begriffen wie dem der "Basarökonomie"; dieser beschreibt den sinkenden Anteil der inländischen Wertschöpfung bei gleichzeitig steigendem Anteil der aus dem Ausland bezogenen Vorleistungen.