Home
http://www.faz.net/-1va-16i80
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Google hat private Funknetze angezapft

16.05.2010 ·  Internetkonzern gesteht "großen Fehler" ein / Datenschützer empört

Artikel Lesermeinungen (0)

ht. FRANKFURT, 16. Mai. Der amerikanische Internetkonzern Google hat drei Jahre lang persönliche Daten der Internetnutzer aus ihren offenen lokalen Funknetzen (W-Lan) mit seinen Street-View-Autos erfasst und gespeichert. Nach Angaben von Google handelt es sich zum Beispiel um Fragmente von E-Mails oder Inhalte von abgerufenen Websites. "Das war ein Fehler, den wir zutiefst bedauern und für den wir um Entschuldigung bitten", sagte ein Google-Sprecher. Als Grund für die unberechtigte Erfassung der Daten nannte der Konzern eine fehlerhafte Software.

Die Daten wurden von den Autos erfasst, die für das Google-Projekt Street View alle Straßen und Häuser fotografieren. Auf den Autos sind Kameras installiert, die in 2,90 Metern Höhe in alle Richtungen fotografieren. Die Fotos werden dann von Google zusammengesetzt, um auch Straßen oder Läden besser auffindbar zu machen. Die Gesichter der dabei fotografierten Menschen oder Autokennzeichen sollten unkenntlich gemacht werden. Google hatte sich vor einigen Wochen mit den Datenschützern auch geeinigt, dass jeder Bürger die Fotos seines Hauses aus Street View entfernen lassen kann. Vor kurzem wurde bekannt, dass die Google-Autos auch die erkannten W-Lans erfassen und speichern - allerdings nur den Verschlüsselungsstatus der Geräte, die Seriennummer (MAC-Adresse) und den vom Nutzer vergebenen Namen der Funkstation (SSID). Nun gab Google zu, dabei auch Daten der Nutzer in aller Welt mit erfasst zu haben. Da die Autos fünf Mal in der Sekunde den Funkkanal wechseln, soll es sich aber nur um Datenfragmente aus ungeschützten Verbindungen handeln. Geschützte Daten, die zum Beispiel bei Passworteingaben oder Online-Bankverbindungen eingesetzt werden, seien nicht gespeichert worden. Die Erfassung und Speicherung sei Google erst aufgefallen, nachdem sich das Unternehmen mit einem detaillierten Fragenkatalog des Hamburger Datenschutzbeauftragten Johannes Caspar auseinandergesetzt habe.

Während es in den meisten Ländern der Welt bisher kaum Proteste gegen Googles Street-View-Projekt gab, sehen sich die deutschen Datenschützer nun in ihrer kritischen Haltung bestätigt. "Es ist schwer vorstellbar, dass dies erst jetzt aufgefallen ist", sagte der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar. "Es stellt sich die Frage, wie wir weiter mit Google umgehen, wie glaubwürdig die Erklärungen des Unternehmens sind." Nach Schaars Angaben hat Google den Fragenkatalog seines Hamburger Kollegen bisher nicht beantwortet. Bei der Vorführung eines Kamera-Autos habe dieser feststellen müssen, dass die Festplatte ausgebaut war. Die bislang ausgebliebene Antwort habe Google Deutschland damit begründet, dass der Brief an die falsche Adresse gegangen sei. Die Mitarbeiter von Street View arbeiteten für die amerikanische Muttergesellschaft. "So etwas habe ich in meiner langen Zeit als Datenschutzbeauftragter bei keinem seriösen Unternehmen erlebt", sagte Schaar. Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) sagte, der Vorgang sei "alarmierend und ein weiterer Beleg dafür, dass Datenschutz für Google noch immer ein Fremdwort ist". Der Hamburger Justizsenator Till Steffen forderte ein Gesetz, "um den Konzern an die Leine zu legen". Nach Ansicht von Juristen ist das Erfassen der Daten ein Verstoß gegen das Fernmeldegeheimnis und könnte auch juristische Konsequenzen für Google haben. Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) sagte in München: "Google hat jetzt ein Glaubwürdigkeitsproblem." Die Verbraucher "sollten jetzt ihre Macht demonstrieren und sagen: Mit uns nicht".

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen