07.02.2010 · Pierre Kosciusko-Morizet nimmt es im Alter von 32 Jahren mit dem Internetriesen auf
Die markanten Gesichtszüge, der Bart und dessen rötliche Farbe - all das hat etwas von Vincent van Gogh. Damit enden freilich schon die Gemeinsamkeiten zwischen Pierre Kosciusko-Morizet und dem niederländischen Maler. Allenfalls mit dessen Bruder Theo van Gogh, dem Kunsthändler, könnte Kosciusko-Morizet etwas gemein haben, denn dieser hielt das Geld zusammen. Kosciusko-Morizet weiß es nicht nur zusammenzuhalten, sondern auch zu mehren. Er ist Frankreichs Antwort auf das amerikanische Internetunternehmen Ebay. "In diesem Jahr überholen wir Ebay bei der Zahl der unique users, der einmaligen Benutzer", sagt er selbstbewusst. Der Umsatz und der Gewinn vor Zinsen und Steuern sollen in diesem Jahr um jeweils ein Viertel steigen. Auf welchen Wert, verrät er freilich nicht. Experten schätzen die jüngsten Jahreserlöse auf rund 100 Millionen Euro.
Früh übt sich - Kosciusko-Morizet ist trotz seiner 32 Jahre kein Neuling. Vor neun Jahren schon rief er mit vier Kollegen "Priceminister.com" ins Leben - eine Vermittlungsseite, die Käufer und Verkäufer aller Arten von Waren zusammenbringt. Ein wichtiger Unterschied zu Ebay: Die Schaltung einer Anzeige ist für die Verkäufer kostenlos, die Provision bei erfolgreicher Transaktion für Priceminister von bis zu rund 15 Prozent allerdings nicht gering. Es wird nicht gesteigert, sondern auf Basis fester Preise gehandelt. Das Geld schickt der Käufer auch nicht direkt an den Verkäufer, sondern erst an Priceminister. Das Unternehmen leitet es an den Verkäufer weiter, sobald der Käufer den Erhalt der Ware zu seiner Zufriedenheit bestätigt. Die Risiken seien überschaubar. "Nur 0,4 Prozent unser Transaktionen bringen Probleme mit sich", sagt Kosciusko-Morizet. Jeder Teilnehmer muss seine Kreditkarten- und Bankkonto-Daten angeben. "Unser Modell schafft mehr Vertrauen", glaubt Kosciusko-Morizet. Daher rechnet der Franzose mit dem Erfolg der 2009 lancierten Expansion auf den britischen Inseln. "Wenn wir in Großbritannien Erfolg haben, dann nehmen wir uns Deutschland vor. Das ist ein äußerst schwieriger Markt, denn in keinem anderen Land der Welt - auch nicht in den Vereinigten Staaten - hat Ebay eine solche Dominanz."
Kosciusko-Morizet residiert mit seiner Firma im zehnten Arrondissement von Paris in einem alten, lichtdurchfluteten Fabrikgebäude, in dem einst Heißluftballons hergestellt wurden. Die hohen Glasscheiben sind ebenso betagt wie die Heizkörper, was kalte Winter und heiße Sommer zur Herausforderung machen kann. Doch die großzügigen Räume, die wie in einem Schiffsraum durch Brücken miteinander verbunden sind, haben Charme. An der Tür zur Straße weist kein Schild den Weg, der über einen Hinterhof führt. Priceminister will nur im Internet auffallen. Im April 2008 stand das Unternehmen für einen Börsengang schon in den Startlöchern, doch dann wurden die Aktien infolge der sich anbahnenden Finanzkrise schwach. "Wir fangen jetzt wieder an, über das Thema nachzudenken. Vielleicht könnte es in der zweiten Hälfte des Jahres oder 2011 klappen." Kosciusko-Morizet braucht Mittel für Zukäufe, denn Konkurrenten wie "2xmoinscher" oder "Fnac.fr" und "Amazon.fr" schlafen nicht. Schon in den vergangenen Jahren hat das Unternehmen mit seinen heute 200 Mitarbeitern sowohl seine eigene Produktpalette erweitert, etwa um Elektrogeräte, Weine oder Autos, als auch andere Internetseiten zugekauft wie das Immobilienunternehmen "à vendre à louer" oder das Reiseportal "voyager moins cher".
Die Gründer geben bis heute den Ton an und halten zusammen mit den Mitarbeitern knapp die Hälfte des Kapitals. Die Beteiligungsgesellschaft 3i musste aufgrund von Finanznot kürzlich ihre Anteile verkaufen, wodurch die Männer der ersten Stunde ihre Anteile noch erhöhten. Kosciusko-Morizet besitzt jetzt rund 20 Prozent, die Fondsgesellschaft Quilvest sowie rund sechzig individuelle Investoren teilen sich gut die Hälfte des Kapitals.
Kosciusko-Morizet ist in Frankreich ein bekannter Name. Pierres Großvater war ein Widerstandskämpfer, der de Gaulle nahestand und später Frankreich in den Vereinigten Staaten als Botschafter vertrat. Sein Vater ist Bürgermeister der Kleinstadt Sèvres bei Paris und seine Schwester Nathalie Staatssekretärin mit Zuständigkeitsbereich "digitale Ökonomie". Dass ihr Bruder einer der führenden Internetunternehmer Frankreichs ist und zusätzlich zwei Lobbygruppen der Branche vorsteht, hätte in anderen Ländern wegen möglicher Interessenkonflikte wahrscheinlich für laute Proteste gesorgt, doch in Frankreich hält sich das Aufsehen in Grenzen. "Für mich macht es die Arbeit sogar schwerer, denn meine Schwester könnte nie etwas genehmigen, was mir Vorteile verschaffen würde", sagt Pierre Kosciusko-Morizet. Seine verwandtschaftlichen Beziehungen hindern ihn nicht daran, kräftig über die Regierung zu schimpfen, wenn sie beispielsweise über die Einführung einer Google-Steuer nachdenkt. "In der Praxis nicht umzusetzen und außerdem schädlich für den Standort Frankreich", lautet sein Urteil. Hat ihm der Familienname beim Aufbau des Unternehmens geholfen? Das verneint er. Der Abschluss der angesehenen Management-Hochschule HEC dagegen erlaubte es, etwa bei früheren Studenten um Startkapital zu bitten.
Kosciusko-Morizet scheint sich wohl zu fühlen in seiner Haut. Nach der kleinen Tochter bekam seine Ehefrau erst vor wenigen Wochen ihren ersten Sohn. Der Vater behauptet, abends und vor allem am Wochenende genügend Zeit für die Familie freischlagen zu können. "Arbeit ist ja nicht alles." Nur eines will er nicht: Politiker werden wie der Großteil seiner Familie. "Da darf man nie sagen, was man denkt. Das liegt mir nicht." CHRISTIAN SCHUBERT