05.06.2009 · Die Investmentbranche kommt nun in die lange erwartete Strukturkrise. Eine schwache Börse und neue Konkurrenz machen vielen Anbietern schwer zu schaffen.
Von Christian von HillerBei der Allianz Global Investors in einem Gebäudekomplex an der Mainzer Landstraße in Frankfurt brennen die Lichter in diesen Wochen länger als üblich. Die Fondsgesellschaft des Allianz-Versicherungskonzerns gliedert in diesen Monaten ihre jüngste Übernahme ein: Sie kaufte von der Commerzbank deren Fondsgesellschaft Cominvest. 200 von ursprünglich 550 Beschäftigten, so viel steht mittlerweile fest, werden die Cominvest verlassen müssen. Ein paar Häuserblocks entfernt gehen die Lichter in diesen Tagen aus: Die Cominvest räumt die Stockwerke, die sie in dem Hochhaus "Castor" nahe dem Messeturm angemietet hatte.
Seit Jahren debattiert die Fondsbranche über den bevorstehenden Wandel in ihrem Geschäft, als handele es sich um eine Geistererscheinung. Nun erreicht die Strukturkrise die deutsche Fondsbranche mit Wucht. "Der Wind bläst den Fondsgesellschaften ziemlich kräftig ins Gesicht", sagte jüngst Klaus Kaldemorgen, der Sprecher der Geschäftsführung der DWS, der tonangebenden Fondsgesellschaft in Deutschland. "Unsere Erlöse bekommen wir auf das Kundenvermögen, das wir verwalten. Und wenn das Fondsvolumen um 30 Prozent sinkt, dann gehen unsere Erlöse entsprechend zurück."
Viele Fondsgesellschaften unter Druck
Das Jahr 2008 brachte der Investmentbranche einen Einbruch, wie sie ihn seit langem, vielleicht noch nie erlebt hatte. Das in Publikumsfonds angelegte Vermögen stürzte um mehr als 20 Prozent auf 576 Milliarden Euro. Erstmals seit Jahren zogen die Anleger mehr Mittel ab, als sie gleichzeitig einzahlten. Das Mittelaufkommen stürzte 2008 auf ein Minus von 13 Milliarden Euro, nach einem Plus von 70 Milliarden Euro im Jahr zuvor. Viele Fondsgesellschaften hielten sich im vergangenen Jahr nur mit Mühe über der Gewinnschwelle. Das Jahr 2009 dürfte für viele Anbieter schlimmer werden. Denn die Finanzkrise traf die Investmentbranche erst im Oktober 2008.
Doch im gesamten Jahr 2009 und wahrscheinlich darüber hinaus werden die Anleger einen großen Bogen um jene Produkte machen, die den Fondsgesellschaften die höheren Margen bringen. Vor allem Aktienfonds, an deren Verwaltung die Gesellschaften am meisten verdienen, werden die Anleger für längere Zeit meiden. "Derzeit laufen Produkte wie Geldmarktfonds, die den Fondsgesellschaften relativ niedrige Margen bringen", hat der Sprecher einer Frankfurter Fondsgesellschaft beobachtet.
Das Verhältnis zwischen Kosten und Ertrag verschlechtert sich für die Branche zusehends. Jahrelang lag sie für einen großen Frankfurter Anbieter bei weniger als 60 Prozent, das bedeutet, dass die Gesellschaft 60 Euro aufwenden musste, um 100 Euro einzunehmen. Heute sei diese Quote auf 70 Prozent gestiegen.
Ärger bei den Anlegern
Die Kosten, die eine Fondsgesellschaft zu tragen hat, sind enorm. An erster Stelle beklagen die Geschäftsführer die hohen Aufwendungen für die Informationstechnologie (IT). Dann sind die regulatorischen Anforderungen der Aufsichtsbehörden anspruchsvoll. Aus vielen Fonds sind zudem so viele Mittel abgeflossen, dass sie unter die Schwelle gefallen sind, zu der die Fondsgesellschaften sie noch rentabel führen können. In der Folge legen die Fondsgesellschaften diese Produkte mit anderen zusammen, was regelmäßig für Ärger mit betroffenen Anlegern sorgt. Außerdem müssen die Anbieter größere Anstrengungen unternehmen, um ihre Produkte unter die Anleger zu streuen. "Viele Fondsgesellschaften geraten jetzt in eine Kostenklemme", sagt ein Branchenkenner.
Die großen Akteure dürften sich, so die allgemeine Erwartung, auf Dauer halten: Dazu zählen die DWS der Deutschen Bank, Allianz Global Investors, die Deka der Sparkassenorganisation und die Union Investment der Volks- und Raiffeisenbanken. Auch für kleinere Nischenanbieter dürfte in Zukunft Platz sein. Diese Gesellschaften wollen nicht das gesamte Fondsspektrum abdecken, sondern mit einem oft individuellen Stil eigene Akzente setzen. Fondsboutique heißt dieses Geschäftsmodell, wobei das Wort Boutique keineswegs abfällig gemeint ist. Im Gegenteil: Vielen Fondsboutiquen schlägt einige Bewunderung entgegen wie beispielsweise Lupus Alpha, die vor weniger als zehn Jahren von einer Handvoll Fondsmanagern mit einer klaren Vorstellung über erfolgreiches Investieren in Nebenwerte gestartet ist. Auch die Pariser Gesellschaft Carmignac Gestion oder DJE Kapital in München gelten als erfolgreiche Fondsboutiquen. Die mittelgroßen Gesellschaften dagegen, wie etwa die Cominvest, geraten in Ertragsschwierigkeiten: Sie müssen einerseits die hohen Kosten eines Vollsortimenters tragen, ohne dass sie andererseits die Rationalisierungsvorteile einer großen Organisation erhalten.
ETFs galten als Bedrohung
Zudem wird die Konkurrenz schärfer. Neue Produkte werben um die Gunst der Anleger. Als eine große Bedrohung empfinden viele Akteure der Fondsbranche die börsengehandelten Indexfonds (ETF) - zu Recht. Denn die Anleger können mit diesen Instrumenten günstiger als mit klassischen Investmentfonds in einzelne Märkte investieren. Für die nächsten Jahre wird in der Fondsbranche auch damit gerechnet, dass Lebensversicherer wieder aggressiver auftreten und dass die Bankberater ihren Kunden verstärkt die Sparprodukte ihrer Arbeitgeber empfehlen werden. Denn viele Banken sind im Zuge der Kreditkrise darauf angewiesen, ihr Einlagengeschäft zu forcieren. Das dürfte zu Lasten des Fondsverkaufs gehen.
Gut 90 Mitglieder zählt derzeit der Fondsbranchenverband BVI. Die Zahl könnte in den kommenden Jahren sinken. "30 bis 40 Gesellschaften sind völlig ausreichend, um den deutschen Fondsmarkt abzudecken", sagt ein Verantwortlicher einer großen Fondsgesellschaft.
Dabei müssen die Geschäftsführer der Anbieter nicht tatenlos einem Gesundschrumpfen der Branche entgegenblicken und untätig hoffen, dass es sie nicht trifft. Viele Gesellschaften lagern Teile ihres Geschäfts aus. So ist Allianz Global Investors gleich zweimal an der Konsolidierung der Branche beteiligt: einmal durch den Kauf der Cominvest und ein zweites Mal durch die Auslagerung der Fondsbuchhaltung in ein gemeinsames Unternehmen mit dem Konkurrenten Deka. Gerade durch die Auslagerung von Verwaltungsaufgaben lassen sich Kosten sparen, was den Ertragsdruck mindert.
Hoffnung setzen viele Anbieter auf Produkte mit Wertsicherung wie Absolute-Return-Konzepte oder Garantiefonds. Diese entsprechen einem Wunsch der Anleger nach moderaten Kursausschlägen und versprechen der Branche neue Nachfrage. "Die Anleger wollen eine ruhige und positive Wertentwicklung, deshalb werden wir mehr Absolute-Return-Produkte sehen", glaubt DWS-Chef Kaldemorgen. "Die Branche ist auf der Lernkurve ein Stück weitergekommen."