22.06.2008 · Microsoft will nach der gescheiterten Yahoo-Übernahme nun allein das Internet erobern. Wie das gehen soll, erklärt Yusuf Mehdi, der oberste Werbestratege des von Bill Gates gegründeten Softwareunternehmens.
jul. CANNES, 22. Juni. Beim diesjährigen Werbefilmfestival Cannes Lions scheint die Zukunftsvision von Steve Ballmer schon Wirklichkeit geworden zu sein: Der Vorstandsvorsitzende von Microsoft will den Softwarekonzern zum bedeutendsten Anbieter von Internetwerbung ausbauen, 25 Prozent des Umsatzes sollen mit Online-Marketing erwirtschaftet werden.
Auf Seminaren, Debatten und Partys präsentiert sich Microsoft an der Côte d'Azur Agenturen und Kunden schon jetzt als das Schwergewicht der Branche. Den Konzern locken vor allem die hohen Wachstumsraten. Mittlerweile ist der Markt für Online-Werbung etwa 50 Milliarden Euro schwer, aber schon in drei Jahren wird er sich nach Ansicht der Microsoft-Spitze verdoppelt haben. Das sind Steigerungen, von denen der Softwarekonzern in seinem Kerngeschäft nur träumen kann.
Die Omnipräsenz des Festival-Hauptsponsors korreliert jedoch nicht mit seiner wirklichen Bedeutung. Marktführer Google scheint uneinholbar vorausgeeilt - eine Situation, die sich wohl sobald nicht ändern wird. Erst vor kurzem hat sich schließlich Wettbewerber Yahoo für eine strategische Partnerschaft mit dem Branchenprimus und gegen eine Übernahme durch Microsoft entschieden. "Kann sein, dass Yahoo wieder auf uns zukommt", kommentiert Yusuf Mehdi, der oberste Werbestratege von Microsoft, im Gespräch mit dieser Zeitung das für seinen Arbeitgeber unerfreuliche Thema. Zunächst einmal plane man aber eine Zukunft ohne Yahoo. Anstatt der großen Lösung begnügt sich Microsoft vorerst mit kleineren. Am vergangenen Mittwoch gab der Konzern die Übernahme von Navic Networks, einem Anbieter von Fernsehwerbelösungen, bekannt. "An Navic interessieren uns vor allem ihre Lösungen zum Kampagnen-Management", sagt Mehdi. Unter anderem sammelt das Unternehmen nämlich Daten über die Effizienz von Werbekampagnen. Nicht minder interessant sei für Microsoft jedoch ein Dienst, bei dem über spezielle Set-Top-Boxen interaktive Angebote zu laufenden Fernsehwerbespots eingeblendet werden können, sagt Mehdi. Der Kunde habe dadurch die Möglichkeit, zusätzliche Informationen zu sehen oder zu bestellen: "Mit der Akquisition von Navic wollen wir Online-Werbung noch stärker mit der traditionellen Werbung verknüpfen", sagt der Werbechef.
Nach der vorerst gescheiterten Yahoo-Übernahme wolle man sich erst einmal auf die Verbesserung der eigenen Produkte konzentrieren: "Im Fiskaljahr 2009 wollen wir in Europa ein eigenes Forschungszentrum aufbauen, um die Qualität unserer MSN-Suchmaschine zu erhöhen", sagt Mehdi. Außerdem feile man an einem besseren Image, MSN soll zu einer starken Suchmaschinen-Marke aufgebaut werden. Dabei sollen vor allem strategische Partnerschaften helfen. Zum Beispiel sei bald auf jedem HP-Computer MSN vorinstalliert.
Um mehr Internetnutzer für MSN zu begeistern, lockt Microsoft jetzt sogar mit Bargeld. Online-Käufer sollen einen Teil ihres Geldes zurückerstattet bekommen, wenn sie ihr Produkt über einen Link auf der Suchseite Live.com gekauft haben. Zugleich verspricht der Konzern auch seinen Werbekunden Vergünstigungen: Sie sollen in Zukunft nur für Anzeigen zahlen, wenn es auch wirklich zum Kauf kommt.
All diese Projekte zielen zunächst einmal darauf ab, Google, das nach neuesten Untersuchungen 60 Prozent aller Suchanfragen auf sich konzentriert, Marktanteile abzujagen. "Unsere Vision ist eine einzige Werbeplattform für Konsumenten, Werbekunden und Verleger", sagt Mehdi.
Um diesem Ziel näher zu kommen, hat Microsoft vor etwa einem Jahr das Online-Werbeunternehmen Aquantive für 6 Milliarden Dollar übernommen. Aquantive verfügt über eine Technologie, mit der man nachverfolgen kann, welche Werbung der Konsument online gesehen hat, bevor er sich zum Kauf eines bestimmten Produkts entschieden hat, das sogenannte Engagement Mapping. "Mit diesem Programm können wir unseren Kunden auch außerhalb von MSN und Windows Live bei der Planung und Plazierung ihrer Werbung helfen", sagt Mehdi.
Vor einem Jahr haben viele behauptet, der Preis für Aquantive sei überhöht gewesen. "Jetzt sagt das aber keiner mehr", sagt Mehdi. Weniger begeistert äußert er sich hingegen über Microsofts Investition in das Internetnetzwerk Facebook im vergangenen Herbst. "Wir wollten vor allem lernen, wie diese Netzwerke funktionieren und wie man sie für Werbung nutzen kann", sagt der Werbestratege. Bislang habe man jedoch noch keine funktionierende Werbestrategie gefunden: "Vielleicht wird Facebook nie der große Umsatzbringer", mutmaßt Mehdi.