24.11.2009 · Erwin Müller hat in aller Stille ein Drogerie-Imperium aufgebaut. Jetzt ist er 77 Jahre alt und nicht mehr zu bremsen. Müller greift nach der Parfümerie-Kette Douglas. Von Brigitte Koch und Susanne Preuß
STUTTGART, 24. November.
Es muss eine besondere Bewandtnis haben mit der Stadt Ulm. Kleine Kinder lernen das schon, wenn sie sich am Zungenbrecher "in Ulm, um Ulm und um Ulm herum" abmühen. Und im Schatten des Ulmer Münsters, des höchsten Kirchturms der Welt, scheint eine ganz besondere Spezies von Unternehmerpersönlichkeiten zu gedeihen: ehrgeizig und erfolgreich, aber auch verschlossen. Erwin Müller musste 77 Jahre alt werden, bis Deutschland von ihm Notiz nimmt. Jetzt ist es so weit: Mit einem einzigen Interview, wahrscheinlich dem ersten in diesem Jahrzehnt, hat sich der Ulmer Drogerie-Unternehmer in die Schlagzeilen katapultiert. Müller greift nach Douglas. Und er schert sich überhaupt nicht darum, wie andere darüber denken. "Wir haben das auch erst aus der Zeitung erfahren", sagt Henning Kreke, der Douglas als Vorstandsvorsitzender führt und gemeinsam mit seinem Vater, dem Aufsichtsratschef Jörn Kreke, zu den großen Einzelaktionären der Parfümeriekette gehört.
Verunsicherung lässt man sich bei Douglas aber nicht anmerken. "In unseren Überlegungen spielt es keine Rolle, ob Müller mit 3 oder mehr Prozent beteiligt ist", gibt sich der Douglas-Chef ganz gelassen. Er ist sich der Solidarität der Miteigentümer gewiss. Insgesamt 56 Prozent der Aktien sind in festen Händen - 26 Prozent bei der Oetker-Gruppe, 30 Prozent bei den weitverzweigten Familien Eklöh und Kreke. Damit hat Douglas durchaus den Charakter eines Familienunternehmens.
"Müller weiß, was für Müller gut ist, und wir wissen, was für Douglas gut ist", sagt Kreke. Die Ansage ist klar: Am Douglas-Firmensitz in Hagen will man sich nicht erklären lassen, wie das Geschäft funktioniert. Immerhin gilt das im M-Dax notierte Unternehmen als eine der Perlen der deutschen Einzelhandelslandschaft, mit zuletzt 145 Millionen Euro Gewinn bei rund 3 Milliarden Euro Umsatz. Neben der bekannten Parfümeriekette gehören zu Douglas noch die Thalia-Buchhandlungen, die Juwelierkette Christ, die Hussel-Confiserien und der Damenmodefilialist Appelrath-Cüpper.
Auch Müller verkauft nicht nur die klassischen Drogerieartikel. In besten Lagen wie der Stuttgarter Königstraße tritt das Unternehmen auf wie ein Kaufhaus, das auf vier Etagen vor allem auch in den Segmenten Schreibwaren, Spiele und Musik gut sortiert ist. Im Parfümerie-Geschäft hat Douglas den Drogisten aus dem Südwesten durchaus schon als hartnäckigen Konkurrenten erlebt. Schließlich glänzt Müller nicht nur mit Filialen, deren Ambiente einer Parfümerie durchaus würdig ist, sondern drückt zugleich die Preise: 15 Prozent Abzug auf den empfohlenen Herstellerpreis sind Standard.
Was Müller sich von seiner Beteiligung an Douglas verspricht, der dem Interview zufolge in Kürze auf bis zu 18 Prozent aufgestockt werden könnte, liegt indes noch im Dunkeln. Lediglich die Idee einer Einkaufs- und Logistikkooperation hat Erwin Müller angesprochen. Auch am Dienstag, 24 Stunden nachdem der Einstieg von Müller bei Douglas mit zunächst 3 Prozent auf dem Wege einer dürren Börsen-Pflichtmitteilung bestätigt wurde, hat Müller es nicht für nötig befunden, zum Telefonhörer zu greifen und der Douglas-Spitze seine Absichten zu erläutern.
Für Journalisten ist der 77 Jahre alte Unternehmer üblicherweise nicht zu sprechen. Eine Pressestelle hat er nicht, wenngleich das Ulmer Unternehmen mit knapp 2,6 Milliarden Euro Umsatz und 23 000 Mitarbeitern in 490 Filialen längst die Nummer vier im deutschen Drogeriegeschäft geworden ist, nach Schlecker (4,8 Milliarden Euro), dm (3,36 Milliarden Euro) und Rossmann (2,9 Milliarden Euro). Dass Müller sich nicht darum schert, was andere denken, ist Teil seines Erfolgs. Mit 20 Jahren machte er sich im Wohnzimmer der Eltern als Friseur selbständig, kaufte nach und nach Friseurgeschäfte dazu, in denen er zunehmend Drogerieartikel anbot, bevor er 1968 den "Ulmer Figarostreit" anzettelte: Bei Müller wurden fortan auch montags Haare geschnitten, ein klarer Tabubruch.
Darin ähnelte Erwin Müller durchaus seinem zwölf Jahre jüngeren Kollegen Anton Schlecker, der in Ehingen - keine 30 Kilometer südlich von Ulm - sein Glück versuchte. Schlecker, gelernter Metzger, nutzte Mitte der siebziger Jahre seine Chance, als die Preisbindung für Drogerieartikel fiel, und machte sich mit Shampoo, Haushaltsreinigern und Taschentüchern zum Preisbrecher der Branche. Auch die frühe Erfolgsgeschichte von Adolf Merckle weist Parallelen zu Müller und Schlecker auf. Von Blaubeuren aus, 20 Kilometer westlich von Ulm, rollte Merckle den Markt für Arzneimittel auf. Mit der Gründung von Ratiopharm nutzte er die Chance, Medikamente nach dem Ablauf ihres Patentschutzes günstig zu produzieren und damit den etablierten Marken Konkurrenz zu machen.
Während Merckle an der allzu gewagten Finanzierung seines Firmenkonglomerats gescheitert ist, haben Schlecker und Müller eher wegen ihres allzu rustikalen Umgangs mit Mitarbeitern für öffentliches Aufsehen gesorgt. Schlecker ist wegen fortgesetzter Missachtung des Tarifrechts sogar rechtskräftig verurteilt. Bei Müller ist es noch nicht so weit. Anekdoten gibt es allerdings genug. So soll Müller die Mitarbeiter des Zentrallagers eines Abends vor Weihnachten 2007 kurzerhand eingeschlossen haben - damit sie auch wirklich die von ihm angeordneten Überstunden machten.