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Die Männer hinter der VW-Tarifeinigung Showdown um Mitternacht

08.02.2011 ·  Mehr Geld für VW-Mitarbeiter: 13 Stunden saßen die beiden Verhandlungsführer dafür in der letzten Sitzung zusammen. Gewerkschaftschef Hartmut Meine wusste, wie unangenehm ein Streik für VW-Unterhändler Jochen Schumm gewesen wäre.

Von Christoph Ruhkamp
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Spät in der Nacht zum Dienstag machte sich langsam Erschöpfung breit unter den vielen Herren und den wenigen Damen im Maritim Airport Hotel am Flughafen Hannover. Es war kurz nach Mitternacht, als die Tarifeinigung für Volkswagen in groben Zügen stand, und es sollte noch einige weitere Stunden dauern, bis die Details von den Fachleuten wirklich zu Ende ausgehandelt waren. Da die Einigung „schon in der dritten Runde“ erfolgte, wie Teilnehmer es beschreiben, ging es dieses Mal zwar unerwartet etwas schneller und geräuschloser als in früheren Jahren. Dafür aber hatten es die Schlussrunde im Saal „Langenhagen“ des Maritim-Hotels in sich. Sie dauerte 13 Stunden.

Allein auf Seiten der IG Metall umfasst die Verhandlungskommission für die 100 000 VW-Beschäftigten in Deutschland 32 Personen. Der VW-Konzern schickte ebenfalls rund 30 Leute in die Auseinandersetzung. Vor allen anderen mussten sich jedoch zwei sehr erfahrene, ältere Männer einigen: Zum Showdown traten - oder besser gesagt: saßen - sich als Verhandlungsführer auf der einen Seite Jochen Schumm, der VW-Personalchef in Deutschland, und auf der anderen Seite Niedersachsens Gewerkschaftschef Hartmut Meine gegenüber. Beide gelten als harte Knochen, die sich nichts schenken. „Vor allem die Anhebung der Grundvergütung um 3,2 Prozent war bis zuletzt umkämpft“, sagt einer, der dabei war.

Gute Argumente

Schumm - 62 Jahre alt, weiße Haare, schwarze Architektenbrille - ist erst vor zweieinhalb Jahren auf seinen jetzigen Posten gekommen. Doch er arbeitet seit 41 Jahren für den Konzern, war in den neunziger Jahren Leiter des Personalwesens in der Zentrale in Wolfsburg, bevor er als Personalchef zur spanischen VW-Tochtergesellschaft Seat ging. 1997 kehrte er nach Wolfsburg zurück und arbeitete acht Jahre für die Nutzfahrzeugsparte.

Der erfahrene Manager hatte einige gute Argumente auf seiner Seite, um die Forderung der IG Metall nach 6 Prozent mehr Lohn in die Schranken zu weisen. Schließlich liegt die größte Krise der Autoindustrie gerade erst ein Jahr zurück. Niemand weiß, wie lange der Aufschwung wirklich anhalten wird. Außerdem müssen sich die sechs westdeutschen VW-Werke in Sachen Produktionseffizienz theoretisch international mit der gesamten konzerninternen Konkurrenz messen lassen: So verdient etwa ein chinesischer VW-Mitarbeiter im Werk Anting nahe der Hafenstadt Schanghai, wo mittlerweile mehr Autos vom Band rollen als in Wolfsburg, nur ein Zehntel so viel wie sein deutscher Kollege. Immer wieder weist Schumm deshalb auf die „Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Standorte“ hin, die gewahrt bleiben müsse.

Meines Vierteljahrhundert Tarifkonflikte

Doch sein Gegner in den Verhandlungen ist nicht irgendein Betriebsrat einer einzelnen Fabrik, sondern Hartmut Meine. Der Leiter des IG-Metall-Bezirks Niedersachsen und Sachsen-Anhalt hat den Arbeitgebern bei VW und Continental in den letzten Jahren manches Zugeständnis abgerungen und vor allem dafür gesorgt, dass mit Hilfe des staatlichen Kurzarbeitergelds die Stammbelegschaften ohne betriebsbedingte Kündigungen gehalten werden konnten. Der sportliche Gewerkschafter mit der hohen Stirn tritt gern mit roter Krawatte und rotem Schal auf. Der 58 Jahre alte „IG M(eine)“ blickt auf ein Vierteljahrhundert Tarifkonflikte zurück und weiß, dass Klappern zum Handwerk gehört - inklusive Vokabeln wie „Gutsherrenart“ und „Lohndrückerei“.

Vor allen Dingen aber wusste Meine, wie unangenehm ein Streik für VW gerade jetzt gewesen wäre, wo das Geschäft brummt wie nie zuvor und die Kassenlage wieder entspannt ist. Der Autoboom führt sogar schon zu ungewöhnlich langen Lieferzeiten von bis zu einem halben Jahr auf dem deutschen Markt. Hierzulande fehlen nach Berechnung des Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmens PwC derzeit gut 260 000 Autos, um die Nachfrage zu bedienen - meist Fahrzeuge mit bestimmten Motorenvarianten. Der Engpass zwingt die Hersteller dazu, ihre Kapazitäten auf bestimmte Märkte zu fokussieren - allen voran China.

So kam es am Ende, wie es kommen musste: Die VW-Beschäftigten verdienen mit einem Lohnzuwachs von gut 4 Prozent weiter etwas mehr als die Berufskollegen bei anderen Autoherstellern. Und die beiden harten alten Männer Meine und Schumm fanden im Nachhinein zähneknirschend versöhnliche Worte füreinander: „Unternehmen und IG Metall haben einen fairen Abschluss erzielt, der eine ordentliche Lohnerhöhung mit dem Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit verbindet“, sagte Schumm. Meine erklärte gut gelaunt, der Abschluss gebe die gute Geschäftslage bei VW wieder.

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Jahrgang 1972, Redakteur in der Wirtschaft.

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