13.06.2010 · Institute aus der Schweiz und Großbritannien müssen deutlich weniger amerikanisches Geschäft refinanzieren
maf. FRANKFURT, 13. Juni. Deutsche Banken haben einen sehr hohen Refinanzierungsbedarf in Dollar. Wie aus dem am Sonntag veröffentlichten Quartalsbericht der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) hervorgeht, belief sich die Finanzierungslücke deutscher Banken Ende 2009 auf mehr als 400 Milliarden Dollar. Damit sind sie der Gefahr steigender Refinanzierungskosten und schärferer Refinanzierungskonditionen ausgesetzt, weil amerikanische Geldmarktfonds wegen der europäischen Schuldenkrise und der Euro-Abwertung deutlich zurückhaltender bei der Finanzierung europäischer Banken geworden sind.
Banken aus Großbritannien oder der Schweiz müssen der BIZ zufolge deutlich weniger Geschäftsvolumen in der amerikanischen Währung refinanzieren. So waren es bei britischen Banken Ende 2009 nur etwa 50 Milliarden Dollar und bei Schweizer Instituten rund 100 Milliarden Dollar. In dem Quartalsbericht der BIZ, die als Zentralbank der Zentralbanken gilt, gibt es keine Angaben zum Dollar-Bedarf französischer Banken, die besonders stark von amerikanischen Geldmarktfonds abhängen sollen.
Der hohe Mittelbedarf deutscher Banken ist auf umfangreiche Geschäftsaktivitäten in Amerika zurückzuführen. Sie verfügen also über hohe Dollar-Positionen - zum Beispiel Kredite, die in der amerikanischen Währung refinanziert werden müssen. Während Schweizer und britische Institute ihre Dollar-Anlagen in den vergangenen drei Jahren deutlich zurückgefahren haben, ist der Finanzierungsbedarf bei deutschen Banken hoch geblieben. Nach Ansicht der BIZ bleiben die Banken mit hohem Dollar-Bedarf weiterhin und in großem Umfang vom Kapitalmarkt abhängig.
Sorgen über das hohe Engagement europäischer Banken in den Euro-Krisenländern wie Griechenland, Spanien und Portugal haben in den vergangenen Wochen zu Anspannungen am Interbankenmarkt geführt. Nach den BIZ-Zahlen weisen französische und deutsche Banken das höchste Engagement in Griechenland, Irland, Portugal und Spanien auf. Die Forderungen von Frankreichs Banken gegenüber diesen Adressen summierten sich Ende 2009 auf 493 Milliarden Dollar, die deutscher Banken auf 465 Milliarden Euro. Spanischen Banken hat die deutsche Kreditwirtschaft Darlehen über 109 Milliarden Dollar gewährt, das ist mehr als die Hälfte der gesamten Forderungen gegenüber dem südeuropäischen Land.
Die hohen Risiken in diesen Krisenländern führten dazu, dass europäische Banken verstärkt mit Problemen konfrontiert waren, ihre bei amerikanischen Geldmarktfonds auslaufenden kurzfristigen Dollar-Finanzierungen zu ersetzen. Große amerikanische Geldmarktfonds hatten Ende 2009 fast ein Drittel ihrer Mittel bei 16 europäischen Banken angelegt, wie aus einer Studie der Rating-Agentur Moody's hervorgeht. Besonders stark haben auf diese Mittel die beiden französischen Großbanken BNP Paribas und Société Générale zurückgegriffen. So hat sich der Zinssatz, den Banken in London für kurzfristige Dollar-Finanzierungen untereinander verlangen, seit Jahresbeginn verdoppelt. Am Freitag lag der sogenannte London Interbank Offered Rate (Libor) für dreimonatige Ausleihungen bei 0,537 Prozent.
Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, Josef Ackermann, hatte in der vergangenen Woche von einem gewissen Unbehagen am Interbanken-Markt bezüglich der Bilanzstärke einiger Institute gesprochen. Trotzdem ha- be sich der Markt von den Niveaus während der Finanzkrise deutlich erholt. Dies lässt sich auch am Libor ablesen, der nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers im Oktober 2008 auf 4,82 Prozent gestiegen war. Trotzdem befindet sich der Libor gegenwärtig auf dem höchsten Stand seit Juli 2009.
Um den Banken etwas Erleichterung zu verschaffen, hatten Mitte Mai die Europäische Zentralbank (EZB) und die amerikanische Notenbank Federal Reserve eine Dollar-Refinanzierungslinie eingerichtet. Über diese können sich europäische Geschäftsbanken Dollar besorgen, allerdings zu einem wenig attraktiven Zins. Die Refinanzierungslinie der Notenbanken hat den Anstieg des Libor nicht bremsen können. Laut BIZ beurteilen die Märkte das Finanzsystem derzeit wieder als krisenanfälliger, als es zuvor der Fall war.