03.08.2009 · Der Hersteller von Frankiermaschinen Pitney Bowes erwartet lange Umstellungsphase
bü. BONN, 3. August. Es klingt ein wenig, als wolle sich Christoph Stehmann selbst Mut machen. "Die Leute für den Online-Brief zu begeistern wird viele Jahre dauern und einen hohen Aufwand erfordern", sagte der für Deutschland und Mitteleuropa verantwortliche Vizepräsident des amerikanischen Frankiermaschinenherstellers Pitney Bowes. Stehmann könnte es nur recht sein. Für die elektronischen Briefe, also besonders verschlüsselte und gesicherte Emails, braucht man weder Sortieranlagen noch Frankier- oder Kuvertierungsmaschinen, mit denen Pitney Bowes noch immer fast ein Fünftel seines Umsatzes von weltweit zuletzt rund 6,4 Milliarden Dollar erzielt. Stehmann tröstet sich mit den Erfahrungen beim Übergang zum Online-Banking. Dabei habe es zehn Jahre gedauert, um etwa 20 Prozent der Bankkunden zu gewinnen. Nicht viel anders werde die Entwicklung auf dem Briefmarkt aussehen, meinte er im Gespräch mit dieser Zeitung.
Eigentlich kann auch die Deutsche Post kein Interesse daran haben, dass die Leute noch weniger Briefe schreiben. Jede SMS und E-Mail, die einen Standardbrief ersetzt, kostet den Bonner Konzern 55 Cent Porto und fast genauso viel Gewinn. Doch statt dem unvermeidlichen langsamen Siechtum ihres klassischen Geschäfts tatenlos zuzuschauen, geht die Post selbst in die Online-Offensive. Denn der Internet-Brief wird auf jeden Fall kommen, wenn nicht in Regie des Marktführers, dann wenig später von einem anderen Anbieter. Zusammen mit der Deutschen Telekom und anderen Unternehmen treibt die Bundesregierung ein als "De-Mail" bezeichnetes Projekt voran, das das gleiche Ziel verfolgt: elektronischen Briefverkehr, der ebenso rechtsverbindlich ist wie der Versand traditioneller Briefe. Das zwingt die Post zur Eile. Wer zuerst auf dem Markt ist, könnte am Ende die Nase vorn haben.
Ein interner Test läuft bereits. Um den Jahreswechsel herum will die Post einen großangelegten Probelauf starten. Wer in der digitalen Briefwelt mitmachen will, muss sich anmelden und natürlich bezahlen. In Branchenkreisen ist von einem niedrigen zweistelligen Cent-Betrag je Online-Brief und möglicherweise einer Grundgebühr für die Anbindung an das von der Post betriebene Portal die Rede. Die Post selbst spricht noch nicht über Preise, sieht aber bei Unternehmen, Behörden und Bürgern durchaus Zahlungsbereitschaft für ein System, das Wege, Kosten und Zeit ersparen und zahlreiche Zusatzfunktionen bieten soll.
Stehmann ist skeptisch. "Warum sollen Unternehmen und Haushalte sich umstellen, obwohl der Postversand reibungslos funktioniert und für die meisten kein Thema ist, das sie beschäftigt?" Es werde einen gewaltigen Marketingaufwand erfordern, das Verhalten zu verändern. Deshalb gebe es bei Pitney Bowes auch keinerlei Pläne, selbst in die neue Technik einzusteigen. Bestätigt sieht sich Stehmann durch die Wirtschaftskrise.
Obwohl die Unternehmen allerorten sparen, sei davon im eigenen Geschäft kaum etwas zu spüren. "Die vergleichsweise geringen Kosten für die Verarbeitung der Unternehmenspost sind auch in der Krise keine Beträge. Der Markt ist stabil, unsere Umsätze bewegen sich fast auf dem Rekordniveau des Vorjahres", sagte er. Während der Konzern in den Vereinigten Staaten ein Sparprogramm aufgelegt und zahlreiche Stellen gestrichen hat, sind die rund 600 Arbeitsplätze in Deutschland von der Krise bisher nicht betroffen.
"Strukturelle Maßnahmen" wegen der Wirtschaftsflaute seien jedenfalls nicht geplant, sagte Stehmann. In rund 60 000 deutschen Unternehmen stehen Maschinen von Pitney Bowes. Mit einem Anteil von zuletzt 38 Prozent an neu verkauften Frankiermaschinen belegt das Unternehmen den ersten Platz. Bezogen auf den insgesamt installierten Maschinenbestand, ist aber weiterhin Francotype Postalia der Spitzenreiter. Einen kleinen Schub im Verkauf von Sortiermaschinen hat der Fall des Briefmonopols der Deutschen Post gebracht.
Aber angesichts der Unsicherheit über die weitere Marktentwicklung halten sich Wettbewerber wie TNT und die Nachfolgegesellschaften der in die Insolvenz gegangenen PIN-Gruppe mit zusätzlichen Ausrüstungsinvestitionen inzwischen zurück. Ihren Umsatz in Europa haben die Amerikaner binnen zehn Jahren auf mehr als eine Milliarde Dollar vervierfacht. Dieses Tempo werde sich nur schwer halten lassen, aber die Entwicklung zeige weiter deutlich nach oben, meinte Stehmann. Auch weitere Zukäufe seien denkbar. "Wir haben einen starken Cashflow, und es gibt einige Projekte, die wir uns anschauen." Zusätzliches Wachstum versprächen nicht zuletzt neue Geschäftsfelder rund um Brief und Dokumentenmanagement.