Home
http://www.faz.net/-1va-6ooc9
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Der Konflikt zwischen Wachstum und Nachhaltigkeit

16.09.2011 ·  Besteht das Ziel der gesellschaftlichen Entwicklung darin, das Bruttoinlandsprodukt zu steigern oder das Wohlergehen von Mensch und Natur? Manche Wissenschaftler plädieren für letzteres. Von Philipp Krohn

Artikel Lesermeinungen (0)

Frankfurt, 16. September

An Prominenz mangelte es nicht: Eine Kommission, die von Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy einberufen und von zwei Stars der internationalen Ökonomik geführt wurde, schloss im Jahr 2009 ihre Arbeit ab. Ihre Ergebnisse ließen die Fachwelt und die Öffentlichkeit aufhorchen. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) sei als Maß ungeeignet, um das soziale Wohlergehen zu messen. Schiele eine Gesellschaft auf das Wachstum dieser Größe, klammere sie ein bedeutenderes Ziel aus: die Nachhaltigkeit. Unterzeichnet wurde der Bericht neben dem Franzosen Jean-Paul Fitoussi auch von zwei führenden Koryphäen der Wissenschaft: Amartya Sen und Joseph Stiglitz, 1998 und 2001 mit dem Wirtschaftsnobelpreis geadelt.

"Was wir messen, beeinflusst, was wir tun", schrieben die drei Ökonomen in ihrem Abschlussbericht an den französischen Staatspräsidenten. "Und wenn unsere Messgrößen fehlerhaft sind, können unsere Entscheidungen verzerrt werden." Das eigentliche Ziel der gesellschaftlichen Entwicklung bestehe darin, das soziale Wohlergehen zu steigern und nicht das BIP.

Zwischen beiden Zielen könne ein Konflikt bestehen. So habe die volkswirtschaftliche Maßzahl beispielsweise nicht offengelegt, dass das Wirtschaftswachstum vor der Finanzkrise mit einer gefährlichen Verschuldung öffentlicher und privater Haushalte einherging. Ähnlich verhalte es sich mit der Auszehrung natürlicher Ressourcen, die im BIP nicht berücksichtigt sei. So verstehen die Ökonomen ihren Bericht als einen Appell, die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung zu revidieren und "den dominanten Gebrauch des BIP als Maß für alles - Leistung, Wohlergehen, Lebensqualität - zu beenden". Welche Schwierigkeiten bestehen, eine geeignete Maßzahl zu finden, beschreiben Sen, Stiglitz und Fitoussi in ihrem Bericht in aller Ausführlichkeit.

Ob aber ein solcher Indikator je ausgearbeitet wird, ist nicht klar. Mit der Bewältigung der Finanzkrise sind die Regierungen intensiv genug beschäftigt. In der Zwischenzeit dient das BIP weiter als Maß dafür, wie gut sich die Volkswirtschaften von der Krise erholen. Und auch die Grundsatzfrage, ob eine nachhaltige Entwicklung und Wirtschaftswachstum in Einklang stehen können, bleibt unbeantwortet. Denn eine Definition von Nachhaltigkeit besagt, dass das gesamte gesellschaftliche Vermögen (inklusive des Werts der Ressourcen) nicht abnehmen darf. Dem Wert des ökonomischen Kapitals steht der des ökologischen Kapitals gegenüber. Wächst die Wirtschaftsleistung, muss der Zuwachs an ökonomischem Kapital also den Verlust an ökologischem Kapital mindestens ausgleichen.

"Spätestens seit dem Sen-Stiglitz-Bericht ist die Vorstellung, dass Wachstum an sich etwas Gutes ist, unter den allermeisten Ökonomen überkommen", sagt Stefan Baumgärtner, der in Lüneburg den weltweit ersten Lehrstuhl für Nachhaltigkeitsökonomie leitet. Eine Verteufelung des Wachstums dagegen sei ebenso wenig zielführend. Wenn beispielsweise das Wachstum dadurch ausgelöst werde, dass der Anteil ressourcenschonender Techniken zunehme, sei das zu begrüßen, betont er. Dann könne es auch gelingen, dass das Wachstum allmählich vom Umweltverbrauch entkoppelt werde.

Grundsätzlichen Zweifel daran hat allerdings der britische Nachhaltigkeitsforscher Tim Jackson. In seinem vielbeachteten Buch "Wohlstand ohne Wachstum", das jüngst auch auf Deutsch erschienen ist, macht er auf die Grenzen der Ressourceneffizienz aufmerksam. In der Vergangenheit seien technologisch begründete Effizienzgewinne fast immer dadurch aufgezehrt worden, dass sie eine höhere Produktion ermöglicht hätten. "Effizienzverbesserung senkt die Kosten, regt dadurch die Nachfrage an und trägt auf diese Weise zur weiteren Expansion bei" schreibt Jackson.

Mit einer einfachen Rechnung hinterfragt der Berater der britischen Regierung, wie viel sich die Gesellschaft auf dem Weg zu einer nachhaltigen Entwicklung von Effizienzsteigerungen erwarten kann. Dafür modelliert er, wie das Klimaschutzziel erreicht werden kann, dass sich die Welt bis zum Jahr 2050 um nicht mehr als 2 Grad erwärmen darf. Wüchsen die Bevölkerung und die Wirtschaftsleistung mit denselben Raten wie bisher, müsse jeder Dollar dieser Leistung mit 130-mal weniger Kohlendioxid als bisher verdient werden. Es werde also "praktisch nichts weniger als die vollständige Dekarbonisierung jedes einzelnen Dollars erforderlich sein", schreibt Jackson.

"Das Verhältnis von Wachstum und Nachhaltigkeit ist eine der zentralen unbeantworteten Fragen der Wirtschaftswissenschaft", sagt Henrik Enderlein, Professor für Politische Ökonomie an der Hertie School of Governance. Diese Grundfrage erörtert er seit diesem Jahr in der Enquetekommission "Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität" des Bundestags. Die Wachstumstheorie der Ökonomen habe sich seit den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts deutlich weiterentwickelt. In den achtziger Jahren etwa wurde neben den Faktoren Kapital und Arbeit in der endogenen Wachstumstheorie auch der Einfluss von Innovationen und Wissenszuwachs beleuchtet.

"Bislang ist uns aber noch nicht gelungen, die Ressourcen in die Theorie zu integrieren, die per se begrenzt sind", sagt Enderlein. Zwar habe es mit der Forschung des Ökonomen Nicholas Georgescu-Roegen und dem Bericht zu den "Grenzen des Wachstums" des Club of Rome schon vor vier Jahrzehnten erste Ansätze dafür gegeben. Die zentralen Theorien der Ökonomik hat das Thema aber noch nicht erreicht.

Für Enderlein und seine Kollegin Beate Jochimsen, ebenfalls Mitglied der Enquetekommission, stellt sich die Frage, wie sich Wachstum und Nachhaltigkeit zueinander verhalten, noch in einem ganz anderen Kontext: der finanziellen Nachhaltigkeit. Sie verlangt, dass die abgezinsten künftigen Steuereinnahmen ausreichen müssen, um die heutigen Staatsschulden zu bedienen. "Annehmbar ist aber auch eine konstante Schuldenquote. Das bedeutet, dass der Staat bei Nullwachstum keine neuen Schulden mehr machen darf", sagt Jochimsen, die an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin forscht. "Auch das ist möglich, man muss es sich nur bewusst machen." Denn schon der demographische Wandel mache es immer schwieriger, ähnliche Wachstumsraten wie in der Vergangenheit zu erzielen, ergänzt Enderlein. Dies stelle den Staat vor allem durch die Schuldenbremsen in Bund und Ländern vor enorme Herausforderungen.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen