14.05.2009 · Die Aktie von Total ist aus technischer Sicht die bessere Wahl als die Aktie von BP / Technische Analyse / Von Achim Matzke
FRANKFURT, 14. Mai. Die seit Anfang März laufende mittelfristige Erholung an den internationalen Aktienmärkten hat in kurzer Zeit zu sehr ausgeprägten Kursgewinnen geführt, so dass aus technischer Sicht eine langsamere Gangart auf der Tagesordnung stehen sollte. Die klassischen technisch defensiven Branchen wie zum Beispiel Öl und Gas, Versorger und Telekommunikation haben diesen Kursaufschwung nur unterproportional begleitet. Vor dem Hintergrund der zuletzt wieder deutlich gestiegenen Ölnotierungen liefert jetzt aber der Branchenindex DJ Stoxx Oil & Gas eine grundlegende technische Verbesserung.
Auch wenn die steigenden Ölnotierungen einen Hinweis geben, dass die großen europäischen Ölkonzerne langfristig ihre attraktiven Dividenden(renditen) verteidigen dürften, sind aus technischer Sicht aktuell die Aktien der britischen BP und der niederländischen Royal Dutch Shell nur Haltepositionen. Technische Käufe sollten auf die Dividendentitel der französischen Total, der italienischen ENI und - etwas spekulativer - der spanischen Repsol fokussiert werden.
Der Branchenindex DJ Stoxx Oil & Gas, der aktuell die 40 größten europäischen Öl- und Gaskonzerne, Öl- und Gaszulieferer sowie Aktiengesellschaften aus dem Bereich der erneuerbaren Energien enthält, ist zurzeit, nach dem Bankensektor, der zweitgrößte Branchenindex im 19 Branchen umfassenden DJ Stoxx 600. Dabei ist dieser Subindex hochkonzentriert. Dies ergibt sich daraus, dass die fünf größten Indextitel zusammen rund 80 Prozent des Branchengewichts auf sich vereinen.
Der DJ Stoxx Oil & Gas-Branchenindex hat während der Hausse von März 2003 bis Juli 2007 einen Kursanstieg von 220 Punkten auf 472 Punkte verzeichnet. Mit einer Zeitverzögerung von mehreren Monaten ist dieser Index erst im Spätsommer 2008 aus seiner technischen Top-Formation (Seitwärtspendelbewegung oberhalb der mittelfristigen Unterstützungszone von 352 bis 370 Punkten) herausgefallen. Der danach folgende Baisse-Trend führte den Branchenindex nicht nur bis auf Notierungen um 231 Punkte (März 2009) zurück, sondern seit dem Oktober 2008 auch in eine Bodenformation (Form eines mittelfristigen moderaten Abwärtskeils; eine auf mittelfristig steigende Kursnotierungen hindeutende Chartformation). Ende April 2009 hat es im Sektorindex ein erstes Trading-Kaufsignal gegeben. Da aus technischer Sicht die Bodenformation weit fortgeschritten ist und die technischen Hinweise auf einen neuen deutlichen Rücksetzer fehlen, haben sich die mittelfristigen technischen Perspektiven deutlich verbessert.
Der britische Öl- und Gaskonzern BP, die aktuell nach Streubesitz größte europäische Aktiengesellschaft, hat ein Indexgewicht von rund 24,5 Prozent. BP hat während der Hausse der Jahre 2003 bis 2007 einen feinen, mit hoher Dynamik ausgestatteten Hausse-Trend mit einem Kursanstieg von 348 auf 723 britische Pence (Juni 2006) durchlaufen. Allerdings befindet sich der Öl- und Gaskonzern bereits seit dem zweiten Quartal 2006 in der Baisse. Diese hatte sich ab Juni 2008 (Start bei 667 Pence) noch beschleunigt. Die Abwärtsbeschleunigung im vierten Quartal 2008 führte BP dann in einem technischen Ausverkauf ("Sell-Off") bis auf Kurse um 370 Pence, so dass fast die gesamten Hausse-Gewinne wieder verlorengingen. Auch die Schwäche des britischen Pfundes gegenüber vielen anderen Währungen hat der BP-Aktie nur wenig geholfen. Das Papier ist im Gegensatz zu anderen europäischen Titeln nur in eine mittel- bis langfristige Bodenformation hineingelaufen. Auch das möglicherweise bevorstehende Verlassen des beschleunigten Baisse-Trends zur Seite liefert keinen zusätzlichen Hinweis auf einen Abschluss der jetzt vorliegenden Bodenformation unterhalb der mittelfristigen Widerstandszone um 540 Pence. Da bei BP - trotz der sehr attraktiven Dividendenrendite von rund 7 Prozent - die technischen Hinweise auf eine Eigendynamik der Aktie fehlen, ist die BP-Aktie, die aktuell mit rund 500 Pence notiert wird, nur eine technische Halteposition mit einem strategischen Sicherungsstopp bei 390 Pence.
Der französische Öl- und Gaskonzern Total, der größte Titel im Euro-Raum und der zweitgrößte Branchenwert (Gewicht rund 19,5 Prozent), gehört aus technischer Sicht zu den "gefallenen Engeln", die sich besonders für Neuengagements am Aktienmarkt nach einer Baisse anbieten. "Gefallene Engel" steht für Standardwerte, die in der zurückliegenden Baisse mindestens einen Kursrückgang von 50 Prozent hinnehmen mussten und bei denen eine weit fortgeschrittene oder bereits beendete technische Bodenformation vorliegt. Total hatte nach dem Erreichen des historischen Höchststandes von 63,4 Euro im Juli 2007 eine Baisse durchlaufen, die sich aus technischer Sicht in drei Phasen einteilen lässt. Erstens eine moderate Baisse mit einem Kursrückgang bis auf 45,5 Euro (August 2008). Zweitens eine Baisse-Beschleunigung mit einem Ausverkauf bei Kursen um 31,5 Euro (Oktober 2008). Drittens eine Bodenformation (Seitwärts-/Abwärtspendelbewegung oberhalb der Unterstützungszone um 34,5 Euro).
Die Total-Aktie, die den Standardtitelindizes im März 2009 nicht mehr auf neue Baisse-Tiefs gefolgt war, "arbeitet" aktuell am Verlassen der Bodenformation, dem Sprung über die 200-Tage-Linie und der Etablierung eines Investmentkaufsignals. Da sich bei dem Papier, das bei einer halbjährlich Dividendenzahlung eine Gesamtdividendenrendite von rund 5,6 Prozent aufweist, als mittelfristiges technisches Etappenziel ein Test der Widerstandszone von 45,5 Euro bis 46,5 Euro andeutet, ist die Aktie ein technischer Kauf. Trotz dieser verbesserten langfristigen technischen Gesamtlage sollte aber jede Position in Total-Aktien mit einem strategischen Sicherungsstopp bei 29,5 Euro belegt werden.
Der Autor leitet das europäische Index-Research von Commerzbank Corporates & Markets.