18.05.2009 · Der Bär ist nicht nur ein Sinnbild für Russland, in der Börsensprache steht er auch für fallende Kurse. Normalerweise bewegt sich das pelzige Tier gemächlich und schnappt mit seinen Pranken von oben nach unten.
Der Bär ist nicht nur ein Sinnbild für Russland, in der Börsensprache steht er auch für fallende Kurse. Normalerweise bewegt sich das pelzige Tier gemächlich und schnappt mit seinen Pranken von oben nach unten. Doch Bären können, wenn es sein muss, kurzfristig auch schnell sein. Auf die Börse übertragen, spricht man dann von einer Bärenmarkt-Rally, einer Aufwärtsbewegung im Abwärtstrend.
Die Hoffnung der Investoren, dass eine Wende in der Wirtschaftskrise erreicht sein könnte, ließ auch die Kurse an der Moskauer Börse steigen. Der allgemeine Befund, dass ein dauerhafter Anstieg noch nicht in Sicht ist, gilt aber auch für den russischen Aktienmarkt. Am vergangenen Mittwoch hatte der
in Dollar denominierte RTS-Index im Tagesverlauf die 1000-Punkte-Schwelle überschritten, was einen Zuwachs seit Beginn des Jahres von 57 Prozent bedeutet. Seit mehreren Wochen fließen wieder vermehrt Fondsgelder nach Russland - China und Brasilien stehen bei den Investoren allerdings noch höher im Kurs. Der Mitte 2008 erreichte Indexstand von 2500 Zählern erscheint aber als ein gar zu hoch hängender Honigtopf für den russischen Bären.
Ein wichtiger Treiber der Aktienkurse sind die gestiegenen Erdölpreise: Seit Beginn des Jahres erhöhte sich die Notierung der für Russland relevanten Erdölsorte Urals um mehr als 30 Prozent auf rund 55 Dollar je Barrel (159 Liter). Auch die Preise anderer Rohstoffe wie Kupfer und Nickel sind gestiegen. Ein weiterer wichtiger Faktor war die Stabilisierung des Außenwertes des Rubels: Zwischen November und Januar ließ die russische Zentralbank den Rubel zum Dollar schrittweise um rund 30 Prozent abwerten. Seitdem hat sich der Außenwert des Rubels auf einen stabilen Kurs eingependelt. Die Rubel-Abwertung fördert in der Tendenz den Export von Branchen wie dem verarbeitenden Gewerbe, dem Bergbau und den Metallunternehmen. Im Unterschied zur Russland-Krise im Jahr 1998 hilft die Abwertung diesmal aber wenig, weil derzeit überall auf der Welt die Krise zu spüren ist.
Dem Aufschwung an der Börse zum Trotz befindet sich die russische Wirtschaft in einer Rezession. Im ersten Quartal des laufenden Jahres ist die Wirtschaftsleistung Russlands um 9,5 Prozent gesunken, für das gesamte Jahr rechnet die russische Regierung mit einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 6 Prozent. Die Arbeitslosigkeit nimmt zu, was die Binnennachfrage in der kommenden Zeit entscheidend schwächen dürfte. Auch wenn die Regierung immer wieder von einem möglichen Erreichen der Talsohle spricht, es wird wohl noch schlechter kommen müssen, damit es besser wird.
Der Zweifel an einem anhaltenden Kursanstieg macht sich auch daran fest, dass Russland im Vergleich mit den anderen Bric-Staaten (Brasilien, Indien, China) besonders von einem einzigen Preis, dem für Erdöl, abhängig ist. Zwar sind die meisten Beobachter davon überzeugt, dass der Erdölpreis mittelfristig wieder steigen wird, kurzfristig ist der Kursverlauf für das schwarze Gold aber sehr volatil. Ein sinkender Erdölpreis würde wieder niedrigere Exporteinkünfte und Steuereinnahmen bedeuten. Das russische Finanzministerium rechnet für das Jahr 2009 derzeit mit einem Preis von 45 Dollar je Barrel, was zurzeit als realistisch gilt. Aber auch mit diesem Preis ist ein Haushaltsdefizit von rund 6,2 Prozent des BIP vorgesehen. Ein sinkender Erdölpreis würde zudem den Abwertungsdruck wieder verstärken. Die Währung ist trotz der erreichten Stabilisierung weiterhin verletzlich.
Wie fragil die Situation ist, zeigt auch die Diskussion über eine mögliche zweite Welle von Problemen im Finanzsektor. Während im vergangenen Jahr der Mangel an Liquidität im Vordergrund stand, wird jetzt der Anstieg des Volumens an faulen Krediten diskutiert, der für einige Finanzinstitute existenzbedrohend sein könnte. Die Zentralbank, die in den vergangenen vier Wochen zweimal die Leitzinsen gesenkt hat, um die Kreditvergabe zu stimulieren, gab den Banken noch den guten Rat mit auf den Weg, nicht allzu leichtfertig Kapital zu verteilen. Der russische Aktienmarkt erfordert weiterhin starke Nerven, auch wenn - oder gerade weil - der RTS-Index das durchaus attraktive Kurs-Gewinn-Verhältnis von 4,1 aufweist. Gerald Hosp