22.09.2008 · Die amerikanische Finanzkrise erfasst immer stärker auch bislang robuste Märkte. Dazu gehört Osteuropa, wo die Anleger in den zurückliegenden Wochen ihr Geld ebenfalls abgezogen und in vermeintlich sicherere Häfen gebracht haben.
Die amerikanische Finanzkrise erfasst immer stärker auch bislang robuste Märkte. Dazu gehört Osteuropa, wo die Anleger in den zurückliegenden Wochen ihr Geld ebenfalls abgezogen und in vermeintlich sicherere Häfen gebracht haben. Wie sich die Kapitalverknappung und die globale Wachstumsdelle auswirkt, muss sich erst zeigen, sagt Henning Eßkuchen, Analyst in der Wiener Erste Bank. Ob die hysterische Flucht ein kluger Schritt war, ist zweifelhaft. Denn dank des Aufholbedarfs der ehemals kommunistischen Länder bleibt diese Region das Zugpferd auf dem Alten Kontinent mit entsprechend hohen Wachstumsraten. Entsprechend sollten die Unternehmen profitieren.
In den zehn neuen Mitgliedsländern wächst das Bruttoinlandsprodukt (BIP) mit geschätzten 5 Prozent noch immer mehr als doppelt so schnell gegenüber den alten Mitgliedern. Ungarn ist innerhalb der Region ein Sonderfall: Das Land befindet sich in einer Sanierungsphase, nachdem es jahrelang über seine Verhältnisse gelebt hat und mit einem Haushaltsloch von gut 9 Prozent des BIP im Jahr 2006 größter Budgetsünder innerhalb der EU war. Die Sparanstrengungen verlaufen insofern erfolgreich, als es gelungen ist, das Defizit in diesem Jahr auf voraussichtlich weniger als 4 Prozent zu halbieren. Dadurch ist auch ein Knick im Wirtschaftswachstum eingetreten. Der Zuwachs hat sich auf mehr als 2 Prozent nahezu halbiert. Eine weitere Folge der Konsolidierungsschritte sind die hohen Leitzinsen von 8,5 Prozent. Sie belasten zusammen mit der nun auch auf Osteuropa übergeschwappten schlechten Stimmung die Unternehmensgewinne und somit die Kursentwicklung an der Aktienbörse in Budapest. Seit Jahresbeginn hat der Leitindex Bux gut ein Viertel verloren, womit er sich auch in Anbetracht der Sanierungsphase der ungarischen Wirtschaft im Vergleich zu den Barometern in dieser Region sehr gut schlägt. Berücksichtigt man noch die Währung Forint, die seit Jahresbeginn zum Euro 5 Prozent aufgewertet hat, so schnitt der Bux deutlich besser ab als die meisten ost- und westeuropäischen Indizes.
Ungarn gehört mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 8,6 für dieses Jahr zu den günstigsten Aktienmärkten in der Region, findet Tarek Saffaf, Manager des Magyar Budapest Fonds der Berenberg Bank in Hamburg. Dennoch kann sich der Markt dem internationalen Umfeld nicht entziehen; Generell wird das Marktgeschehen in Ungarn von den internationalen Vorgaben bestimmt, da der Anteil von ausländischen Anlegern an der Budapester Börse mit etwa drei Viertel sehr hoch ausfällt. Für die nächsten sechs Monate sieht Saffaf Potential bis zu 23 000 Punkte, sofern sich die internationale Stimmung nicht weiter verschlechtert. Zwar fielen die Quartalsergebnisse der Indexschwergewichte OTP Bank, MOL und Gedeon Richter zum Halbjahr gut aus. Doch prognostiziert Marion Swoboda-Brachvogel, Analystin von Cheuvreux Wien, noch einige Gewinnberichtigungen.
Sollten diese eintreten, sagt Swoboda-Brachvogel, fällt die Marktbewertung deutlich höher aus. "Wir sind eher vorsichtig eingestellt und glauben nicht, dass es in diesem Jahr noch eine nennenswerte Erholung geben wird." Ebenso sieht Dora Borbély, Ökonomin in der Deka Bank in Frankfurt, das Kurspotential sehr begrenzt, jedoch ein merkliches Abwärtsrisiko wegen der globalen Finanzkrise. Aus Sicht der Erste Bank wird das Gewinnwachstum in diesem Jahr bei 17 Prozent liegen und im kommenden Jahr zurückgehen. Erst 2010 rechnet Eßkuchen wieder mit einem Niveau von 10 Prozent. Die Bewertung spreche für einen interessanten Markt, meint Eßkuchen. Belastend wirke allerdings die internationale Stimmung.
Auch wenn bei guten Fundamentaldaten die OTP Bank das günstigste Geldinstitut in der Region ist, stünden Finanztitel international derzeit nicht in der ersten Reihe, heißt es. Im Hinblick auf turbulente Zeiten und einen sinnvollen Rückzug auf defensive Werte wären wahrscheinlich die Pharmawerte am sinnvollsten. Raiffeisen empfiehlt neben den Pharmawerten Egis und Gedeon Richter den Energieriesen MOL sowie OTP. Nach wie vor geringe Aussichten gibt es in der nächsten Zeit für Neuemissionen. Cheuvreux rechnet erst 2010 wieder mit einer starken Belebung. MICHAELA SEISER