08.10.2009 · Im kommenden Jahr ist ein Anstieg des Dax auf deutlich mehr als 7000 Punkte erreichbar / Die Technische Analyse / Von Wieland Staud
FRANKFURT, 8. Oktober. Analysten sind auch nur Menschen. Sie leiden und jubeln wie alle anderen. Je nach Veranlagung fallen die Stimmungsschwankungen mal größer und mal kleiner aus. Wenn also der von den Umfragecharts abgeleitete Sieg des bürgerlichen Lagers eintritt, der Dax erst einen Satz nach oben macht und in den Tagen danach seiner überlagernden schwachen Technik Tribut zollt und prognosegerecht in sich zusammen- fällt, dann gibt es einen glücklichen Analysten mehr auf dieser Welt. Wenn dann aber wie seit dem vergangenen Dienstag die Kurse durch die Decke schießen und so ziemlich all das tun, was kurzfristig angesichts der Indikatorenlage nicht abzuleiten war, dann befindet sich ein Stimmungsbarometer mehr im Sturzflug.
Doch die Dinge sind eben so, wie sie sind, und die Erkenntnis setzt sich nach kurzer Zeit durch, dass mit analytischen Niederlagen in etwa 25 bis 30 Prozent aller Fälle zu rechnen ist. Besonders wichtig in solchen Situationen ist dann die Frage nach dem großen Ganzen. Ist zum Beispiel der bisherige Leitgedanke, dass sich der Dax seit März in einer Bärenmarktrally befindet, noch haltbar? Könnte sich der Dax nicht schon wieder in einer völlig "normalen" Hausse befinden?
Es sind vor allem drei analytische Erkenntnisse, die diese Frage statthaft machen. Die erste: Selten zuvor hat der Dax seine hochwertigen Korrektursignale so oft und so rundheraus ausgeschlagen wie gerade in den vergangenen beiden Monaten. Die Gesamtverfassung des Dax muss also wenigstens in diesem Zeitraum ungewöhnlich gut gewesen sein. Zweitens: Der Dax befindet sich noch immer zweifelsfrei in einem ungebrochenen Aufwärtstrend. Die Wahrscheinlichkeit des Fortbestands eines Trends ist aber zu allen Zeiten deutlich größer als die seiner Umkehr. Schließlich scheint drittens die an belastbaren Daten ablesbare Stimmung der meisten Marktteilnehmer alles andere als euphorisch zu sein. Meine Stimmungsindikatoren zeugen nach wie vor von fehlender Zuversicht, und auch Verkaufsoptionen scheinen weit höher im Kurs zu stehen als deren Pendants.
Wenn diese drei entscheidenden Punkte jedoch aufeinandertreffen - schlechte Stimmung, ein intakter Aufwärtstrend und Bären, die immer dann, wenn sie zu einem großen Satz ansetzen als Bettvorleger enden -, dann liegt nach der Vorgeschichte in gut drei Viertel aller Fälle eine "Elliott-Drei", der Kernanstieg einer Hausse, vor. Um die Brisanz dieser Aussage zu verdeutlichen: Sollte das wirklich so sein, dann steht für den Dax im kommenden Jahr ein kräftiger Anstieg von aktuell gut 5700 auf mehr als 7000 Punkte auf der Agenda.
Es mag angesichts der fundamentalen Situation, in der wir alle die Welt wähnen, für den einen oder anderen an Häresie grenzen: Ja, technisch ist das gut möglich. Seit Beginn dieser zu Ende gehenden Woche fangen die besseren Argumente an, für eine "Elliott-Drei" zu sprechen. Dennoch ist jetzt nicht die Zeit, Indexstände von 7000 Punkten als Kursziel auszurufen. Dafür liegen erstens momentan zu viele Widerstände unmittelbar vor dem Dax, und zweitens ist der aktuelle und weiterhin gültige Zielbereich von 5750 bis 6100 Punkten bislang nicht ausgeschöpft. Erst wenn auch dessen oberer Rand überschritten wurde, werden nach dem heutigen Stand der Analyse Werte um 7200 Punkte zur nächsten Orientierungsgröße werden können.
Aber wie immer darf beim Schwelgen in einer weiter entfernten Zukunft nicht das Hier und Jetzt vergessen werden. Weiterhin muss das Unterschreiten des langfristigen Aufwärtstrends mit dem Ende aller Träume gleichgesetzt werden. Dieser Trend befindet sich momentan auf einem Niveau von 5370 Punkten und er wird bis Ende nächster Woche auf etwa 5450 Punkte gestiegen sein. Die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Trend in den nächsten Wochen gebrochen wird, ist mit Einschränkung momentan klein. Sehr viel wahrscheinlicher sind für den Dax kurzfristig neue Jahreshochs und noch im Oktober Kurse um 6000 Punkte.
Mit dem an Fragwürdigkeit kaum zu überbietenden Argument der beginnenden Hochzeitssaison in Indien wurde gerade am vergangenen Dienstag landauf, landab der stürmische Kursanstieg der Feinunze Gold begründet. Für den Fall, dass die Hochzeitssaison jedes Jahr ungefähr zur gleichen Zeit einsetzen sollte und die Zahl der Heiratswilligen in 2009 nicht unerwartet sprunghaft angestiegen ist, darf man getrost davon ausgehen, dass genau dies von den Marktteilnehmern schon weit im Vorfeld in den Kurs eingepreist worden ist.
In diesem Herbst muss also noch ein anderes Moment hinzugekommen sein. Ich gehe davon aus, dass dieser fehlende fundamentale Mosaikstein zum Beispiel dann nachgeliefert werden wird, wenn das Gold am weiterhin gültigen, konservativ bemessenen Kursziel von rund 1100 Dollar je Feinunze angekommen ist.
Technisch erfolgte am vergangenen Dienstag der finale Ausbruch über die alten historischen Höchstkurse und damit auch über die magische runde Zahl von 1000 Dollar. Aktuell liegt der Goldpreis bei etwa 1055 Dollar. Solche Allzeithochs sind in etwa 70 bis 80 Prozent aller Fälle exzellente trendbestätigende Signale. Nur äußerst selten folgen ihm keine weiteren signifikanten Kurszuwächse. Besonders verheißungsvoll für europäische Anleger: Anders als bislang wird dieses Mal der Euro wahrscheinlich mit dem Anstieg der Feinunze nicht mithalten können und damit die Kursgewinne nicht wieder entscheidend schmälern.
Der Autor leitet die Staud Research GmbH in Bad Homburg.