15.06.2009 · Brasilien, Russland, Indien und China halten sich stabiler als gedacht. Es herrscht Euphorie über rasantes Wachstum und Dollar-Effekt.
bes. LONDON, 15. Juni. In Jekaterinburg, einer der größten russischen Industriestädte östlich des Urals, beginnt am heutigen Dienstag der erste große Gipfel der sogenannten Bric-Länder: Das Kunstwort Bric steht für die vier großen Schwellenländer Brasilien, Russland, Indien und China. Wenn sich deren Vertreter treffen, gibt ihnen der Zuspruch internationaler Investoren Rückenwind. Während die westlichen Industrieländer mit der Rezession kämpfen, haben die Anleger an den globalen Finanzmärkten darauf gesetzt, dass in den großen Schwellenländern der Welt das Schlimmste ausgestanden ist. Die Zuversicht, dass sich die rohstoffreichen Länder schneller erholen werden, als dies im Westen möglich ist, hat die dortigen Aktienmärkte mehr als im Westen beflügelt, hat den Währungen Auftrieb gegeben und das politische Selbstbewusstsein der Schwellenländer gestärkt.
Seit dem Höhepunkt der Finanzkrise hat der brasilianische Bovespa-Index schon wieder um 79 Prozent zugelegt und der indische BSE Sensex um 78 Prozent. Der Shanghai Composite Index ist um fast 60 Prozent gestiegen, und der russische RTS-2-Index hat sich mittlerweile fast wieder verdoppelt.
Die Prognose, dass sich die stark wachsenden Schwellenländer von der Krise des Westens abkoppeln würden, hatte sich zwar nicht erfüllt. Noch war ihre eigene Inlandsnachfrage nicht stark genug und waren ihre Volkswirtschaften zu stark auf die Nachfrage der Industrieländer angewiesen. Aber diese strukturelle Ausrichtung ändert sich, und dies spüren die Anleger, die während der Finanzkrise nicht annähernd so viel Kapital aus den Schwellenländern abzogen wie zunächst befürchtet und seit März wieder voll Zuversicht an die aufstrebenden Märkte Asiens und Lateinamerikas zurückkehren. Zudem kurbeln die umfangreichen fiskal- und geldpolitischen Maßnahmen der Regierungen und Notenbanken in den Schwellenländern die Inlandsnachfrage an. "Es ist daher der Inlandsnachfrage der Schwellenländer, vor allem Chinas zu verdanken, wenn die heimische Nachfrage in der Welt in diesem Jahr nur um 0,8 Prozent schrumpfen wird", heißt es bei Goldman Sachs. Im kommenden Jahr werde die Inlandsnachfrage weltweit um gesunde 3,4 Prozent zulegen - vor allem aufgrund der Nachfrage der Bric-Länder.
China dürfte Mitte 2010 sein kräftiges Durchschnittswachstum der vergangenen Jahre wieder erreicht haben, Indien und Brasilien wären 2011 so weit. Russland schaffe dies erst im Jahr 2012, schätzt Goldman Sachs. Damit führen die Bric-Länder die Welt aus der Rezession, wenn sie die Weltrezession auch nicht haben verhindern können.
Die Deutsche Bank prognostiziert, dass die Schwellenländer im kommenden Jahr siebenmal stärker wachsen als die westlichen Industrieländer, angeführt von den Bric-Staaten, die 70 Prozent dieses Wachstums ausmachen werden. Die großen Gewinner seien die weniger stark verschuldeten Länder wie China, Indien, Brasilien und Indonesien, das nach Meinung von Morgan Stanley zu den Bric-Länder dazugehören sollte (Briic).
Der Gipfel in Jekaterinburg findet freilich gerade in einer Woche statt, in der die globalen Finanzmärkte nach der starken Erholung seit März in eine Korrektur treten könnten. Für viele Marktbeobachter hat sich die Stimmung von einer Furcht vor der Apokalypse zu schnell in eine Euphorie über eine bevorstehende Konjunkturerholung gewandelt, und die Märkte sind zu schnell vorgeprescht.
Anleger müssen nach der an allen globalen Aktienmärkten zu beobachtenden Rally von jetzt an eher differenzieren, in welchen Markt sie investieren wollen. "Der einzige Grund für die immer höheren Aktienkurse ist der massive Zustrom ausländischen Anlagekapitals", warnt die Deutsche Bank zum Beispiel mit Blick auf den brasilianischen Markt, an dem inländische Investoren schon in die Kursstärke hinein verkaufen, was sie in den letzten Aufwärtsbewegungen des Marktes nicht getan hätten. Die Analysten der Bank wollen daher die Sommer-Korrektur abwarten und raten, später auf niedrigerem Niveau wieder einzusteigen.
Ein Grund für einen - unabhängig von einer jetzigen Korrektur - nachhaltigen Anstieg der Aktienkurse an den Bric-Börsen könnte der Wechselkurs des Dollar sein. In den risikofreudigen Zeiten vor der Finanzkrise und dem damals sinkenden Wechselkurs des Dollar zogen die Rohstoffnotierungen an und mit ihnen die rohstofflastigen Aktienkurse der Schwellenbörsen. Die Flucht der Anlagegelder in den "sicheren" Dollar während der Krise löste eine Gegenbewegung mit sinkenden Rohstoffpreisen und einer Abwärtsbewegung an den Schwellenbörsen aus, die sich seit März diesen Jahres jedoch wieder gedreht hat.
Gerade weil sich die Weltkonjunktur erholt, die Risikofreude der Anleger steigt, die Schwellenländer schneller wachsen als die Vereinigten Staaten, dort die exorbitanten Staatsschulden belasten und mächtige Schwellenländer wie China, Russland und Brasilien schon Alternativen zur Rolle des Dollar als Weltreservewährung ausloten, erwarten viele Marktbeobachter eine weitere sukzessive Abwertung des Dollar. Das könnte ein Grund für einen anhaltenden Rückenwind an den Börsen der Bric-Länder sein.