11.08.2008 · Der Zusammenbruch der Investmentbank war kein Zufall. Darauf deuten die Käufe von Optionen im März an der CBOE hin.
New York, 11. August (Bloomberg). Der Zusammenbruch der amerikanischen Investmentbank Bear Stearns begann bereits am 11. März. An diesem Tag setzten Spekulanten über Verkaufsoptionen 1,7 Millionen Dollar darauf, dass der Aktienkurs der Bank innerhalb von wenigen Tagen kräftig einbrechen werde. Mit den Verkaufsoptionen erhielten sie das Recht, 5,7 Millionen Aktien zum Kurs von 30 Dollar und neun Tage später 165 000 weitere Aktien für 25 Dollar je Anteilschein zu verkaufen. Das war weniger als die Hälfte des Schlusskurses von 62,97 Dollar am 11. März.
Optionsspezialisten sind überzeugt davon, dass der oder die Käufer eine konzertierte Aktion starteten, um die fünftgrößte Investmentbank in den Vereinigten Staaten in den Bankrott zu treiben und damit einen Gewinn von über 270 Millionen Dollar einzuspielen. Die Spekulanten waren sich ziemlich sicher, dass der Aktienkurs in den Keller rauschen würde. "Selbst der pessimistischste Anleger der Welt wird keine Verkaufsoptionen erwerben, die 50 Prozent unter dem gegenwärtigen Kurs liegen und nur noch eine Woche Laufzeit haben. Es sei denn, jemand weiß etwas", erläutert Thomas Haugh, Gesellschafter des Optionshandelshauses PTI Securities & Futures.
Aus der Bahn geworfen wurde Bear Stearns auch durch fehlgeschlagene Handelsgeschäfte, ein Problem im Zusammenhang mit ungedeckten Leerverkäufen. Diese stiegen nach Daten der Börsenaufsicht SEC in der Woche vom 10. März um über 10 800 Prozent. Mit ungedeckten Leerverkäufen können Händler die Kurse nach unten treiben, indem sie den Markt mit Verkaufsordern überschwemmen.
Der Vorstandsvorsitzende von Bear Stearns, Alan Schwartz, ist überzeugt, die Investmentbank sei durch Gerüchtemacher und Handelsmissbrauch in den Ruin getrieben worden. Die Aufsichtsbehörden haben nun begonnen, die Handelsunterlagen zu durchforsten und nach Verdächtigen zu suchen. Beweise für einen Komplott gegen die Bank dürften am ehesten in den Optionsdaten zu finden sein, denn diese bieten kriminalistische Indizien über Marktmanipulation und Insiderhandel. Sie seien die "DNA an der Wall Street", erläutert Brent Baker, früher Ermittlungsjurist der SEC.
Spekulationen über eine Liquiditätsknappheit bei Bear Stearns erfüllten sich selbst, indem sie dazu führten, dass Kunden und Kreditgeber ihr Geld zurückforderten. Die Führungsriege von Bear Stearns versuchte, die Gerüchte über eine bevorstehende Insolvenz mit Presseerklärungen und Fernsehauftritten zu zerstreuen. Indes stieg die Zahl der Verkaufsoptionen auf Bear-Stearns-Aktien zum Kurs von 30 Dollar von Montag, dem 10. März, bis Dienstag, 11. März, um 10 768 Prozent, geht aus Bloomberg-Daten hervor. Am 11. März forderten ein oder mehrere unbekannte Händler die Optionsbörse Chicago Board Options Exchange (CBOE) auf, den noch stärker aus dem Geld liegenden Kontrakt mit einem Ausübungskurs von 15 Dollar zu notieren.
Am 12. März erklärte Bear-Stearns-Chef Schwartz, die Investmentbank habe ausreichend Ressourcen, um die Kreditklemme zu überstehen. Am nächsten Tag ging die Kapitalflucht jedoch weiter. Am Ende dieses Tages verfügte Bear Stearns kaum noch über liquide Mittel. Schwartz erkannte, dass die Investmentbank am Freitag ohne Zugang zu Tagesgeld nicht würde funktionieren können, und rief deshalb staatliche Stellen, Aufsichtsbehörden und den Vorstandsvorsitzenden der Bank J.P. Morgan, Jamie Dimon, an.
Die amerikanische Zentralbank erklärte sich bereit, über J.P. Morgan Geld zur Verfügung zu stellen. Bear Stearns hatte als Investmentbank keinen direkten Zugang zur Notenbank als Kreditgeber der letzten Instanz. Am 14. März erhielt Schwartz einen Telefonanruf des amerikanischen Finanzministers Henry Paulson. Dieser stellte klar, dass Bear Stearns bis Samstag Zeit habe, um einen Käufer zu finden, denn die Zentralbank wolle ihre finanzielle Unterstützung zurückziehen. Am gleichen Tag listete die CBOE eine Reihe von Verkaufsoptionen mit weniger als fünf Tagen Laufzeit. Der niedrigste Ausübungspreis in Höhe von 5 Dollar war zu über 90 Prozent aus dem Geld. Optionshändler bezeichnen so etwas als Konkurs-Verkaufsoption. "Niemand, der bei Sinnen ist, würde eine solche Verkaufsoption erwerben, außer er weiß, was los ist", erläutert Roy Wollney, Partner des Beratungsunternehmens Truth in Options. An dem Tag brach die Bear-Stearns-Aktie um 47 Prozent auf 30 Dollar ein. In den 30 Jahren, die er als Optionshändler tätig sei, habe er so etwas noch nie erlebt, erläutert John Olagues, Leiter von Truth in Options. "In nur einem Tick, der kleinsten Einheit, um die sich der Kurs verändern kann, hat die Aktie fast ihren gesamten Wert eingebüßt. Der Kurseinbruch war größer als bei Enron, kurz bevor die Aktie 2001 von der Börse genommen wurde." Olagues sagte, er würde seinen Ruf darauf verwetten, dass die Investmentbank Opfer von Insiderhandel geworden war. Optionskontrakte, die am Freitag noch irrational erschienen, erwiesen sich am Montag als brillant. Denn an dem Tag wurde die Bear-Stearns-Aktie zwischen 3 und 5 Dollar gehandelt. Diese Wetten waren weder clever noch ein Glücksfall, sagt Peter Chepucavage, ein ehemaliger SEC-Jurist. "Wer zu einem Ausübungskurs von 5 Dollar kauft, wenn die Aktie bei über 50 Dollar notiert, muss entweder manipulieren oder Insider-Informationen haben", ist er sich sicher.