29.10.2008 · Rumänien, Bulgarien und dem Baltikum droht eine Krise / Hohe Leistungsbilanzdefizite
jul./ham. FRANKFURT, 29. Oktober. Dass sich der Boom in Rumänien bald dem Ende nähern könnte, dürften nicht nur die Hersteller von Luxusautos zu spüren bekommen: Schließlich war der EU-Neuling weltweit das Land mit den meisten Zulassungen für den Porsche Cayenne. Vor allem dank des kräftig gestiegenen privaten Konsums erreichte Rumänien im ersten Halbjahr 2008 ein Wirtschaftswachstum von knapp 9 Prozent. Doch gerade diese Konsumlust könnte Rumänien nun zum Verhängnis werden, denn sie wurde vor allem durch Auslandsschulden finanziert. Weil das Ungleichgewicht zwischen Im- und Exporten sich immer mehr zugunsten der Einfuhren verschiebt, wird sich das Leistungsbilanzdefizit in diesem Jahr wohl auf 29,2 Milliarden beziehungsweise knapp 16 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) ausweiten. Nicht zuletzt deswegen wurde Rumänien von der Ratingagentur S&P kürzlich von BBB- auf BB+ heruntergestuft.
Lange Zeit wähnte sich Rumänien als sichere Insel in den Stürmen der Finanzkrise, doch nun drohen die Geldströme aus dem Westen zu versiegen: Mittlerweile sei es sowohl für Unternehmen wie auch Privatpersonen so gut wie unmöglich, an Kredite zu kommen, heißt es in Bukarest. 88 Prozent der rumänischen Banken sind in ausländischer Hand. Wegen Liquiditätsengpässen in ihren Heimatländern ziehen die Geldinstitute verstärkt Kapital ab. Das trifft nicht nur zukünftige Projekte, sondern auch laufende, vor allem in der Bauwirtschaft, die in diesem Jahr um mehr als 30 Prozent gewachsen ist. "Die meisten Projekte sind kurzfristig finanziert", sagt Marko Walde, Geschäftsführer der deutsch-rumänischen Industrie- und Handelskammer.
Steigen die Zinsen, wird es vermehrt zu Zahlungsausfällen kommen. Die Gefahr erhöht sich zudem durch die starke Abwertung des rumänischen Leu gegenüber dem Dollar. Mussten für einen Dollar im Juli noch etwa 2,3 Leu bezahlt werden, liegt der Wechselkurs nun bei 1 zu 3. So wundert es auch nicht, dass sich Rumänien in einem "engen Dialog" mit dem Internationalen Währungsfonds über mögliche Kredite befindet, auch wenn bislang noch keine Vereinbarungen wie mit der Ukraine oder Ungarn getroffen wurden.
Die Regierung zeigt sich unterdessen weiterhin optimistisch. Zwar wurden die Wachstumserwartungen für das laufende Jahr von 9 auf 6,5 Prozent korrigiert, doch die Bereitschaft, Geld auszugeben, ist ungebremst. Erst in der vergangenen Woche stimmte das Parlament einer Erhöhung der Lehrergehälter um 50 Prozent zu - schließlich steht Ende November eine Wahl an. Ausländische Beobachter sind weniger zuversichtlich: "Eine harte Landung ist nicht unwahrscheinlich", sagt Marion Mühlberger, Südosteuropa-Analystin von der Deutschen Bank. Ihre Kollegin Regina Vitez von der Dresdner Bank will auch eine Rezession nicht ausschließen.
Nicht viel besser steht auch das Nachbarland Bulgarien da. Im Gegenteil: In diesem Jahr wird mit einem Leistungsbilanzdefizit von 21 Prozent des BIP gerechnet. Zwar kann auch Bulgarien auf traumhafte Wachstumsraten von 7,1 Prozent im ersten Halbjahr verweisen, doch wurde auch hier die Expansion vor allem aus dem Ausland finanziert. Noch bilden die ausländischen Direktinvestitionen, die 50 Prozent des Fehlbetrages decken, ein tragfähiges Fundament. Doch sollte der Kapitalstrom drehen, hätte das eine harsche Anpassung mit starken Wachstumsverlusten zur Folge. Zudem ist die feste Anbindung des bulgarischen Lew an den Euro Fluch und Chance zugleich. Währungsstabilität sendet - auch wenn sie künstlich ist - positivere Signale an den Markt als eine Währung, die kontinuierlich abwertet. Auf der anderen Seite könnte eine Abwertung die Wettbewerbschancen einer exportabhängigen Volkswirtschaft wie Bulgarien erhöhen. Während das Land seine Devisenreserven aufzehrt, geht die Regierung in die Offensive und rückt ihren Budgetüberschuss und die strikte Finanzdisziplin in den Fokus. Außerdem wurde die Einlagensicherung erst kürzlich von 20 000 auf 50 000 Euro erhöht.
Auch die baltischen Staaten stehen vor der größten Herausforderung seit der Russland-Krise im Jahr 1998. In der Periode von 2000 bis 2007 waren die kleinen Volkswirtschaften Lettland, Litauen und Estland im Schnitt zwischen 8 und 10 Prozent im Jahr gewachsen. Jetzt gehen sie voraussichtlich einer Rezession entgegen. Denn auch in den baltischen Ländern war das wilde Wachstum der vergangenen Jahre, vor allem auf dem Immobilienmarkt und im Finanzsektor, zu einem Großteil kreditfinanziert, und jetzt ziehen die dominierenden ausländischen Banken ihr Geld ab. Die hohe Abhängigkeit von ausländischem Kapital wird daran deutlich, dass die Schulden Lettlands gegenüber Auslandsbanken rund 130 Prozent des lettischen BIP im Jahr 2007 ausmachten. Die Schulden Litauens betragen rund 80 Prozent und die Schulden Estlands sogar mehr als 140 Prozent des BIP.
Die Parex Bank mit Sitz in der lettischen Hauptstadt Riga ist die einzige systemrelevante einheimische Bank im Baltikum. Den Boom haben vor allem skandinavische und deutsche Banken finanziert. Nach Zahlen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) haben allein deutsche Banken Forderungen gegenüber Banken in Lettland in Höhe von 4,7 Milliarden Dollar, in Litauen von 3,8 Milliarden und in Estland von 1,1 Milliarden. Die HSH Nordbank und die Nord LB gelten unter den deutschen Banken als besonders aktiv in der Region.
Estland steht von den baltischen Staaten offenbar noch am besten da; zumindest hat die Rating-Agentur S&P gerade die Bonität mit der ordentlichen Note "A" bestätigt, während sie die Bonität von Litauen auf "BBB+" und die von Lettland auf ""BBB" heruntergestuft hat. Alle drei Bonitätseinschätzungen sind mit einem negativen Ausblick versehen. Estland hat die offenste Volkswirtschaft. 75 Prozent des BIP sind Exporte, 70 Prozent wiederum davon gehen in die erweiterte Europäische Union. Insofern wäre Estland von einem starken Konjunkturabschwung in der EU auch stark betroffen. Lettland hingegen ist im Baltikum mit einem Exportanteil des BIP von lediglich 45 Prozent die geschlossenste und gleichzeitig die von Russland am stärksten abhängige Volkswirtschaft.
Entscheidender aber ist in dieser Finanzkrise der Grad der Verschuldung von Staaten, Unternehmen und Haushalten. Hier scheinen alle drei baltischen Staaten sehr verwundbar. Das Leistungsbilanzdefizit beträgt in Litauen 13, in Estland 16 und in Lettland sogar 23 Prozent des BIP. Diese Finanzierungslücke lässt sich nur noch schwer durch Direktinvestitionen ausländischer Unternehmen decken. Hinzu kommt, dass die an Haushalte und Unternehmen ausgereichten Kredite im Jahr 2007 in allen drei Staaten um mehr als 40 Prozent zunahmen und damit deutlich stärker als die Volkswirtschaft insgesamt stiegen. Inzwischen sind die Immobilien im Baltikum, in die ein großer Teil der Kredite geflossen sind, allein zwischen Januar und September nach Schätzungen von Fachleuten im Durchschnitt um mehr als 30 Prozent gefallen. Die Bedienung der Kredite fällt offenbar vor allem den Konsumenten in Litauen schwer. Dort war es besonders verbreitet, sich nicht in der Landeswährung Litas zu verschulden, sondern wegen der niedrigen Zinsen in Euro oder Schweizer Franken.