22.12.2008 · Die Analysten liegen mit ihren Prognosen für die Bric-Länder 2009 weit auseinander. Alle honorieren jedoch das langfristige Potential.
gap. FRANKFURT, 22. Dezember. Unterschiedlicher könnten die allgemeinen Aussagen der Anlagestrategen zur Entwicklung an den Aktienmärkten der Schwellenländer im neuen Jahr kaum sein als in diesen Tagen. Die gemäßigten Optimisten sehen sie am Beginn einer ausgedehnten Erholung, wobei sie nicht ausschließen, dass im späteren Verlauf des Jahres ein Test des im November verzeichneten zyklischen Tiefs stattfindet. Über den Ausgang des erwarteten Tests wollen sie erst Prognosen abgeben, wenn dieser in Gang gekommen ist. Die Berufsoptimisten erklären die gesamte Baisse an den Schwellenbörsen bereits für beendet. Die Skeptiker räumen hingegen ein, dass sich jederzeit eine Erholung einstellen kann, geben ihr aber mit Blick auf deren Dauer und Ausdehnung keine verheißungsvollen Noten. Die eingefleischten Pessimisten hingegen erklären, an den Schwellenmärkten sei 2007 und 2008 eine spekulative Blase von so gigantischen Ausmaßen geplatzt, dass es mindestens zwei bis Jahre dauern werde, um diese wieder auf solide Füße zu stellen.
Doch selbst die düstersten Prognosen zeigen einen Silberstreifen am Horizont. Einhellig klingt zumindest an, dass diese Märkte wegen des wirtschaftlichen Entwicklungspotentials der hinter ihnen stehenden Länder auf lange Sicht unverändert sehr gute Perspektiven bieten. Daher wird durchweg empfohlen, die Schwellenbörsen als eigene Anlagekategorie nicht geringzuschätzen und ihnen einen an der individuellen Risikobereitschaft gemessenen Teil des verfügbaren Kapitals zuzuteilen. Überwiegend heißt es, bis auf weiteres sollten Engagements an den etablierten Börsen Positionen an den Schwellenmärkten vorgezogen werden. Die Strategen raten fast durchweg, Engagements an Letzteren grundsätzlich auf die Bric-Länder (Brasilien, Russland, Indien, China) zu konzentrieren und sich dort auf die Besten unter den besten Aktien zu stützen. Exoten unter den Schwellenmärkten, darunter die des Mittleren Ostens und Nordafrikas, die besonders 2007 herausragende Terraingewinne verzeichneten, sollten grundsätzlich gemieden werden. Die Begründung lautet, die Liquidität dieser Börsen und die Aufsichtsführung dort entsprächen fast durchweg nicht den Standards, die für solide Kapitalanlagen gefordert werden müssten.
Gesteigerte Aufmerksamkeit sollten Anleger 2009 auf die Währungsseite ihrer Engagements richten, heißt es weithin. Es kündigten sich im Zuge des weltweiten Wirtschaftsabschwungs weitere, möglicherweise gravierende Wechselkursveränderungen zwischen den Valuten der Schwellenländer und den westlichen Leitwährungen an. Grundsätzlich verdienten die Valuten jener Länder den Vorzug, die über hohe Devisenreserven verfügten, deren Leistungsbilanz sich im Zuge der Konjunkturschwäche nicht gravierend verschlechtern dürfte und die sich auf eine solide oder rasch ausbaufähige Binnennachfrage stützen können. In diesem Punkt gilt China vielerorts als Favorit vor Brasilien und Indien. Anleger müssten sich daneben fragen, welche Länder aus Tradition und vielleicht auch aus Not bereit sein könnten, auf eine gezielte Abwertung ihrer Währung hinzuarbeiten, um ihrer Exportwirtschaft auf dem Weltmarkt Vorteile zu verschaffen. Hier gilt der argwöhnische Blick vor allem asiatischen Ländern, die sich 1997/98 bereits durch kompetitive Abwertungen oder Abwertungswettläufe hervorgetan haben.
In diesem Zusammenhang wird daran erinnert, dass in Euro oder in Dollar rechnende Anleger bei Engagements an den Schwellenbörsen in den zurückliegenden Jahren wenigstens phasenweise ungewöhnlich hohe zusätzliche Gewinne aus Wechselkursveränderungen ziehen konnten. Als Beispiele werden gerne der brasilianische Real und der südafrikanische Rand angeführt. Viele Strategen messen der Wahl des "idealen" Zeitpunkts (Timing) neuer Engagements an den Schwellenbörsen breiteren Raum in ihren Ausblicken zu. Der Tenor ihrer Aussagen lautet, sich in Geduld zu üben und nicht zu versuchen, vorzeitig den vermeintlichen oder tatsächlichen Boden der Baisse zu ergründen. Die Erfahrung zeige, dass der erste große Aufschwung so gut wie nie die endgültige Wende markiere. Vielmehr kehrten die Märkte meist im Zuge eines Tests wieder auf den Ausgangspunkt in dessen Nähe zurück, bevor sie dauerhaft abhöben. Daher gelte als Faustregel, lieber etwa sechs Monate zu spät als sechs Monate zu früh einzusteigen. Bei diesem Vorgehen biete sich Anlegern noch immer eine ziemlich sichere Chance, den weit überwiegenden Teil einer nachfolgenden großen Aufwärtsbewegung genießen zu können.
Zur Frage des "idealen" Zeitpunkts neuer Engagements erklären Strategen ferner, er werde höchstwahrscheinlich erst gekommen sein, wenn der weltweit angebrochene Prozess des deflationär wirkenden Schuldenabbaus im privaten Sektor der Volkswirtschaften auf sein Ende zusteuere.