09.06.2009 · Frisches Geld tut Not. Denn im Tagesgeschäft stehen die Zeichen unverändert auf Sturm. Nach einem Fehlbetrag von 250 Millionen Euro im vergangenen Geschäftsjahr rechnet der Traditionskonzern Heideldruck auch in diesem Jahr mit einem Verlust in Millionenhöhe.
tag. HEIDELBERG, 9. Juni. Heideldruck erhält 300 Millionen Euro Kredit der staatlichen Förderbank Kfw, darüber hinaus bürgen der Bund und die Bundesländer Baden-Württemberg und Brandenburg für ein weiteres Kreditpaket in Höhe von 550 Millionen Euro. Dabei trägt der Bund die Bürgschaft zur Hälfte, von der anderen Hälfte entfällt der überwiegende Teil auf Baden-Württemberg. Vorstandschef Bernhard Schreier sagte bei der Bilanzpräsentation in Heidelberg, "wir hätten es ohne Staatshilfe nicht klarbekommen". Es sei kein einfacher Prozess gewesen, "niemand bekommt Staatshilfe, der sie nicht nötig hat".
Nachdem der mit vier Staatssekretären besetzte Lenkungsausschuss des Bundes den Antrag vor Tagen gutgeheißen hatte, stimmte am Dienstagabend der Wirtschaftsausschuss des Landtags von Baden-Württemberg als letztes Gremium zu, wie das Parlament am Dienstagabend mitteilte. Nach Schreiers Worten sind der Kredit und die Bürgschaft auf drei Jahre befristet. Zudem würden sie mit handelsüblichen Zinsen bedient. Der Bürgschaftskredit über 550 Millionen Euro ist dem Vernehmen nach mit gut 90 Prozent über die Landesbürgschaft abgesichert, ein in Baden-Württemberg unüblich hoher Wert.
Das neu geschnürte Finanzpaket nimmt dem angeschlagenen Unternehmen zwar die Sorge vor einer Insolvenz. Die Sicherheit aber hat ihren Preis. Nach den Worten von Finanzvorstand Dirk Kaliebe werden die Zinskosten deutlich steigen. Das sei ein Grund dafür, dass das Unternehmen auch im laufenden Geschäftsjahr Verlust erwarte. Nach Kaliebes Worten rechnet Heideldruck abermals mit einem negativen freien Mittelzufluss. Damit würde das von 1,2 Milliarden auf 800 Millionen Euro ohnehin stark zurückgegangene Eigenkapital weiter schmelzen. Um die Kasse nicht weiter zu strapazieren, streicht Heideldruck für das Ende März abgeschlossene Geschäftsjahr 2008/09 die Dividende.
Schreier kündigte an, nach Abschluss der Kreditverhandlungen die Suche nach neuen Investoren zu intensivieren. Im Gespräch mit dieser Zeitung hatte er Ende Mai gesagt, er schließe keine Option per se aus: Private Equity, Family Offices oder Staatsfonds. Wichtig sei, welche Ziele die Investoren verfolgten "und dass sie nicht in zwei Jahren mit einem schnellen Gewinn wieder herauswollen, sondern ein langfristiges Interesse verfolgen". Für das Tagesgeschäft machte der Vorstand keine Hoffnung auf Besserung. Der Umsatz werde 2009/10 nochmals unter dem "sehr niedrigen Niveau" des Vorjahres von 2,99 Milliarden Euro liegen. Und trotz der eingeleiteten Sparmaßnahmen gehen die Heidelberger für das laufende Jahr nach einem Rekordfehlbetrag von 250 Millionen Euro abermals von einem Verlust aus (F.A.Z vom 6. Mai). Eine konkrete Prognose sei derzeit nicht möglich. Das erste Quartal bestätigt das düstere Bild: Schreier erwartet wegen des am Ende des Geschäftsjahres auf 650 Millionen Euro gesunkenen Auftragbestands einen deutlichen Umsatzrückgang und einen Verlust im operativen Geschäft. Der Auftragseingang lasse immerhin den Schluss zu, dass der Konzern das "stabil niedrige Niveau" halten werde.
Um dem Nachfrageverfall zu begegnen, hat Heideldruck den Abbau von 5000 der knapp 20000 Stellen angekündigt. Stand Ende April hätten 1700 Menschen das Unternehmen verlassen. Über den Fortgang der Kündigung würden nun die Gespräche mit dem Betriebsrat entscheiden. Die Entlassungen sind Teil eines im Sommer 2008 beschlossenen Sparpakets, mit bis zum Geschäftsjahr 2010/11 jährliche 400 Millionen Euro gespart werden sollen. Zurzeit arbeiten nach Schreiers Worten 90 Prozent der Mitarbeiter kurz. Der Konzern wolle zwar flexibel auf weitere Veränderungen des Umfelds reagieren, weitere Einschnitte seien zunächst aber nicht geplant.
Schreier sprach von einer dramatischen Entwicklung im Druckmaschinenmarkt. Das Unternehmen, das im abgelaufenen Geschäftsjahr einen Rückgang der Auftragseingänge von 20 Prozent hinnehmen musste, habe dennoch Marktanteile hinzugewonnen. Der Heideldruck-Chef geht davon aus, dass der Druckmarkt wieder das Vorkrisenniveau erreicht. Die Nachfrage werde sich aber sowohl regional als auch produktseitig ändert. Um sich diesen Veränderungen anzupassen, will Schreier den Servicanteil am Umsatz ausbauen und das Geschäft mit Verbrauchsmaterialen vorantreiben. Zudem setzt er verstärkt auf Maschinen für den Verpackungsdruck. Die Schwellenländer blieben ein Wachstumsthema, Heideldruck wolle in China allerdings nur Standard-Druckmaschinen für den lokalen Markt fertigen, die in Industrieländern "nicht wirtschaftlich sinnvoll" gebaut werden könnten.