06.06.2005 · In der Nachfolge Kardinal Newmans: Wie Benedikt XVI. das Petrusamt versteht / Von Uwe Michael Lang
Das Christentum ist keine Buchreligion - so steht es in dem 1992 erschienenen Katechismus der katholischen Kirche, der unter der Federführung Joseph Ratzingers, des damaligen Präfekten der römischen Glaubenskongregation, entstand. Mit dem Apostel Paulus betont Ratzinger, daß der Glaube vom Hören kommt, vom Hören auf das lebendige Wort, das Jesus Christus selbst ist. In der Mitte des christlichen Glaubens steht nicht ein Buch, das als solches die einzige und letzte Autorität wäre, sondern eine Person, denn "das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt" (Joh 1,14). Die Kenntnis von diesem Offenbarungsereignis wird vermittelt zunächst durch die lebendige Überlieferung der Kirche, der Familie Gottes, die sich im Geist gründet auf das Ur-Bekenntnis vom Dominus Iesus: "Jesus ist der Herr" (Röm 10,9; 1. Kor 12,3). In der Gemeinschaft der Kirche kristallisierte sich unter der Inspiration des Heiligen Geistes die Begegnung der Apostel mit dem menschgewordenen Gott zur Heiligen Schrift als Offenbarungsquelle. Dem Theologen Ratzinger ist viel daran gelegen, daß die Bibel ein Buch - um genauer zu sein, ein Kanon von Büchern - ist, das der Kirche gehört und in ihr zu lesen ist.
Außerhalb dieses lebendigen Überlieferungsstroms zerfällt die Bibel in eine mehr oder weniger heterogene Literatursammlung. Die verschiedenen Teile des Alten und Neuen Testaments wären dann besser den historischen und philologischen Fachwissenschaften überlassen. Wenn der Ort der Bibel in der Kirche preisgegeben wird, verliert auch die Theologie ihre eigentliche Rolle als Schriftauslegung in dogmatischer Reflexion. Ratzinger, dem jeder Obskurantismus fremd ist, hat immer wieder gezeigt, wie sehr er den öffentlichen Diskurs schätzt - im Vertrauen auf die Vernunft, die als Gabe von Gott bei rechtem Gebrauch auch zu Gott führt. Die wissenschaftliche Exegese, die sich einer Fülle von historischen Methoden bedient, verhilft uns, so Ratzinger, zu wichtigen Einsichten in das Entstehen der biblischen Bücher und bereichert unser Verständnis von ihnen. Allerdings kann die Exegese in Abstraktion von der kirchlichen Überlieferung nicht zu der verbindlichen Deutung des biblischen Zeugnisses hinleiten, die allein zu einer existentiellen Begegnung mit dem menschgewordenen Gott führt und somit zu der "Gewißheit, mit der wir leben können und für die wir sterben können".
Diese Worte stammen aus der Predigt, die Benedikt XVI. am 7. Mai bei der Inbesitznahme der Lateranbasilika, des Sitzes des Papstes als Bischof von Rom, gehalten hat. In den wenigen Wochen, seit Joseph Ratzinger nach einem ausgesprochen kurzen und einmütigen Konklave zum 264. Nachfolger des Apostelfürsten Petrus gewählt wurde, hat er in einer Reihe von beeindruckenden Ansprachen das theologische Profil seines Pontifikats bereits deutlich hervortreten lassen. Wer mit dem umfangreichen Werk Ratzingers vertraut ist, wird auf viele bekannte Motive stoßen; daß er nun von der Cathedra Petri spricht, verleiht seiner Stimme freilich mehr Wirkmächtigkeit als je zuvor - ein Phänomen, das sich nicht zuletzt in den Auflagezahlen seiner Bücher niederschlägt.
Der Mozartliebhaber spricht in seiner Predigt aus dem Lateran von einer "Symphonie von Zeugnissen", die eine wohldefinierte Ordnung hat. Den Bischöfen als Nachfolgern der Apostel ist die Aufgabe anvertraut, dafür zu sorgen, daß das Netz dieser Zeugnisse durch die Zeitläufte hindurch hält. Daß dem Nachfolger Petri dabei der Primat zukommt, ist in seinem epochalen Glaubensbekenntnis begründet: "Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes" (Mt 16,16). Die vorrangige Aufgabe des Petrusdienstes sieht Benedikt XVI. darin, die Kirche in diesem Bekenntnis zu leiten und dafür Sorge zu tragen, daß das Wort Gottes "in seiner Größe gegenwärtig bleibt und in seiner Reinheit erklingt". Allerdings ist der Papst keineswegs ein absoluter Monarch, dessen Denken und Wollen Gesetz wäre, sondern vielmehr als Garant der authentischen Überlieferung selbst im Glaubensgehorsam an Christus und sein Wort gebunden.
Die Ausführungen Papst Benedikts lehnen sich - sicher nicht unbewußt - an John Henry Kardinal Newman (1801 bis 1890) an. Dieser bedeutende englische Konvertit und Oratorianer verteidigte in seinem berühmten Brief an den Herzog von Norfolk, das Haupt des englischen Laienkatholizismus, die Unfehlbarkeit verbindlicher päpstlicher Lehrentscheidungen, wie sie vom Ersten Vatikanischen Konzil definiert wurde. Dabei schränkt Newman ein: "Es hängt keineswegs von der Laune des Papstes noch von seinem Belieben ab, ob er diese oder jene Lehre zum Gegenstand einer Lehrentscheidung macht. Er ist durch die göttliche Offenbarung und durch die Wahrheiten, die jene Offenbarung enthält, gebunden und begrenzt. Er ist gebunden und begrenzt durch die Glaubensbekenntnisse, die schon in Kraft sind, und durch die vorhergehenden Lehrentscheidungen der Kirche."
Der Theologe Ratzinger hat sich mehrfach im Sinne Newmans geäußert, vor allem in einem Bereich, der ihm besonders am Herzen liegt, der Liturgie. Die Feier des Gottesdienstes ist ein wesentlicher Vollzug des kirchlichen Lebens, und das nicht allein deshalb, weil es in erster Linie die Sonntagsmesse ist, in der die meisten Katholiken - und nicht nur diese - der Kirche begegnen. Die heilige Liturgie, so das Zweite Vatikanische Konzil, ist "der Höhepunkt, dem das Tun der Kirche zustrebt, und zugleich die Quelle, aus der all ihre Kraft strömt" (Sacrosanctum Concilium, 10). In "Der Geist der Liturgie" (Freiburg 2000), übrigens der einzigen Monographie, die er als Präfekt der Glaubenskongregation verfaßte, schreibt Ratzinger eindrücklich von der Bedeutung der rechten Weise, Gott zu verehren. An diesem Punkt berühren sich Orthodoxie und Orthopraxie, denn es geht um eine Form des öffentlichen Kultes, die Gottes Wesen und Wirklichkeit gemäß ist.
Dies gilt besonders für die Liturgie der heiligen Messe, in der nach katholischem Verständnis des Paschamysteriums von Christi Leiden, Tod und Auferstehung nicht nur als Erinnerung gedacht wird, sondern die zentralen Heilsereignisse gegenwärtig werden zum Segen für die Gläubigen. Das Netz der Zeugnisse vom menschgewordenen Gott ist ein eucharistisches, denn in der sakramentalen Feier kommt es zur Gemeinschaft mit dem Herrn, der sich in Liebe selbst schenkt. In seiner Besprechung des Buches "The Organic Development of the Liturgy" von Alcuin Reid (Forum Katholische Theologie, 1/2005) hat Ratzinger unlängst geschrieben: "Der ,Ritus', die im Glauben und Leben der Kirche gereifte Gestalt des Betens und Feierns, ist kondensierte Gestalt der lebendigen Überlieferung, in der ein Ritenraum das Ganze seines Glaubens und Betens ausdrückt und so zugleich die Gemeinschaft der Generationen erlebbar wird, die Gemeinschaft mit den Betern vor uns und nach uns. So ist der Ritus eine Vor-Gabe an die Kirche, lebendige Gestalt von Paradosis", der Weitergabe des Gotteswortes.
Freilich ist gerade die rechte Feier des Gottesdienstes zu einem kontroversen Thema in der katholischen Kirche geworden. Die am Schreibtisch konzipierte nachkonziliare Liturgiereform, ihre überstürzte Umsetzung und der seither weithin umgreifende Wildwuchs haben auch bei vielen, deren Treue zum Zweiten Vaticanum nicht in Zweifel gezogen werden kann, Skepsis genährt, ob die Prinzipien, nach denen die Feier des Gottesdienstes umgestaltet wurde, der überlieferten Glaubenspraxis überhaupt gerecht werden oder ihr nicht teilweise sogar fremd sind. Nicht zuletzt Ratzinger hat auf diese begründeten Fragen mit der Forderung nach einer "Reform der Reform" geantwortet. Insofern trägt es bereits eine Problemanzeige in sich, wenn er vom Ritus als etwas Vor-Gegebenem spricht, das nicht im Besitz einer Generation und daher beliebig veränderbar ist. Liturgie wird nicht "gemacht", auch nicht vom Papst: "Daher hat er der Liturgie gegenüber die Funktion des Gärtners, nicht des Technikers, der neue Maschinen baut und alte zum Gerümpel wirft."
Das sind starke Worte aus oben genannter Rezension, vor allem, wenn man danebenhält, daß Ratzinger selbst einige Jahre zuvor den nachkonziliaren Meßritus als "fabrizierte Liturgie" bezeichnet hat. Man darf gespannt sein, was Benedikt XVI. als Gärtner im Weinberg des Herrn zu tun imstande sein wird, um die katholische Liturgie wieder stärker mit der gewachsenen Überlieferung zu verbinden.
In den letzten Wochen ist immer wieder zu hören gewesen, daß der neue Papst überraschen werde, ja, daß Benedikt XVI. nicht der gleiche sei wie Joseph Kardinal Ratzinger. Daß das Amt des Obersten Hirten der katholischen Kirche von anderer Dimension ist als das des Präfekten der Glaubenskongregation, liegt auf der Hand. In der kurzen Zeit seit dem Konklave hat der bayerische Papst bereits zu seinem eigenen Stil gefunden, der zurückhaltender ist als derjenige seines Vorgängers, aber durch seine direkte und herzliche Art bei den Menschen ebenso auf Resonanz stößt. Davon kann nur überrascht sein, wer der schwarzen Legende vom Großinquisitor oder gar der unsäglichen Schlagzeile von "God's Rottweiler" (Daily Telegraph) aufgesessen ist.
Was auch immer die entscheidenden Stationen dieses Pontifikats sein werden, es wird geprägt sein von einer Besinnung auf das Wesentliche, denn nur so kann es sich der "Gotteskrise" stellen, die Papst Benedikt XVI. mit Johann Baptist Metz als die große Herausforderung für das Christentum am Beginn des dritten Jahrtausends sieht. Joseph Ratzinger wird sich treu bleiben in der Verkündigung dessen, was er als die eigentliche Aufgabe der Kirche betrachtet: nicht in erster Linie von sich selbst zu reden, sondern von Gott. Die Eucharistie wird dabei in jeder Hinsicht eine zentrale Stellung in seinem Petrusdienst einnehmen, denn für den Pontifex ist die rechte Feier der Liturgie das Herz einer wahren Erneuerung der Kirche.
Der Autor ist Priester im Oratorium des hl. Philipp Neri zu London. Für sein Buch "Conversi ad Dominum. Zu Geschichte und Theologie der christlichen Gebetsrichtung, (Freiburg, 2003, dritte Auflage 2005) verfaßte Joseph Kardinal Ratzinger ein Geleitwort.