22.07.2004 · Der Bericht zu den Terroranschlägen am "11. September" / Von Matthias Rüb
WASHINGTON, 22. Juli. Als Majed Moqed und Khalid al Midhar am 11. September 2001 um 7.18 Uhr am Washingtoner Flughafen Dulles durch die Sicherheitsschleuse schreiten, schrillt der Alarm. Beide werden angewiesen, einen zweiten Metalldetektor zu passieren, und während al Midhar diesmal "unbehelligt" bleibt, löst Moqed auch beim zweiten Versuch den Alarm aus. Er wird daraufhin vom Mitarbeiter der Flughafensicherheit mit einem manuellen Metalldetektor untersucht, und diese "Prüfung" besteht Moqed: Er wird durchgelassen zu Flug "American Airlines 77" nach Los Angeles. Um 7.35 Uhr folgen Hani Hanjour, der später das Flugzeug ins Pentagon lenken soll, sowie Nawaf und Salem al Hamzi. Auch Nawaf al Hamzi löst bei beiden Sicherheitsschleusen, durch die er zu gehen hat, das Alarmzeichen aus. Auch er wird von einem Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma mit einem manuellen Metalldetektor überprüft, und auch er darf wie Moqed ins Flugzeug steigen.
So steht es im Abschlußbericht des Untersuchungsausschusses zur Vorgeschichte der Terroranschläge des "11. September", der am Donnerstag in Washington nach 20 Monaten harter Arbeit der zehn Ausschußmitglieder - jeweils fünf Demokraten und Republikaner - und vor allem der angestellten 80 Mitarbeiter des Ausschusses vorgelegt wurde. Und so war es am Vortag der mit Spannung erwarteten Veröffentlichung des Berichts der "9/11 Commission" wieder und wieder im Fernsehen zu sehen. Erstmals wurden nämlich die Aufnahmen der Überwachungskameras am Washingtoner Dulles-Flughafen der Öffentlichkeit gezeigt. Der Sicherheitsbeamte mit dem Metalldetektor macht seine Arbeit, wie er sie Tausende Male gemacht hat, nicht besonders gründlich, aber auch nicht wirklich nachlässig. Moqed, in hellbeiger Hose und blauem Hemd, breitet gehorsam die Arme aus, läßt sich in der gleichen stoischen Routine überprüfen, wie der untersetzte Sicherheitsbedienstete seinen Job erledigt.
Das Teppichmesser, das Moqed entweder am Körper trägt oder im Handgepäck, das er aufs Band zum Röntgen legt, verstaut hat, wird von den Sicherheitsleuten jedenfalls nicht entdeckt. Doch selbst wenn die Messer aufgefallen wären, ist nicht sicher, ob sie den Luftpiraten abgenommen worden wären. Denn Messer mit einer Klingenlänge von weniger als zehn Zentimetern sind zu jener Zeit zur Mitnahme an Bord zugelassen. Nicht aber das Pfefferspray, das die fünf Entführer neben den Teppichschneidern etwa eine halbe Stunde nach dem Start einsetzen werden, um die Passagiere in Schach zu halten und in den hinteren Teil des Flugzeugs zu zwingen. Warum es ihnen gelingen konnte, einige Döschen mit dem Pfefferspray an Bord zu schmuggeln, ist bis heute unklar.
Nachdem die fünf Luftpiraten ihre Plätze in der ersten Klasse eingenommen haben, stehen ihnen keine wesentlichen Hindernisse mehr im Weg. Die Tür zum Cockpit ist eine "weiche" Barriere, leicht aufzubrechen und in aller Regel nicht einmal abgeschlossen. Die Besatzung ist geschult, sich bei Entführungen kooperativ zu zeigen, die Passagiere von "heroischen" Taten abzuhalten und das Flugzeug sicher zum Boden zu bringen. Natürlich sind das genau die falschen Verhaltensregeln, denn sie sind zugeschnitten auf "konventionelle" Flugzeugentführungen und nicht auf den Einsatz von vollgetankten Verkehrsflugzeugen als Waffen durch Selbstmordattentäter. Zudem hat es bis zum 11. September 2001 seit mehr als einem Jahrzehnt keinen Angriff mehr auf eine amerikanische Fluggesellschaft gegeben, und der letzte katastrophale Anschlag - auf das "PanAm"-Flugzeug über dem schottischen Lockerbie vom Dezember 1988 - wurde durch eine an Bord geschmuggelte Bombe verursacht. Fachleute für Flughafensicherheit tendieren zu der Ansicht, man habe den Kampf gegen Luftpiraten und Attentäter gewonnen, weil die Sicherheitskontrollen von Passagieren und Gepäck verhinderten, daß Sprengstoff und Waffen an Bord geschmuggelt würden. Mochten einige Terrorismus-Fachleute ein Szenario wie das vom "11. September" für möglich gehalten haben, in Leib und Glieder des Sicherheitsapparates sickerte diese Möglichkeit niemals hinab.
Was im Cockpit geschieht, als die Entführer das Flugzeug in ihre Gewalt bringen, ist nicht bekannt. Als gesichert nimmt der Ausschuß aber an, daß die Luftpiraten in allen vier entführten Flugzeugen die Passagiere mit Pfefferspray in Schach hielten. Der später in den Trümmern des Pentagons aufgefundene Flugschreiber von "AA 77" legt nahe, daß Hanjour, von den vier Attentäter-Piloten des 11. September 2001 wohl der erfahrenste, die Zieldaten des "Reagan National Airport" in den Autopiloten der Boeing 757 eingegeben hatte. Das Pentagon liegt unmittelbar in der Einflugschneise zum Flughafen, so daß Hanjour das Flugzeug nur die allerletzten Kilometer zum Pentagon von Hand fliegen mußte.
Wie konnte es dazu kommen? Hätten die Anschläge verhindert werden können? Wer trägt für welche Versäumnisse die Verantwortung? Wurden aus den katastrophalen Fehlern die Konsequenzen gezogen?
Ist Amerika heute sicherer als vor den Anschlägen vom 11. September 2001? Der Bericht beantwortet nicht alle Fragen, und selbst wo er Antworten gibt, werden diese schon jetzt unterschiedlich ausgelegt. Beeindruckend ist bei der Lektüre des 600 Seiten langen Berichts, der zu guten Teilen auf den einzelnen "staff reports", also den Zwischenberichten der angestellten Mitarbeiter, beruht, die ruhige, sachliche Berichtsprosa, die Wort für Wort und Seite um Seite dem Geist der Überparteilichkeit und der Suche nach Gerechtigkeit verpflichtet ist. Und es fehlt auch an den betreffenden Stellen das gebührende Lob der heldenhaften Flugbegleiter und Passagiere nicht, die über Telefon an die Bodenkontrolle wichtige Informationen über die Vorgänge in den Flugzeugen weitergaben und schließlich das letzte Flugzeug auf einem Feld in Pennsylvania zum Absturz brachten, ehe es von den Entführern auf das Weiße Haus oder auf das Kapitol gelenkt werden konnte.
Die Liste der Versäumnisse, Fehleinschätzungen, Grabenkriege, Kommunikationsmängel ist lang. Doch wenn im Jahr 2000 weltweit etwa 10 Millionen Visaanträge in mehr als 200 amerikanischen Botschaften und Konsulaten bearbeitet werden, dann müssen wahrscheinlich die falschen und fehlerhaften Angaben von mehreren der 19 Entführer übersehen werden. Bei der schieren Masse muß wahrscheinlich den Beamten auf Außenposten ebenso wie den Grenzbeamten an den Flughäfen Miami, Newark oder New York entgangen sein, daß einige Pässe der Luftpiraten gefälscht waren. Und so setzen sich die Verfehlungen von Konsularbeamten über die Flugaufsicht bis zur CIA und zum Nationalen Sicherheitsrat fort.
Das Urteil des Ausschusses fällt insofern ausgewogen aus, weil festgestellt wird, daß sowohl unter Präsident Bill Clinton wie unter George W. Bush Fehler gemacht wurden - von der Führungsebene bis zum kleinen Beamten. Zu jeweils gleichen Teilen wurden Gelegenheiten versäumt, einige der Attentäter zu enttarnen, festzunehmen oder auszuweisen: viermal vor dem Regierungswechsel, sechsmal danach. Die Eifersüchteleien zwischen den Diensten haben vor wie nach dem Machtwechsel vom Januar 2001 verhindert, daß wichtigen Hinweisen nachgegangen wurde. Was diplomatisch und was mit militärischen Mitteln gegen das Terrornetz Al Qaida und vor allem gegen den Kopf Usama Bin Ladin unternommen werden könne, war zwischen den einzelnen Fraktionen und Behörden, zwischen CIA, Nationalem Sicherheitsrat und Pentagon unter Clinton wie unter Bush umstritten. Am Ende steht die Erkenntnis, daß das Land vor dem "11. September" auf einen "11. September" einfach nicht vorbereitet war - und daß die durch so viele Fehler begünstigten Anschläge letztlich nicht hatten verhindert werden können.
In dem Bericht werden die in den vergangenen Tagen schon durchgesickerten Erkenntnisse abermals bestätigt, daß es zwar eine Verbindung zwischen dem Regime des früheren irakischen Diktators Saddam Hussein und Usama Bin Ladin während dessen Aufenthalt in Sudan gab, aber keine "operative Zusammenarbeit". Dafür kommen die Ausschußmitglieder und ihre Mitarbeiter zu dem Schluß, daß die Verbindung Al Qaidas und der späteren Attentäter zu Iran und zu der von Teheran unterstützten Terrorgruppe Hizbullah enger war, als man bisher angenommen hatte. Ob der Krieg gegen den Irak deshalb falsch war oder richtig bleibt, ob Amerika heute sicherer oder ob die Gefahr gewachsen ist, wird noch mindestens bis zu den Präsidentenwahlen am 2. November umstritten bleiben.
Als wichtigste Empfehlung des Ausschusses darf gelten, daß zur künftigen Vermeidung von Fehlern im "Krieg gegen den Terrorismus" der neue Kabinettsposten eines "Direktors für Nationale Aufklärung" geschaffen werden soll. Dieser soll Arbeit und Budget - geschätzte 40 Milliarden Dollar jährlich - der insgesamt 15 Dienste überwachen. Zudem soll ein Nationales Antiterrorzentrum geschaffen werden, um die verschiedenen Listen mit Verdächtigen abzugleichen und zusammenzufügen. Die Mehrzahl der oppositionellen Demokraten begrüßt die beiden Vorschläge, vor allem jenen, eine zentrale Verantwortlichkeit mit großem politischen Gewicht für alle Dienste zu schaffen. Andere warnen vor einer neuen bürokratischen Vervielfachung der Aufgaben und Institutionen statt der erforderlichen Straffung der Organisation.
Historisch steht der nach dem Studium von mehr als 2,5 Millionen Aktenblättern und Vermerken sowie nach der Einvernahme Tausender Zeugen erstellte Abschlußbericht auf gleicher Stufe mit den Berichten der Untersuchungsausschüsse zur Vorgeschichte des japanischen Angriffs auf Pearl Harbor und zu den Hintergründen des Mordes an Präsident John F. Kennedy. Es handelt sich jeweils um "Eckdaten" der amerikanischen Geschichte - und man debattiert noch Jahrzehnte danach über Ursachen und Wirkungen.
Amerika sieht sich noch einmal hilflos den Terroristen ausgeliefert, die ihr Land vor drei Jahren angriffen. Am Donnerstag zeigten alle Fernsehkanäle Videobilder, die zeigen, wie einige der Attentäter auf dem Dulles-Flughafen kontrolliert, noch einmal kontrolliert - und dann durchgewunken werden.
Neues Einreiseverfahren
Als Konsequenz aus den Terroranschlägen vom "11. September" hat das neugeschaffene Heimatschutzministerium das "US Visit"-Einreiseverfahren geschaffen, das seit Januar 2004 an 115 Flug- und 14 Seehäfen angewendet wird. Besucher werden nun digital fotografiert, und es wird ein tintenfreier Fingerabdruck gemacht. In Kooperation mit dem amerikanischen Außenministerium, das für die Visumanträge zuständig ist, werden künftig derart Antragsteller und Einreisender auf Übereinstimmung überprüft. Mittelfristig werde auch die Visumbefreiung für 27 Staaten, darunter Deutschland, nur noch gelten, wenn der Reisende einen neuen, maschinenlesbaren Paß mit Chip besitze. Da die ausländischen Behörden den Anforderungen noch nicht nachgekommen sind, wurde die Frist verlängert. Der Kongreß muß über ein neues Datum noch entscheiden. Danach müssen auch Deutsche, die noch über keinen neuen Paß verfügen, wieder ein Visum beantragen. Bis jetzt habe das Sicherheitssystem bereits 600 "Treffer" erzielt. Bei aller Sicherheitspolitik, sagte "US Visit"-Direktor James Williams jüngst bei einer Vorstellung des Programms in Frankfurt, Amerika sei immer noch eine Handel und Tourismus begrüßende Nation. (sat.)