Home
http://www.faz.net/-1v0-15ibc
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Wie entsteht ein fotografischer Stil? Auf der Suche nach den Motiven der Zeit!

27.11.2008 ·  Es gibt Momente im Leben, da überschneidet sich Gesehenes mit Fotografien, die man im Gedächtnis mit sich herumträgt wie eigene Erinnerungen. "Ein Evans", sagt man dann vielleicht angesichts einer alten Tankstelle irgendwo in Amerikas ...

Artikel Lesermeinungen (0)

Es gibt Momente im Leben, da überschneidet sich Gesehenes mit Fotografien, die man im Gedächtnis mit sich herumträgt wie eigene Erinnerungen. "Ein Evans", sagt man dann vielleicht angesichts einer alten Tankstelle irgendwo in Amerikas tiefem Süden, "ein Becher", wenn man im Ruhrgebiet an einem Förderturm oder einem Gasometer vorbeifährt, und wenn im grellen Sonnenschein das Ketchup auf den Pommes frites wie von innen zu leuchten beginnt, denkt mancher unwillkürlich an Martin Parr. Doch ist die Fotografiegeschichte nicht nur voll von Bildern, die sich in der Wirklichkeit finden lassen - sie kennt längst auch Bildsprachen samt Dialekten, denen wir Eindrücke und Stimmungen zuordnen können, selbst dann, wenn sie sich nicht mit berühmten Motiven überschneiden. Menschen, so klein wie Ameisen, am Fuße einer Klippe oder eines Aussichtsturms werden zum "Gursky", oder wir erleben im Gedränge des Schlussverkaufs das klaustrophobische Gefühl, das Lee Friedlander in seinen New Yorker Straßenaufnahmen gebannt hat.

Es ist nicht überraschend, dass ganz besonders Profifotografen sensibilisiert sind für solche Eindrücke. Und es ist ebenso natürlich, dass gerade sie es stets vermeiden wollen, ins Fahrwasser von Kollegen zu geraten. Mit einem Augenzwinkern waren deshalb im vorigen Jahr die Bücher von Harvey Benge und Thomas Wiegand zu verstehen. Benge orientierte sich mal stilistisch, mal durch die Motive so eng an den Arbeiten anderer Fotografen, dass er mit seinem schmalen Band überzeugend die Geschichte der Fotoästhetik seit dem Zweiten Weltkrieg nacherzählen konnte. Thomas Wiegand hingegen überdrehte den Ansatz bis zur Persiflage und betitelt das Foto eines gewaltigen Stahlrohrs "Mapplethorpe" oder stellt für "Demand" zwei wie von Kindern gemalte Papphäuschen auf eine Wiese. Das ist mitunter kreischend komisch, vorausgesetzt, man ist mit den Vorbildern vertraut.

Von akademischem, mitunter erschreckendem Ernst ist dagegen das jüngste Buch des Amerikaners Ken Schles. Er fragte nicht, wie andere fotografieren, sondern versuchte anhand des eigenen Werks aus dreißig Jahren zu ergründen, welche Einflüsse seine Sicht auf die Welt bestimmt haben. Im Titel "A New History of Photography" - typographisch eng angelehnt an Beaumont Newhalls wegweisendem Fotobuch - ist die Bandbreite dieser Arbeit angelegt. Die Vielfalt übertrifft alles, was man von Ken Schles hat erwarten können, denn vor allem trat er bisher als Dokumentarist des Schreckens hervor; einerlei, ob er sich in einer aufwühlenden Serie der Katastrophe vom 11. September gewidmet hat oder seine Reportagen über Todeszellen, das Militär und verwahrloste Stadtteile vor sieben Jahren zu dem Bildband "The Geometry of Innocence" zusammenfasste. Damals beklagte er im Nachwort, dass in einer mediengesteuerten kapitalistischen Kultur an die Stelle des direkten Erlebens das durch Bilder vermittelte Erlebnis trete. Nun muss er am Beispiel seiner eigenen Arbeit erkennen, dass auch diese Bilder wiederum oft genug Erfahrungen aus zweiter Hand sind und sich der vermeintlich originelle Ansatz umstandslos in die Ästhetik anderer Fotografen einfügt. Schles tröstet sich damit, dass es sich nie um Kopien handelt, sondern stets nur um stilistische Anleihen. Dass die Welt so eben aussieht, steht dabei nicht zur Debatte. Vielmehr sieht er sich eng eingebunden in die Welt künstlerischer Aussagen. Um Hoffnungen zu formulieren, doch daraus auszubrechen, und um die Konsequenz zu beleuchten, die sich hinter der Gefangenschaft in Konventionen verbirgt, nicht zuletzt auch für den Betrachter, greift er in seinem komplexen und sehr umfangreichen Vorwort zurück bis zu Gedanken von Darwin und Heidegger - und schlägt am Ende eine Geschichtsschreibung vor, die dem Echo der Sprache, auch Bildsprache lauscht, um dem Wesen einer Zeit auf den Grund zu kommen. Dabei warnt Schles vor fiktiven Kontexten, die angeblich jeder Betrachter eines Bilds erfindet, wenn ihm die echten unbekannt sind. Das Buch allerdings fordert eben dazu heraus: Es ist ein Füllhorn wunderbarer Einzelbilder - vom konzentrierten Porträt und der stillen Landschaft bis zu dem experimentellen Stillleben und dem aggressiven Schnappschuss auf der Straße. Ein Bilderbuch, in dem man nicht aufhören möchte zu lesen. Freddy Langer

Ken Schles: "A New History of Photography". Verlag Schaden.com / White Press, Köln 2008. 174 S., 106 Abb., geb., 198,- [Euro].

Harvey Benge: "A Short History of Photography". Dewi Lewis Publishing, GB-Stockport 2007. 88 S., 40 Abb., geb., 38,- [Euro].

Thomas Wiegand: "Nach". ex pose Verlag, Berlin 2007. 32 S., 29 Abb., geb., 16,- [Euro].

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel