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Wer war Fahrer, wer war Schütze?

06.04.2007 ·  Vor dreißig Jahren wurde Generalbundesanwalt Siegfried Buback von der RAF ermordet / Von Rüdiger Soldt

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STUTTGART, 6. April. Die Polizei kannte nur den Decknamen "Margarine". Was die RAF-Terroristen damit meinten, wussten die Fahnder nicht. Margarine stand für die Marke "SB". Und "SB", das waren die Initialen des damaligen Generalbundesanwalts Siegfried Buback (unser Bild). Am Morgen des 7. April 1977 fährt Buback, damals 57 Jahre alt, seit 1974 in diesem Amt, in seinem blauen Dienstmercedes die heutige Willy-Brandt-Allee in Karlsruhe entlang. Er ist auf dem Weg von seiner Wohnung in Karlsruhe-Neureut zum Bundesgerichtshof. Als der Wagen an einer Ampel auf der Höhe der Moltkestraße anhält, eröffnen die Terroristen das Feuer. Es ist 9.10 Uhr.

Siegfried Buback und sein Fahrer Wolfgang Göbel sterben sofort, Georg Wurster, Leiter der Fahrbereitschaft der Bundesanwaltschaft, erliegt seinen Verletzungen später im Krankenhaus. Fünfzehn Schüsse feuern die Täter auf die drei Insassen des Mercedes, sie vergewissern sich, dass sie getroffen haben. Dann flüchten sie auf einem japanischen Motorrad. Die RAF hat ihr Ziel erreicht: Der fünfte Generalbundesanwalt der verhassten zweiten Republik, der "faschistischen Bundesrepublik", wie es im wirren Jargon der Terroristen heißt, ist tot.

Buback war als Staatsanwalt an den Ermittlungen im Zusammenhang mit der "Spiegel-Affäre" 1962 beteiligt und durch diesen Fall einer größeren Öffentlichkeit bekannt geworden. 1969 konnte er die "Soldatenmörder von Lebach" überführen und erhielt hierfür das Bundesverdienstkreuz. Als Generalbundesanwalt war er dann auch an den Ermittlungen im Fall des Kanzlerspions Guillaume beteiligt. Der in Sachsen als Sohn eines Beamten geborene Buback war parteilos. Als Generalbundesanwalt arbeitete Buback eng mit dem damaligen Leiter des Bundeskriminalamtes, Horst Herold, zusammen.

Die RAF hatte das Attentat auf Buback, der auf Personenschützer verzichtete, als "Hinrichtung" geplant. "Am 7. 4. 77 hat das Kommando Ulrike Meinhof Generalbundesanwalt Siegfried Buback hingerichtet", heißt es später in einem Bekennerschreiben der RAF. Es beginnt die von der RAF so genannte "Offensive 77": Wenige Monate später ermordet die RAF den Vorstandssprecher der Dresdner Bank, Jürgen Ponto, kidnappt und tötet Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer und entführt die Lufthansa-Maschine Landshut. In Stuttgart-Stammheim standen die Anführer der ersten RAF-Generation vor Gericht; die Anklageschrift hatte Buback unterschrieben. Die Ermordung Bubacks sollte aus Sicht der RAF die "Antwort auf die Vernichtungsstrategie in den Gefängnissen und auf die Schauprozesse" sein.

Wer auf den Generalbundesanwalt geschossen hat, wer Motorradfahrer, wer Schütze war, ist bis heute nicht geklärt. Die Täter stiegen wenig später in ein Fluchtauto um und entkamen der polizeilichen Fahndung. Sicher ist nur, dass Knut Detlef Folkerts, Günther Sonnenberg und Christian Klar in diesem Auto saßen. Wer der Schütze auf dem Motorrad war, darüber gibt auch Christian Klar bis heute keine Auskunft. Auch die kürzlich aus der Haft entlassene Brigitte Mohnhaupt nicht. Die Ermittler beim Bundeskriminalamt konnten bislang auch mit neuen kriminaltechnischen Methoden wie der DNA-Analyse zur Klärung dieser Frage nichts beitragen. Von Ermittlern wird aber nicht ausgeschlossen, dass es in absehbarer Zeit aufgrund neuer Ermittlungstechniken noch einmal einen "Schub an Erkenntnissen" geben könnte, der hilft, offene Fragen zu beantworten.

Klar schweigt über den 7. April 1977. Die Tochter von Georg Wurster und der Sohn von Siegfried Buback haben sich öffentlich mehrfach gewünscht, endlich zu erfahren, wer auf ihre Väter geschossen hat. "Es wird jetzt über einen Gnadenerweis nachgedacht, und es werden die Haftbedingungen überprüft. Ich hatte gehofft, dass die Inhaftierten jetzt auch so mit der Tat für sich abgeschlossen haben, dass sie darüber sprechen können und auch diese wichtige Information für Angehörige preisgeben können", sagte Michael Buback, Professor für Chemie an der Universität Göttingen, kürzlich. Wenige Tage vor dem Jahrestag der Ermordung seines Vaters vor dreißig Jahren wiederholte er seine Forderung.

Über eine mögliche Begnadigung Klars durch den Bundespräsidenten sagte er: "Für mich ist nicht zu erkennen, dass eine besondere Härte vorliegt, die gemildert werden müsste." Eine individuelle Begnadigung setzte aus seiner Sicht voraus, dass auch der "individuelle Tatbeitrag" feststehe. Auch die Witwe des 1986 von der RAF ermordeten Siemens-Managers Karl Heinz Beckurts hat gefordert, Klar solle sein Wissen über den Mordanschlag offenbaren. Wolfgang Kraushaar, der eine Geschichte der RAF verfasst hat, glaubt, dass frühere RAF-Terroristen immer noch "an elementaren Teilen ihrer einstigen Selbstdefinition" festhalten. Die RAF sei eine "Identitätskrücke", schreibt Kraushaar und zitiert einen Satz von Andreas Baader aus dem Jahr 1974: "Die Identität der Guerrilla, alles andere ist - so - erst mal Sülze."

Der Mord an Siegfried Buback ist nicht der einzige Fall, der nicht abschließend aufgeklärt ist. Die Familien von acht Mordopfern der RAF wissen bis heute nicht, wer ihre Angehörigen getötet hat. Sieben RAF-Mitglieder sind flüchtig, von anderen Beteiligten weiß man vielleicht noch gar nicht. Nach Auskunft des Bundeskriminalamtes gibt es derzeit noch Ermittlungen in etwa zwanzig Tatkomplexen. Die Mörder des Siemens-Vorstands Karl Heinz Beckurts, seines Fahrers Eckhard Groppler, des Ministerialdirektors Gero von Braunmühl sowie des früheren Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen, konnten bislang nicht ermittelt werden.

Gefahndet wird nach den Terroristen Ernst-Volker Staub, Burkhard Garweg und Daniela Klette. Es gibt Mutmaßungen, dass Staub nicht mehr lebt. Vermutlich halten sich ehemalige RAF-Angehörige in Südamerika, Frankreich oder Spanien auf. Zwischen den Roten Brigaden in Italien, der baskischen Untergrundorganisation Eta, der RAF und der linksextremistischen palästinensischen PFLP (Volksfront zur Befreiung Palästinas) soll es nach Erkenntnissen deutscher Ermittler auch heute noch enge Kontakte geben.

Das Bundeskriminalamt versucht, bei der Aufklärung auf neuere Methoden der DNA-Analyse und auf Internetrecherchen zurückzugreifen. Intensiv versucht man, Speichelproben von möglichen RAF-Mittätern zu bekommen und auszuwerten. Möglicherweise könnten hiermit noch bislang unbekannte Täter überführt werden. Nach dem Anschlag auf das World Trade Center im Jahr 2001 ist die Zahl der Fahnder, die sich noch mit der RAF befassen, aber deutlich gesunken. Die Pläne kleiner extremistischer Gruppen, das G-8-Treffen in Heiligendamm zu sabotieren, beschäftigen die Beamten des BKA derzeit stärker als die Überbleibsel der RAF. Fahnder und einige Täter haben mittlerweile das Rentenalter erreicht.

Quelle: F.A.Z., 07.04.2007, Nr. 82 / Seite 4
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