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Wandern Ein Keks für hundert Höhenmeter

02.11.2011 ·  Der Vater liebt Berge, die kleine Tochter eher nicht. Da braucht es Fantasie und Fingerspitzengefühl, sie für den Aufstieg zu begeistern.

Von Jörn Klare
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© Jörn Klare Die Prinzessin auf dem Berg: Mit ordentlichem Frühstück, dem Vater als Motivationstrainer und den unvermeidlichen Uno-Karten können auch Kinder Spaß am Wandern bekommen.

Bei dieser Reise geht es um das Hier und Jetzt und um die Zukunft. Es geht darum, Lust auf die Berge zu machen. Es geht um die eigene Tochter. Ihre Mutter liebt das Meer und scheut die Berge. Große Familienurlaube werden, demokratisch beschlossen, am Strand verbracht. Das soll sich, so der Wunsch des Vaters, irgendwann mal ändern. Deswegen ist diese kleine Reise auch ein Stück Lobbyarbeit in der eigenen Familieninnenpolitik.

Die Tochter hat, das weiß der Vater ganz genau, großes Potential. Ihre Wünsche, so seine Theorie, müssen nur geweckt werden. Allerdings ist sie erst acht Jahre alt und noch eher Prinzessin als Gerlinde-Kaltenbrunner-Fan. Und genaugenommen ist dies der dritte Versuch. Zweimal schon verbrachten beide eine gute Woche auf der schönen Potsdamer Hütte im Sellrain. Eine gemütliche Unterkunft auf einer Alm oberhalb der Baumgrenze mit Kühen, Pferden, Schafen, einem kalten Bach und einem ausgesprochen netten Wirt.

Bitte wieder richtige Berge

Bei prächtigem Wetter packte den Vater dort zuletzt der Übermut. Es sollte ein richtiger Gipfel sein und wurde eine in seinen Augen gemütliche Tour auf den 2834 Meter hohen Roten Kogel mit vielen, vielen Pausen. Am Ziel gab es ein Foto unterm Gipfelkreuz und einen gekritzelten Eintrag ins Gipfelbuch. Alles lief prima. Doch in der Nacht spuckte das offensichtlich überanstrengte Kind dann ihrem sehr kleinlauten Vater die letzte Mahlzeit als berechtigten Vorwurf vor die Füße - genauer gesagt: direkt ins Bett. Im folgenden Sommer ging es deswegen zu zweit zum Kälbchenstreicheln, Ponyreiten, Kutsche- und Treckerfahren, Melkenhelfen, Frischeeiersuchen, vor allem aber überhaupt nicht lange Wandern auf einen Bauernhof ins Sauerland.

In diesem Jahr überrascht die Prinzessin bei der Tochter-Vater-Sonderurlaubsplanung mit dem Wunsch, wieder in die "richtigen Berge" zu fahren. Also kein Mittelgebirge und schon gar nicht den Teufelsberg (122 Meter), die höchste Erhebung der Heimatstadt Berlin.

Abenteuer sollten zumindest ein bisschen spannend sein

Ziel sind diesmal die Alpenvereinshütten oberhalb von Obergurgel im Ötztal in Tirol. Auf einer Skitour im Winter hat der Vater das Terrain erkundet. Jetzt will er es im Sommer mit der Prinzessin wagen und beginnt mit einem Fehler, der zum Glück nicht bestraft wird. Die Tochter bekommt ihre neuen Schuhe erst am Tag vor der Abreise. Knöchelhohe Wanderschuhe, wasserdicht - eine Investition, die sich auszahlen wird. Denn in den nächsten Tagen wird es viele kleine Bäche mit vielen aufregend kippligen Steinen geben, zum Glück aber keine Blasen an den zarten Kinderfüßen. Ein eigener Rucksack bleibt dem Kind zu dessen Enttäuschung erspart. Der Vater will ausschließen, diesen am Ende oder auch schon lange davor tragen zu müssen. Dafür hat er aber außer Kleidung für alle Wettersituationen und etwas Proviant auch Spielkarten, Buntstifte und Malpapier im fünfzehn Kilogramm schweren Gepäck.

In Obergurgel am Ende des Ötztals geht es auf 1907 Höhenmetern los. Der Weg ist eine moderat ansteigende Schotterpiste, die anfangs an sorgfältig aufgereihten Schneekanonen vorbei durch ein weitläufiges Skigebiet führt. Das ist nicht wirklich romantisch, auch wenn die Grasnarbe von den Wintersportlern zum Glück nicht weggecarvt wurde. Sobald eine kleine Herde freilaufender Haflinger-Pferde passiert ist, gibt es auf dem steiler werdenden Weg die ersten kleinen Motivationsprobleme. Der Verweis auf die schönen Wiesen, den im Tal rauschenden Bach und die bald erreichte Baumgrenze helfen da nur bedingt. Auch die Versicherung, dass das doch ein ganz schönes "Abenteuer" ist, wird von der Prinzessin schnell als Marketing-Trick entlarvt. "Abenteuer" sollten zumindest ein bisschen spannend sein, müssen aber auf jeden Fall Spaß machen. Zu Fuß bergauf zu gehen ist aber grundsätzlich anstrengend und schon deswegen überhaupt nicht spaßig. Die Wanderung verfällt sehr schnell in einen Stop-and-Go-Rhythmus, der aber regelmäßig in einen Stop-and-Run-Modus springt, wenn irgendwo ein Murmeltier pfeift.

Tote Männer aus der Jungsteinzeit finden Prinzessinnen eklig

Was hilft, ist eine "Osterpause" - eine Rast mit versteckter Süßigkeit, eine "Staudammpause" an einem kleinen Wasserlauf, eine Blumenpause in einer Wiese, eine Steinesuchenpause in einem Geröllfeld. Letztere endet dann allerdings in einem kleinen Streit, weil der Vater nur einen winzigen und nicht fünf große Steine in seinen Rucksack aufnehmen will. Auch beim Gehen erzählte Geschichten kommen gut an, allerdings nicht die von dem im Nachbartal gefundenen Ötzi. Denn für eine wahre kleine Prinzessin sind tote Männer aus der Jungsteinzeit vor allem ekelig.

Nach fünf, statt der von den Wegweisern angezeigten zwei Stunden ist die Langtalereck-Hütte und mit ihr das Tagesziel erreicht. Das propere Steinhaus des Deutschen Alpenvereins bietet Schlafplätze vom Matratzenmassenlager bis zur Kammer mit Etagenbett, eine Dusche im Keller, leckeres Essen und eine Sonnenterrasse mit atemraubenden Ausblick auf die umliegenden Dreitausender. Das Panorama wird von der Begleiterin flüchtig goutiert, bevor die ebene Fläche zur ausgiebigen Verfeinerung der Radschlagtechnik genutzt wird. Der Vater, der sich nun wundert, woher denn auf einmal diese Energie kommt, wird dabei verpflichtet, jeden einzelnen Versuch zu bewerten. Nach zwei intensiven Turnstunden und einem Teller Spaghetti beginnt die Abendgestaltung mit Spielkarten und vielen, vielen intensiv geführten Uno-Partien. Eine gute Stunde vor der obligatorischen Hüttenruhe um 22 Uhr sinken Tochter und Vater, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen, sehr erschöpft auf die harten Betten.

Diverse Tassen Kakao, diverse Nußcremebrote

Der nächste Tag beginnt mit einem einfachen Frühstücksbuffet, wobei die Prinzessin, die so lang geschlafen hat wie noch nie in ihrem Leben, großabenteurermäßig zuschlägt. Im kleinen Magen verschwinden diverse Portionen Cornflakes und diverse Tassen Kakao und diverse Nußcremebrote. Zu Hause würde diese Menge und nicht gerade ausgewogene Zusammenstellung mütterlicherseits wohl kaum geduldet. Die Toleranz des Vaters darf deswegen aber natürlich nicht als Bestechung missverstanden werden. Sie folgt schlichtweg dem Prinzip der Leistung. Die soll sich ja lohnen. Auch wenn das Ganze vor der Tour an diesem Tag natürlich ein Vorschuss ist. Allerdings ein nötiger.

Die Natur ist wie auch der Aufstieg atemraubend. Schnell ist der Frühstücksvorschuss aufgebraucht. Für jeweils hundert Höhenmeter gibt es nach kurzer Verhandlung einen Keks. Zwei Stunden später fällt der Blick von oben auf den Gurgler Ferner. Die Aussicht auf den Gletscher beeindruckt und bedrückt. Es braucht keine historischen Fotos, um im Vergleich den Wandel der Zeit zu erkennen. Der Blick auf die abgeschliffenen Felsen und die Seitenmoränen weit hundert Meter oberhalb des nicht mehr ewigen Eises genügt, um die deprimierenden Folgen des veränderten Klimas zu erkennen. Der Versuch, dies alles der Tochter zu erklären, gelingt nur bedingt. Ungefragt verspricht sie aber später, wenn sie einmal groß ist, auch kein eigenes Auto besitzen zu wollen. Ein kleiner Trost immerhin.

Die Schneeballschlacht im Sommer beeindruckt Klassenkameraden

Willkommene Ablenkung bieten ein paar Altschneereste am Wegesrand und eine obligatorische kleine Schneeballschlacht. So etwas, da ist sich die Prinzessin sicher, wird die Klassenkameraden zuhause beeindrucken. Im Hochwildehaus an der Seitenmoräne des Gletschers gibt es auf 2866 Meter Höhe einen freundlichen Empfang und frischen Apfelstrudel. Dass sich auch hier keine anderen Kinder und somit potentielle Spielkameraden finden, wird durch das anerkennende Lob des Hüttenwirtes für die erbrachte Leistung der kleinen Bergkameradin zunächst ausgeglichen. Außerdem gibt es ja für den langen Rest des Tages noch das Uno-Spiel. Dem Kind macht das wieder Mordsspaß, und der Vater lernt viel über seine eigene Frustrationstoleranz.

Am nächsten Morgen erklärt auf der Terrasse ein Bergführer einer Gruppe jugendlicher Schüler die Handhabung von Klettergurt und Seil, Steigeisen und Eispickel. Daneben steht die Tochter, ihre Augen glänzen. Das alles will sie auch haben und lernen. Der Vater bremst mit innerlicher Freude, denn das ist ja sein Plan, wenn auch nicht für dieses Jahr.

Sehnsucht nach Nudelsuppe

Erst einmal geht es nach längerem Abstieg über das blanke Eis des an dieser Stelle spaltenfreien Gletschers. Das ist nun wirklich fast ein Abenteuer, gesteigert noch durch eine lange Leiter, die anschließend am steilen Fels bewältigt werden muss. Etwa fünfhundert Höhenmeter weiter oben liegt das schöne Ramolhaus wie ein Adlerhorst auf einer Felskuppe. Das Ziel für heute. Der Weg ist steil. Er zieht sich. Doch die Tochter geht längst nicht mehr im Stop-and-Go- sondern im gleichmäßigen Tempo. Das ist gut. So soll es sein.

Ankunft dann im kalten Regen auf 3008 Meter Höhe. Die Tochter tapfer, der Vater stolz. Am warmen Ofen gilt ihre Sehnsucht dann nicht einem kindischen Kakao, sondern einer bergsteigergerechten Nudelsuppe. Vom Hüttenfenster ein grandioser Blick auf das große Becken des Gurgler Ferner und den Weg der vergangenen Tage. Gemeinsame Erinnerungen an viele Pausen, Staudämme und Murmeltiere. Dann sagt die Prinzessin, dass sie nächstes Jahr wieder in die "richtigen Berge" will. Und auch wenn sich an diesem Tag bald alles um die Vorfreude auf die ebenfalls wieder kommende Nordseewoche dreht, um Sandburgenbauen, Muschelsuchen und Wellenschwimmen, das Experiment scheint für dieses Jahr geglückt. Dann liegen wieder die Uno-Karten auf dem Tisch. Da muss er jetzt durch, der Vater.

Informationen: Die Tour führt auf gut markierten Wegen durch hochalpines Gelände. Das erfordert entsprechende Kleidung und Schuhe. Für die Querung des Gletschers braucht es aber keine Steigeisen oder Seilsicherungen. Aktuelle Informationen zur Wetter- und Schneelage bieten die jeweiligen Hüttenwirte. Für die Wochenenden wird eine Reservierung empfohlen. Eine einfache Übernachtung kostet für einen Erwachsenen neunzehn Euro, für Alpenvereinsmitglieder die Hälfte. Weitere Auskünfte gibt es auf den Internetseiten der einzelnen Hütten unter www.alpenverein-karlsruhe.de/index.php?id=27 (Langtalereck-Hütte), www.alpenverein-karlsruhe.de/index.php?id=26 (Hochwildehaus), www.dav-hamburg.de/huetten/ramolhaus (Ramolhaus). Der Alpenverein empfiehlt die Karte „Ötztaler Alpen Gurgl“ (1:25000)

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