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Freiraum für Künstler und Kreative

02.06.2009 ·  Die Kreativwirtschaft gilt als eine der Zukunftsbranchen Europas mit großem Wachstumspotential. Auch in Hessen spielen Branchen wie Werbung, Public Relations (PR), Software und Games, Film und Postproduction, Architektur und Verlagswesen eine bedeutende wirtschaftliche Rolle. Von MARTIN H. HERKSTRÖTER

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Die kreativen Branchen werden in Hessen durch zahlreiche renommierte Veranstaltungen und Messen repräsentiert. Neben bedeutenden kulturellen Events wie der Documenta in Kassel, dem Rheingau Musik Festival oder der Frankfurter Buchmesse sind aber auch die kreativen Talente in Hessen die Hoffnungsträger der wirtschaftlichen Entwicklung: Sie zeigen eine hohe Gründungsbereitschaft, sind flexibel und miteinander vernetzt. Darüber hinaus verfügen die meist inhabergeführten Kleinstbetriebe über eine hohe Kompetenz und große Offenheit bei der Integration neuer Technologien und bauen zunehmend grenzüberschreitende Kooperationsbeziehungen in Europa auf. Ihre Stärke liegt in Hessen in ihrem hohen künstlerisch-kreativen Potential, das nicht nur durch Talent, sondern auch vor allem durch die Ausbildung begründet ist, zumal dann, wenn es wie im Rhein-Main-Gebiet und in Nordhessen nicht nur ein sehr ausgeprägtes urbanes und kulturelles Milieu gibt, sondern gleichzeitig eine hohe Dichte an hervorragenden Ausbildungsstätten. Dies trifft auf den universitären wie auch auf den außeruniversitären Bereich zu.

Diese junge kreative Szene ist aber nicht nur ein Motor der Wirtschaft, sondern auch für die Stadtentwicklung. Gerade im Hinblick auf den demographischen und wirtschaftlichen Strukturwandel sind viele hessische Städte und Gemeinden von Leerstand und nur marginal genutzten Flächen betroffen. So befinden sich derzeit zum Beispiel das Frankfurter Bahnhofsviertel und andere "Problemquartiere" im Umbruch: Unvermietete Ladengeschäfte, teilweise gänzlich leer stehende Gewerbebauten und Wohnhäuser prägen das Stadtbild. Den Gebäuden droht Vernachlässigung, Eigentümer befürchten Substanzverfall und Wertverlust, das Image dieser Quartiere als Wohn- und Gewerbestandorte sinkt. Im schlimmsten Fall gelten sie als "No-go-Areas".

Die "Inbesitznahme" dieser Leerstände oder ganzer Quartiere durch junge Freiberufler und Kulturschaffende lässt neue kreative Milieus entstehen, die mit dem städtischen Leben vielfältige Wechselbeziehungen eingehen. Das Profil und die Ausstrahlung des Quartiers werden positiv beeinflusst. Im November 2008 öffneten beispielsweise rund 200 Ateliers und Kreativwerkstätten in Frankfurt ihre Türen für die Öffentlichkeit - die meisten davon im Bahnhofsviertel ansässig. Das einstige "Rotlichtviertel" übt mittlerweile eine starke Anziehungskraft auf die kreative Szene aus und führt zu kleinräumigen "kreativen Clustern" mit bildenden Künstlern, Galeristen, Werbefachleuten, Architekten und so weiter. Aber auch das ehemalige Polizeipräsidium, alte Schutzbunker, die ehemalige Landesbildstelle und andere Räumlichkeiten in Frankfurt dienen den Kreativen als Entfaltungsraum. Sie bereichern das Kulturleben vor Ort und sprechen mit Kunstausstellungen und musikalischen Veranstaltungen ein breites Publikum an.

Außer in Frankfurt sind zahlreiche kreative Milieus in den Hochschulstandorten Wiesbaden und Offenbach zu finden. Aber auch in kleineren Kommunen des Rhein-Main-Gebiets zum Beispiel in Hattersheim oder Mühltal finden sich kreative Nutzungen in aufgegebenen Produktions-, Transport- und Industrieliegenschaften.

Ein weiterer Schwerpunkt der kreativen Szene in Hessen ist die Stadt Kassel. Neben dem Kulturbahnhof, der sich in einem Teil des Hauptbahnhofs befindet, existieren dort mehrere soziokulturelle Zentren wie der Schlachthof oder die Kulturfabrik Salzmann, mit Atelierräumen und Werkstätten für Künstler, mit Büroräumen für Kulturschaffende. Dreh- und Angelpunkt der Szene sind die kreativen Studiengänge der Hochschule, die zum Teil überregional bekannt sind, wie der Bereich (Dokumentar-)Film.

Universitätsstädte wie Marburg oder Gießen zeichnen sich durch eine Kreativszene aus, die vor allem durch alternative Kulturangebote und weniger durch Gründer und Kleinstunternehmen geprägt ist. So will die Stadt Marburg rund um das seit 1992 bestehende Kulturzentrum Waggonhalle weitere ehemalige Bahngebäude für die Kultur- und die Kreativwirtschaft nutzbar machen. Ziel ist es, den "Kreativcampus" langfristig zu erhalten, auch weil man sich positive Auswirkungen auf das umgebende Sanierungsgebiet "Nordstadt" verspricht.

In Kommunen im ländlichen Raum oder mit schrumpfender Bevölkerung können Kulturschaffende und Kleinstunternehmen der Kreativwirtschaft vor allem als ein Impulsgeber für eine nachhaltige Ortsentwicklung wirken. Gute Voraussetzungen zur Weiterentwicklung kulturwirtschaftlicher Ansätze bieten hier kommunale Kinos, soziokulturelle Zentren oder vorhandene touristische Potentiale.

So zeigt sich auch in Hessen: Kultur und kreative Szene sind ein bedeutender Standortfaktor für die Entwicklung europäischer Städte und Stadtregionen. Als Wirtschaftsfaktor leisten die kreativen Branchen mit fünf Prozent Umsatzanteil einen beachtlichen Beitrag zur hessischen Gesamtwirtschaft.

Martin H. Herkströter, Geschäftsführer HA Hessen Agentur GmbH, Wiesbaden

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