16.06.2005 · Die Aussicht auf einen Beitritt zur Europäischen Union sorgt in der Türkei für Stabilität. Schon die Zollunion schob die Wirtschaft mächtig an.
Die türkische Wirtschaft hat auf die Krisen innerhalb der EU gelassen reagiert. Die türkische Lira hat seit Mitte Mai nicht nur gegenüber dem Euro an Wert gewonnen, sondern auch gegenüber dem Dollar. Dennoch beunruhigt die Eintrübung der türkischen EU-Perspektive die Märkte.
Bereits das vage Datum der Aufnahme von Beitrittsverhandlungen am 3. Oktober habe im ersten Halbjahr 2005 eine gewaltige Welle ausländischer Direktinvestitionen ausgelöst, sagt Murat Gülkan vom Istanbuler Wertpapierhaus Bender Securities. Sollten die Beitrittsverhandlungen aufgenommen werden, rechnet er mit einem weiteren Investitionsplus. Sollten sie indessen ausgesetzt werden, obwohl die Türkei die Kopenhagener Kriterien erfüllt habe, befürchtet er negative Auswirkungen.
Unsicherheiten aus der Hauptstadt
Als wichtigste Folge der türkischen Perspektive einer EU-Mitgliedschaft nennt Gülkan die politische Stabilität, die der "Anker EU" geschaffen habe. Die Aussicht auf eine EU-Mitgliedschaft habe die Unsicherheit beendet, die stets von der Hauptstadt Ankara ausgegangen sei. Das habe die Finanzmärkte stabilisiert und die Kapitalkosten der Unternehmen erheblich gesenkt. Seitdem diese größte Fessel gelöst gewesen sei, habe sich die türkische Wirtschaft dynamisch entfaltet.
Den davor letzten Entwicklungsschub hatte 1996 die Zollunion zwischen der EU und der Türkei ausgelöst. 1980 exportierte die Türkei 5 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts (BIP), heute sind es fast 30 Prozent. Als kleinerer Partner in der Zollunion und als Nicht-EU-Mitglied habe die Türkei aber kaum Möglichkeiten, auf die Spielregeln der Zollunion einzuwirken, beklagen Unternehmer und Politiker. Die Zollunion gilt für Industrieprodukte, nicht aber für landwirtschaftliche Güter und Dienstleistungen. Einen weiteren Wachstumsimpuls erwartet die Türkei von einer Liberalisierung des Dienstleistungshandels. Die alten und neuen EU-Staaten nehmen mehr als zwei Drittel des türkischen Exports ab, die OECD-Staaten über 80 Prozent.
Sechstgrößter Kfz-Standort Europas
Die Entwicklung des Exports dokumentiere die gestiegene Wettbewerbsfähigkeit der türkischen Wirtschaft, sagt Marc Landau, Geschäftsführer der Deutsch-türkischen Industrie- und Handelskammer zu Istanbul. Die Ausfuhr von Kraftfahrzeugen und Kfz-Teilen habe in diesem Jahr erstmals die der traditionellen Exportführer Bekleidung und Textilien überholt.
Die Türkei sei zum sechstgrößten Kfz-Standort Europas aufgestiegen. Als Grund für den Exporterfolg nennt Landau, daß die Türkei rechtzeitig auf hochwertige Qualitätsprodukte und Markennamen umgestiegen sei. Das gelte auch für die drittwichtigste Exportgruppe, die Elektroartikel wie Fernseh- und Haushaltsgeräte.
Großer Migrationsdruck
Trotz der dynamischen Entwicklung ist in der Türkei weiter Migrationsdruck vorhanden. Mehr als ein Drittel der Erwerbstätigen arbeiten in der Landwirtschaft, beschäftigt sind nur 44 Prozent der Erwerbsbevölkerung - gegenüber 64 Prozent in den alten Staaten der EU 15. Die Bevölkerung in der Türkei wächst um 1,4 Prozent im Jahr; bis 2030 soll sie um 25 Prozent auf 88 Millionen zunehmen.
Um Befürchtungen über eine Migrationswelle aufzufangen, hat die Türkei vorgeschlagen, nach einem EU-Beitritt 25 Jahre lang die Beschränkung der Freizügigkeit zu akzeptieren. Gülkan sieht in der Größe der Bevölkerung indessen nicht nur eine Last, sondern auch eine Chance: Der türkische Markt sei größer als der Osteuropas zusammengenommen. Gehe es den Menschen gut, wanderten sie nicht aus, sagt Landau. Bereits von 2001 bis 2004 habe sich das Einkommen pro Kopf auf 4600 Dollar (rund 3770 Euro) nahezu verdoppelt. Dabei ist die Schattenwirtschaft, die auf 40 Prozent des BIP geschätzt wird, nicht berücksichtigt.