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Theodor Lerner Die Lücke in der Realität ist das Glück der Dichtung

20.01.2006 ·  Aus der Welt in die Kunst und retour: Wie aus der zufälligen Begegnung mit dem "Nebelfürsten" Theodor Lerner mein Roman entstand

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Einen Zufall vermag ich meinen Fund nicht mehr zu nennen, seitdem er zum Kern eines meiner Romane und damit zu einem Teil meines Lebens geworden ist. Und es war auch kein Zufall, daß ich Ende der sechziger Jahre eines der schönsten Häuser des Frankfurter Westends betrat, das kurz davor stand, abgerissen zu werden. Das Haus war ein strenger weißer Biedermeier-Kubus, der Onkel eines Freundes hatte dort in einer zu ebener Erde gelegenen Wohnung mit hohen französischen Fenstertüren gelebt. Die Haustür stand sperrangelweit auf, als ich vorbeikam. Das Haus wurde ausgeweidet wie ein Schiffswrack; die kassettierten Türen, die Messing-Fenstergriffe, die hohen Kaminspiegel und die Riesenarmaturen aus den Badezimmern waren zum größten Teil schon abmontiert. Auf den Treppen lag herabgebröselter Verputz. Unter meinen Schritten knirschte es. Ich war zu spät gekommen, um Abschied zu nehmen. Die Lebensgeister hatten das Haus schon verlassen.

Da entdeckte ich auf den Stufen ein dickes Manuskript, ein Bündel Papier, das von einer rostigen Heftklammer zusammengehalten und an den Ecken von Mäusen angefressen war. Ich hob das Bündel nur auf, weil das elfenbeinfarbene Deckblatt aus dickem Kanzleipapier mit einer auffällig schönen Handschrift bedeckt war. Obwohl um 1900 die Schreibmaschine schon in allgemeinem Geschäftsgebrauch war, wurde die Korrespondenz des Kaisers noch Kalligraphen anvertraut. In alter deutscher Schreibschrift erging hier gestochen scharf und wunderbar leicht zu lesen an einen "Herrn Theodor Lerner, Hochwohlgeboren" die kaiserliche Botschaft, Seine Majestät werde bewußten Herrn Lerner auf dessen "Immediateingabe" gleichwohl nicht empfangen! Es stehe Seiner Hochwohlgeboren allerdings frei, dem Kaiser seine Mitteilungen schriftlich zu machen.

Schöne Handschrift auf altem Papier

Neugier weckte der Inhalt des Briefes nicht, aber eine Literatenschwäche für die schöne Handschrift auf altem Papier verbot mir, das Manuskript seinem Schicksal zu überlassen, das es schon in den nächsten Tagen unter dem Schuttberg des Hauses begraben hätte. Als ich das gerettete Konvolut zu Hause vorsichtig auseinandernahm, stellte ich fest, daß es offensichtlich von dem auf dem Deckblatt genannten Theodor Lerner zusammengestellt worden war. In vielen handschriftlichen Briefentwürfen - viel schwerer zu entziffern als die Kalligraphenhand -, in Maschinendurchschriften, in Zeitungsausschnitten auf tabakbraunen brüchigen Papierfetzen, einem ganzen Protokoll einer Reichstagsdebatte, Briefen auf Hotelbriefbögen mit reichverzierten Briefköpfen, Landkarten und Reedereigutachten über den Zustand kleiner, ramponierter Schiffe stellte sich, mit vielen Lücken, eine ganze Geschichte dar.

Nach Auskunft meines Aktenbündels war Theodor Lerner als Journalist des "Berliner Lokal-Anzeigers" im Auftrag seiner Zeitung und mit einem von der Zeitung bezahlten Schiff 1898 ins Eismeer aufgebrochen, um den auf einer Polarexpedition mit dem Luftballon verschollenen schwedischen Ingenieur Andree zu suchen. Die Fahrt in den hohen Norden hatte er aber zu eigenem Vorteil zu nutzen verstanden. Als das Schiff vor der nördlich von Spitzbergen gelegenen Bäreninsel ankerte, auf der der deutsche Hochseefischereiverein Kohlevorkommen entdeckt hatte, zäunten Lerner und der Kapitän des ehemaligen Fischkutters große Teile des herrenlosen Landes auf der Insel mit schwarzweißrot lackierten Pfählen ein und deponierten in einem Steinhaufen die Urkunde über ihre Landnahme. Der Reichskanzler wurde telegraphisch von diesem Zugewinn deutschen Bodens unterrichtet, die Zeitungen schrieben in überwiegend höhnischen Tönen über den kolonialen Handstreich und nannten Lerner, den Herrn der nebelumlagerten Insel, den "Nebelfürsten".

Eine nur kurze Eroberung

Durch den von Lerner selbst ausgelösten Lärm in der Öffentlichkeit wurde Rußland auf das Treiben vor seiner Küste aufmerksam und entsandte einen Panzerkreuzer, der die russischen Ansprüche auf die Bäreninsel sichern sollte. Das Deutsche Reich wollte mit Lerners Eroberung nichts zu tun haben; die Politik wich seiner Forderung, die Bäreninsel zur deutschen Kolonie zu erklären, aus und war nur grundsätzlich bereit, seine Erwerbung als die eines Privatmannes zu schützen. Das Bäreninsel-Konsortium, das Lerner in Deutschland gründete, um die Ausbeutung der Kohlelager anzugehen, wurde ihm von finanziell potenteren Geschäftspartnern aus den Händen gewunden. In seiner Not stellt er seinen Patriotismus, den er vorher stets mit Nachdruck ausgestellt hatte, zurück und begann Verhandlungen mit einem englischen Kolonialabenteurer und sogar mit dem russischen Auswärtigen Amt, die aber keinerlei Erfolg hatten. Er muß schließlich hoch verschuldet gewesen und eine Weile untergetaucht sein. Mit dem letzten Brief des Konvolutes, der an seinen Bruder in Linz am Rhein gerichtet ist, meldet er sich im jokosen Jargon des Verbindungsstudenten, der seine Verlegenheit kaum verdeckt, unter den Lebenden "nach mancherlei Schwierigkeiten" zurück und annonciert die Heirat mit "meiner Ilse".

Die Vielgestaltigkeit der schriftlichen Zeugnisse, die ein Mosaik mit großen Fehlstellen ergaben, bildete den größten Reiz meines Fundes. Von Theodor Lerner hatte ich zuvor niemals gehört, und deshalb schloß ich voreilig, daß es sich um eine obskure Existenz gehandelt haben müsse. Ein kleiner Mann mit großen Ideen und verrücktem Ehrgeiz wollte es, so schien mir, dem Koloniengründer Carl Peters in Afrika nachtun und bewegte sich ahnungslos in einer Weltregion, in der es ungeachtet ihrer Verlassenheit echte "Herrenlosigkeit" gar nicht mehr gab, sondern ein heikles Gleichgewicht der angrenzenden Mächte, die die endgültige Entscheidung über die Aufteilung des Eismeeres bewußt noch hinauszögern wollten.

Abenteurer oder tragischer Geschäftsmann?

Mir wurde aus dem Material nicht klar, ob es sich bei Theodor Lerner um einen Abenteurer mit der Tendenz zur Betrügerei handelte oder doch um einen zwar waghalsigen, aber zugleich visionären Geschäftsmann, dessen Scheitern tragische Züge besaß. Ich kann aber nicht sagen, daß mich diese Fragen länger beschäftigt hätten. Ich spürte zwar die moralische Verpflichtung, diesem mir wahrhaft zugefallenen Geschenk irgendwie gerecht zu werden, aber ich wußte nicht, wie. Tatsächlich habe ich fünf Romane geschrieben, bis ich mich an den Theodor-Lerner-Stoff wieder herantraute.

Inzwischen war der Nordpol eine literarische Landschaft geworden, und das machte mir den Anfang nicht leichter. Nichts interessiert mich weniger als der Nordpol. Carl Schmitts Devise, man könne nur wohnen, wo die Römer gewesen seien, gehört zu meinen inständig gepflegten Vorurteilen. Wenn Theodor Lerner doch wenigstens in China hätte Kolonien gründen wollen! Außerdem graute mir bei der Vorstellung, von meinem Aktenmaterial ausgehend, weiter recherchieren zu müssen. Das "Zolaisieren", wie Heimito von Doderer das detektivische Überprüfen sämtlicher Fakten eines Romanstoffes nannte, ist mir als künstlerische Methode nicht recht geheuer, obwohl ich davon überzeugt bin, daß auch aus Zettelkästen, aus dem Studium von Kursbüchern, Landkarten und Archiven großartige Bücher hervorgegangen sind. Ich traue meinem Erzählen aber eher, wenn es sich aus dem Strom jener inneren Bilder speist, die von der Phantasie aus den zahllosen Splittern der Wirklichkeit zusammengeschmolzen werden und erfolgreich den Anspruch erheben, authentische Erlebnisse zu sein. Am sichersten würde ich mich fühlen, wenn ich meine Bücher ganz und gar träumen könnte.

Lücken in den Akten geschlossen

Unversehens wurde mir klar, daß ich den Theodor-Lerner-Stoff, wie er nun einmal in meine Hände geraten war, überhaupt nur bearbeiten konnte, wenn ich die großen Lücken der Akte als Geschenk begriff und alles, was fehlte, um daraus einen Roman zu machen, zusammenphantasierte. Die Atmosphäre der Lerner-Briefe mit ihrer Handschrift, mit den kleinen Gravüren der Briefköpfe, mit ihren Plänen von Schiffskäufen, Kohlegruben und Entdeckungsfahrten erinnerte an die Holzstiche der Illustrierten jener Zeit, aus denen Max Ernst seinen berühmten Collage-Zyklus "La femme cent tete" zusammenklebte. Was mir im literarischen Umgang mit der Lerner-Akte möglich schien, war ein Zwischending aus einer Max-Ernst-Collage und einem Fortsetzungsroman, in dem wichtige Folgen verlorengegangen sind. Ich war jetzt schon so weit, "Theodor Lerner" gar nicht mehr für den Namen einer realen Person zu halten, sondern für einen "sprechenden Namen" aus einem Entwicklungsroman - klang Theodor Lerner nicht wie ein Gegenstück zu "Wilhelm Meister"?

Ich nahm mir vor, alle Fakten aus meinem Fund in meiner Lerner-Erzählung zu verwenden, sogar wörtlich daraus zu zitieren, zugleich aber rücksichtslos draufloszuerfinden. Zur Bedingung stellte ich mir, nicht einmal ein Lexikon aufzuschlagen, wenn ich irgend etwas nicht wußte - die weißen Flecken auf der Landkarte meiner Information sollten ja gerade die allerfruchtbarsten sein. Was jedes Schulkind weiß, daß es nämlich in der Arktis keine Pinguine gibt, wußte ich nicht und ließ deshalb Pinguine auf der Bäreninsel watscheln. Manche Leser nehmen so etwas sehr übel und haben gewiß recht damit; ich kann zu meiner Entschuldigung nur sagen, daß ich den "Nebelfürsten" nicht geschrieben hätte, wenn ich die Bäreninsel nicht für mich hätte neu erfinden dürfen. Es war dann auch wirklich ein Erwachen aus einem Traum, als ich nach dem Erscheinen meines Buches von mehreren Seiten erfuhr, daß Theodor Lerner in der Geschichte der Polarforschung eine keineswegs ganz unbekannte Erscheinung gewesen sei. Sieben Polarexpeditionen hatte er unternommen, meist im Dienst des "Berliner Lokal-Anzeigers", der ihm den Bäreninsel-Ausflug offenbar nicht lange übelnahm. Mit einem Kameraden von Fridtjof Nansen hatte er im ewigen Eis überwintert, dem in der Polarnacht verschollenen deutschen Leutnant Schröder-Stranz hatte er - erfolglos wie einst bei Andree - zu Hilfe eilen wollen, einen französischen Touristendampfer hatte er aus Seenot befreit. Der echte Theodor Lerner war zwar ein Abenteurer, der in Amerika als Tellerwäscher und Biervertreter gearbeitet hatte und als Kohlentrimmer nach Europa zurückgekehrt war, aber ein Hochstapler und Betrüger war er nie, wenn es ihm mit all seinen Anstrengungen und hochfahrenden Plänen auch nicht gelang, zu einem Vermögen zu kommen. Und Erfolglosigkeit ist in der ehrenwerten Kaufmannschaft bekanntlich noch verwerflicher als allfällige Ungenauigkeiten.

Polarfahrer im Banne der Arktis

Für uns heute besteht die folgenreichste Leistung Lerners vielleicht in der Entdeckung des Kameramannes Sepp Allgeier, den er als Achtzehnjährigen auf eine seiner Expeditionen mitnahm. Allgeier wurde der Erfinder des Berg- und Schneefilms, drehte später den "Kampf ums Matterhorn" mit Luis Trenker und "Die weiße Hölle von Piz Palü" mit Ernst Udet und war Kameramann bei Leni Riefenstahls "Über den Wolken" und bei "Triumph des Willens". Aber seine ersten drei Filmkilometer waren eben "Mit der Kamera im ewigen Eis", die die Lerner-Expedition von 1913 dokumentierte. Bei der Ehe mit jener in meinem Manuskript erwähnten Ilse blieb es nicht lange; im hohen Norden begegnete Lerner der Frankfurterin Lydia Stoltze, der Enkelin des großen Frankfurter Mundartdichters Friedrich Stoltze, als Touristin auf einem Kreuzfahrtdampfer, heiratete sie alsbald und zog mit ihr in den Frankfurter Grüneburgweg. Dort schrieb er, schon schwer herzkrank, das Buch "Polarfahrer im Banne der Arktis" und starb über der Arbeit im Jahre 1931.

Im vorigen Jahr ist dieses Buch mit den Schilderungen seiner Expeditionen zum ersten Mal erschienen, und aus diesem Buch habe ich erfahren, wer mein Held wirklich gewesen ist. Mir war wie einem, der durch ein Schlüsselloch in einen Garten geschaut hat und dann erlebt, daß das Tor sich auftut und eine reiche bunte Landschaft offenbart, von der vorher nichts zu ahnen war. Außerdem meldete sich ein Habilitand bei mir, der Einsicht in die Akten der Reichsregierung bezüglich der Bäreninsel und Theodor Lerners Okkupationsversuch genommen hatte. Er erklärte mir, was Lerner so rätselhaft geblieben war: Die Reichsregierung habe tatsächlich erwogen, die Bäreninsel für Deutschland zu besetzen; der Hochseefischereiverein sei in Wahrheit eine Spionageorganisation gewesen. Durch Lerners frohgemutes Auftreten auf der Insel habe er die Russen aufmerksam gemacht und das Reich zu einem Zurückweichen und der ausdrücklichen Erklärung des Desinteresses an der Insel gezwungen. Seither hätten die offiziellen Stellen Lerner verleumdet. Und wirklich hat Lerner 1910 den Grafen Zeppelin zum Duell gefordert, um die ständigen Gerüchte über seine Unsolidität aus der Welt zu schaffen.

Auf der Seite der Philister

Ich bekenne, daß ich mich unbehaglich fühle, als Schriftsteller auf der Seite der Philister zu stehen, die Lerner mit ihren Verdächtigungen das Leben schwermachten. Lerners Lebensstoff wäre einer gründlichen Erforschung wert, die sein eigenes Buch nach vielen Richtungen zu ergänzen und zu korrigieren hätte. Durch die romanhaften Umstände meines Fundes verführt, habe ich Lerner von Anfang an als Romanfigur gesehen und bin dadurch seiner durchaus historischen Bedeutung auch nicht im entferntesten gerecht geworden. Was ich zu meinen Gunsten anführen kann, hat möglicherweise nur vor mir selber Bestand: daß ich mich Theodor Lerners Leben niemals angenommen hätte, wenn ich darüber gewußt hätte, was ich heute weiß. Wo wäre, um nur ein Beispiel zu nennen, in einer Schilderung des wirklichen Lerner Raum für Frau Hanhaus gewesen, die ich ihm als Geschäftspartnerin, ökonomisch-phantastische Muse und antreibenden Dämon zur Seite gegeben habe? Der echte Lerner, das "Polarrauhbein", wie er genannt wurde, neben einer Gestalt wie der geheimnisvollen Frau Hanhaus ist eine Absurdität. Hätte ich die "Causa Lerner" nur ein bißchen recherchiert, Frau Hanhaus wäre nie geboren worden, und ich gestehe, daß ich im Rückblick bei der Gefahr, in der das Leben einer meiner Lieblingsfiguren geschwebt hat, erzittere.

Der schon einmal konsultierte Heimito von Doderer soll nun auch zum Verhältnis von Fiktion und Realität im Roman gehört werden: "Der Schriftsteller schlüpft in eine erfundene Jacke und kommt bei realen Ärmeln heraus." Im Großen sieht es da bei mir nicht gut aus. Meine Erfindungen haben weit weg von Lerners Wirklichkeit geführt. Im Kleinen - und ich gebe zu, daß mich das Kleine in diesem Fall durchaus tröstet - kann ich ein etwas besseres Ergebnis vorweisen. Vor allem das Zusammentreffen Lerners mit dem russischen Kapitän auf der Bäreninsel habe ich offenbar zutreffend imaginiert: Lerner schreibt in seinen Erinnerungen, daß er zunächst nur "eine ungeheure graue Masse" vor der Insel habe liegen sehen, bis er das Kriegsschiff erkannte, und ganz ähnlich habe auch ich das beschrieben. Den Charakter des russischen Kapitäns in seiner Jovialität und Ironie scheine ich gleichfalls richtig geschildert zu haben, ebenso, daß der Russe Deutsch sprach und Lerner zu einem hervorragenden Schnaps einlud. Ich hatte mir ausgedacht, der russische Kapitän begründe den Anspruch des russischen Reiches auf die Bäreninsel mit russischen Gräbern dort - und richtig, genau das tat er. Der echte Theodor Lerner wurde am Ende seiner Laufbahn als Explorateur von der Frankfurter Senckenberg-Gesellschaft ausgesandt, mußte die Expedition aber wegen des Kriegsausbruchs abbrechen - immerhin habe ich meinen Lerner in ebendieses Senckenberg-Museum geführt und dort die ausgestopften Eisbären lange und nachdenklich betrachten lassen. In Lerners Erinnerungen findet sich auch eine Atelierphotographie von ihm: Lerner posiert mit strenger Miene vor einer gemalten Kulisse - und eine solche Photo-Session mit gemalten Kulissen habe ich gleichfalls geschildert. Am gewagtesten fand ich, daß ich den Maler Gustave Courbet - der zur Zeit von Lerners Expedition schon lange tot war - auch noch in das Nordpol-Expeditionswesen hineinverwickeln wollte - aber nein, so abwegig war das nicht, denn Lerner ließ sich wiederholt von akademischen "Marinemalern" begleiten, die in der Eiseskälte sogar aquarelliert haben, mit mühsam aufgetautem Malwasser wahrscheinlich.

Die Wirklichkeit siegt am Ende

Was die Entstehung des Wortes "Nebelfürst" angeht, habe ich mich in meinem Buch einer Spekulation überlassen, die mir trotz ihrer Verrücktheit plausibel erschien. In einem Gedicht nennt Stefan George Shakespeare "der Nebel-Insel finstrer Fürst der Geister". Ich malte mir aus, daß ein Redakteur, der George-Anhänger war, beim Überschriftenmachen diese Zeile im Ohr hatte, als er den Artikel über Lerners Landnahme bearbeitete. Nun, so kann es leider nicht gewesen sein: "Nebelfürst" haben norwegische Seeleute Lerner zuerst genannt, und der Name ist 1898 in die europäische Presse und bis nach Amerika gelangt, während Stefan George seinen "Siebenten Ring" erst 1907 abschloß. Wahrscheinlich hat es sich genau andersherum zugetragen - George las dieses eigentümliche und schöne Wort in der Zeitung, behielt es im Gedächtnis und verwandelte es in ein Epitheton für William Shakespeare. Im Kampf zwischen Fiktion und Wirklichkeit, das habe ich bei der Beschäftigung mit Theodor Lerner erneut erfahren, bleibt die Wirklichkeit am Ende immer der Sieger.

Quelle: F.A.Z., 21.01.2006, Nr. 18 / Seite 39
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