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Teheran rechnet mit 50 000 Toten

30.12.2003 ·  Her./gel. ISTANBUL/WASHINGTON, 30. Dezember. Die iranische Regierung rechnet damit, daß bei dem Erdbeben in Bam 50 000 Menschen ums Leben gekommen sind. Das teilte ein hoher Beamter des Innenministeriums in Teheran am Dienstag mit.

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Her./gel. ISTANBUL/WASHINGTON, 30. Dezember. Die iranische Regierung rechnet damit, daß bei dem Erdbeben in Bam 50 000 Menschen ums Leben gekommen sind. Das teilte ein hoher Beamter des Innenministeriums in Teheran am Dienstag mit. Die iranische Nachrichtenagentur Irna meldete, es seien schon mehr als 30 000 Tote in Massengräbern bestattet worden. Damit ist das Erdbeben von Bam das verheerendste seit dem Beben im Jahr 1976 in der chinesischen Stadt Tangschan. Noch wurden nicht alle Viertel von Bam und alle Ortschaften in der Umgebung nach Opfern durchsucht. Die Behörden erwarten, daß bis in die kommende Woche hinein aus den Trümmern weitere Tote geborgen werden. "Bam muß auf die Landkarte von Iran zurückkehren", forderte der iranische Staatspräsident Chatami und kündigte einen Wiederaufbau der Stadt innerhalb von zwei Jahren an. Nur 2000 Überlebende hatten iranische und internationale Rettungsmannschaften in den vergangenen Tagen aus den zusammengestürzten Häusern retten können. (Fortsetzung Seite 2; siehe Deutschland und die Welt.)

Vorsichtig hat die iranische Regierung auf Äußerungen des amerikanischen Außenministers Powell reagiert. Powell hatte von der Chance gesprochen, den Dialog mit Iran wiederaufzunehmen. Der amerikanische Außenminister wisse selbst, welche Atmosphäre für einen Dialog erforderlich seien, zitiert die Nachrichtenagentur Irna den Sprecher des iranischen Außenministeriums, Hamid Reza Assefi. In einer Atmosphäre der Drohungen und bei Abwesenheit von gegenseitigem Respekt könne man nicht über eine Verbesserung der Beziehungen sprechen, sagte Assefi. Iran habe jedoch gezeigt, daß es sich für Frieden und für die Sicherheit in der Region einsetze.

Es habe in den vergangenen Monaten "ermutigende" Zeichen von der Regierung in Teheran gegeben, hatte Powell in einem Zeitungsinterview gesagt. Dazu zählte der Außenminister die Bereitschaft Irans, Waffeninspekteure zu unangemeldeten Prüfungen ins Land zu lassen, das Entgegenkommen der Regierung Chatami gegenüber gemäßigten arabischen Staaten sowie die Annahme amerikanischer Hilfe für die Erdbebenopfer. Es gebe Bewegung in Iran, sagte Powell. Deshalb solle sich die amerikanische Regierung die Möglichkeit für einen Dialog offenhalten. Wann Gespräche geführt werden könnten, ließ er offen und verwies auf einen "angemessenen Zeitpunkt in der Zukunft". Die Vereinigten Staaten und Iran haben seit 1979 keine diplomatischen Beziehungen mehr. Zu künftigen Gesprächen heißt es aus der amerikanischen Regierung, seit dem Amtsantritt von Präsident Bush seien mehrfach entsprechende Schritte erwogen worden, doch habe Iran bislang Fortschritte verhindert. In Washington gebe es "ernsthaftes Interesse" daran, den Weg zu einem Dialog zu ebnen. Doch zunächst wolle man weitere Taten der iranischen Regierung sehen, zum Beispiel ein Vorgehen gegen Al Qaida, Hamas und Hizbullah sowie weiteres Entgegenkommen Teherans bei der Überprüfung des iranischen Nuklearprogramms. Powell sagte, man sehe eine neue Haltung in Iran, wenngleich noch nicht die Offenheit, die man sich wünsche. Aber die Regierung Chatami sei sich bewußt, daß "die Welt ein wachsames Auge auf Iran hat und daß die Welt bereit ist zu handeln".

Das iranische Kabinett beriet am Dienstag auf einer Sitzung im Gebäude des Flughafens von Bam über die Koordinierung der Hilfen und den Wiederaufbau der Stadt. Staatspräsident Chatami sagte im Anschluß an die Sitzung, die Stadt werde innerhalb von zwei Jahren wiederaufgebaut. Er dankte den Vereinigten Staaten für ihre Hilfe. Chatami hob jedoch hervor, daß diese Hilfe die Beziehungen zwischen den beiden Ländern nicht ändern werde.

Das Erdbeben hat eine Welle der Hilfsbereitschaft und Solidarität hervorgerufen. Dreißig Länder, unter ihnen die Vereinigten Staaten, haben direkt Rettungsmannschaften, Ärzte und Hilfsgüter in die Erdbebenregion entsandt. UN-Organisationen, wie der Kinderhilfswerk Unicef und das Flüchtlingshochkommissariat UNHCR, stellen für Soforthilfen 500 Millionen Dollar bereit. Daneben hat der Golfkooperationsrat (GCC) der sechs arabischen Golfanrainer hat 400 Millionen Dollar zum Wiederaufbau von Bam zugesagt. Die sechs Staaten hatten ihren Verbund 1981 aus Furcht vor einer Ausbreitung der iranischen Revolution gegründet. Umfangreiche Hilfe leistet auch Ägypten, das 1980 die diplomatischen Beziehungen zu Iran abgebrochen und seither nicht wiederaufgenommen hat.

Mehr als 100 ausländische Flugzeuge hatten Hilfsgüter nach Bam und Kerman gebracht, unter ihnen sieben amerikanische Militärflugzeuge des Typs C-130. Zusätzlich zu den iranischen Helfern waren in Bam zeitweise 1700 internationale Rettungskräfte im Einsatz, davon 80 Ärzte und Rettungshelfer aus den Vereinigten Staaten. Die meisten Rettungskräfte, die auf die Suche nach Überlebenden spezialisiert sind, sind am Dienstag abgereist. Auch haben die Mitarbeiter des Technischen Hilfswerks (THW), des Roten Kreuzes und der Malteser die Rückreise nach Deutschland angetreten. Nachdem die Suche nach Überlebenden eingestellt worden ist, konzentriert sich die Hilfe nun auf die Bereitstellung von Zelten und Nahrungsmitteln sowie auf die medizinische Versorgung der Überlebenden. Iranische Behörden bezeichnen die Schaffung von Unterkünften und die Vorbeugung gegen drohende Epidemien, etwa der Ruhr, als die dringlichste Aufgabe. Das iranische Gesundheitsministerium hat am Dienstag mehrere Stadtviertel Bams aus Angst vor Epidemien unter Quarantäne gestellt, Überlebende wurden geimpft. Gefahren seien aufgrund des Nachtfrosts auch grippale Infekte. Fachleute des THW suchten am Dienstag Standorte für drei Wasseraufbereitungsanlagen. Helfer aus anderen Staaten haben mobile Krankenhäuser eingerichtet.

In den iranischen Zeitungen hat das verheerende Erdbeben eine Kontroverse zwischen Hardlinern und der Reformern hervorgerufen. Die Zeitung "Dschomhuri-ye Eslami", die dem religiösen Führer Chamenei nahesteht, fragte polemisch, wo denn die iranische Friedensnobelpreisträgerin Ebadi sei und ob sie ihr Preisgeld für die Opfer spende. Demgegenüber kritisierte die Reformerzeitung "Toseh", daß alle Seminare und Konferenzen über frühere Erdbeben nicht dazu geführt hätten, die Katastrophe von Bam zu verhindern.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.12.2003, Nr. 303 / Seite 1
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