23.01.2009 · Der spanische Bruder und Konkurrent des VW Polo hält mehr, als seine gelungene Form verspricht. Er ist komfortabel und nicht mal zu teuer. Von Michael Kirchberger
Die spanische Automobilgeschichte kennt viele Tiefen und wenige Höhen. Seat, nach dem Abschied von Fiat in den Armen von VW gelandet, ist noch mit dem Aufstieg beschäftigt. Dabei soll der Kompaktwagen Ibiza helfen, er ist der Bestseller der spanischen Tochtergesellschaft. Er ist nun in seiner vierten Generation auf den Straßen und fährt schon jetzt auf der technischen Basis des erst für Mitte 2009 angesagten neuen VW Polo. Der größte Vorteil beim Ibiza: Er ist garantiert billiger. 13 490 Euro kostet die 63 kW (85 PS) starke Basis-Version mit dem konzernweit eingesetzten Vierzylinder-Benziner.
Die Form des neuen Ibiza wirkt gelungen. Ihr Spiel der Linien gibt dem Ibiza eine solide Gestalt, der Wechsel zwischen konkaven und konvexen Flächen erinnert an die Designsprache, die BMW für den Einser eingesetzt hatte. Beim Seat kommt eine kräftige Prise an Muskelmasse dazu, gerade der schwungvolle Strich über den hinteren Kotflügeln macht den Ibiza zu einem kleinen Athleten. Innen, zumindest dort, wo der viertürige Wagen haptische und optische Berührungspunkte bietet, setzt sich der Anspruch auf Hochwertigkeit fort. Die Passgenauigkeit der Einbauten ist vorzüglich, die Materialwahl überzeugend, besonders die glänzenden Intarsien in vermeintlichem Klavierlack an Türen, Armaturentafel und Mittelkonsole sorgen für angemessene sportliche Eleganz. Der Arbeitsplatz des Fahrers ist aufgeräumt und übersichtlich gestaltet. Doch die schummrige rote Beleuchtung der Rundinstrumente trübt nachts die Erkennbarkeit der Skalen. Der Ibiza soll wohl vor allem jugendliches Publikum ansprechen, und das ist gewiss noch weit entfernt von den einsetzenden Fehlsichtigkeiten des alternden Menschen.
Der kann sich hingegen mit der Sitzposition im kleinen Seat anfreunden. Das zweifach verstellbare Volant lässt sich ebenso mühelos in die passende Lage rücken wie Sitz und Lehne. Der Sicherheitsgurt vorne ist nicht in der Höhe verstellbar, doch zumindest bei knapp mehr als 1,80 Meter großen Chauffeuren läuft der Gurt dennoch an der korrekten Stelle über die Schulter. Längere Strecken überstehen Fahrer und Passagiere dank einer angenehmen Polsterung der Sitze gut, darunter leidet der auf kurvigen Straßen geschätzte Seitenhalt nicht. Im Fond gelingt das Einsteigen ähnlich mühelos wie vorne, allerdings mangelt es an Kopffreiheit. Unliebsame Berührungen mit dem Dach sind aufgrund der dynamisch nach unten verlaufenden Seitenlinie des viertürigen Ibiza zumindest bei oben genannter Körpergröße unvermeidlich. Die Plätze auf der Rückbank sind jedoch in den meisten aller Fälle für den Nachwuchs oder einfach nur für Aktentasche, Rucksack oder Einkaufstüte geeignet.
Das Umklappen der hinteren, asymmetrisch geteilten Sitze geschieht mit herrlicher Leichtigkeit. Mehr als ein Handgriff ist in der Tat nicht notwendig, wenn der Laderaum vergrößert werden soll. 292 Liter Volumen bietet er wenigstens, 938 Liter als Maximum sind kein Spitzenwert, aber für einen 4,05 Meter langen Wagen durchaus in Ordnung. Weniger gefällt die labbrige Matte, die das Reifenpannen-Set "Tire Fit" im Wagenboden verstecken soll. Immerhin sieht es darunter kaum weniger ordentlich und aufgeräumt aus als an den anderen, direkt zu besichtigenden Stellen im Ladeabteil.
Der kleine Vierzylinder gehört zu den meistgenutzten Benzinern im VW-Konzern. Im Ibiza markiert er die mittlere Leistungsstufe und macht eine gute Figur. Munter springt er an, tourt leise und vibrationsarm im Leerlauf. Daran ändert sich nicht viel, wenn Leistung gefragt ist. Willig dreht das Maschinchen bis über die Marke von 5000 Umdrehungen, klingt während dieser Übung nicht angestrengt oder gar überfordert. Dabei braucht es nicht einmal hohe Tourenzahlen, damit der Ibiza in Schwung kommt. Schon um 2000/min reicht die Kraft aus, um zügig Fahrt aufzunehmen und Überholvorgänge geschwind zu erledigen. Das maximale Drehmoment steht bei 3000/min bereit, 132 Newtonmeter liefert der Motor dann an das manuell geschaltete Fünfganggetriebe.
Die drehzahlreduzierte Fahrweise hat dämpfende Wirkung auf den Treibstoffkonsum: Wer den Gasfuß zügelt und obendrein lieber eine höhere Übersetzung wählt, kommt mit 5,1 Liter Superbenzin 100 Kilometer weit. 8,2 Liter muss für die gleiche Strecke einkalkulieren, wer in raschem Tempo über die Autobahn huscht. Der Durchschnitt von 6,9 Liter liegt trotz des Sparwillens deutlich über dem vom Hersteller angegebenen Wert. Doch der Ibiza legt erhebliche Agilität und munteres Sprintverhalten an den Tag. 11,3 Sekunden braucht er für die Beschleunigung von 0 auf 100 km/h, 180 km/h wurden als Höchstgeschwindigkeit gemessen. Beide Werte sind deutlich besser als die Werksangaben, Seat verspricht 11,5 Sekunden als Zeit, die für den Standardsprint vergeht, als Spitzentempo werden 175 km/h genannt.
Das leicht zu schaltende Getriebe unterstützt den Chauffeur bei eiliger Fahrweise, die Wege des Hebels sind so kurz, wie er gut in der Hand legt. Die Genauigkeit der Schaltkulisse ist ebenfalls lobenswert, selbst schnelle Wechsel gelingen stets ohne Irritation und mit einem satten Einrasten der Gänge. Die Lenkung hingegen lässt in Mittellage an Fahrbahngefühl zu wünschen übrig und ist zu leichtgängig. Beim Ansteuern von Kurven besteht die Gefahr des "Überlenkens", da fehlt es an Präzision. Die Karosseriebewegungen sind jedoch gering, der Aufbau wirkt obendrein sehr verwindungssteif und ist frei von Knarzen und Knacken, selbst auf schlechter Fahrbahn.
Das alles mag nach einer eher harten Federung klingen, umso mehr überrascht der Ibiza mit einem erfreulich angenehmen Fahrkomfort, der die Passagiere vor den groben Unebenheiten der Straße bewahrt. Ohnehin kann der kleine Seat dank verhaltenen Windgeräuschen, einem durchgängig leisen Motorlauf und vielen Ablagemöglichkeiten mit anständiger Langstreckentauglichkeit aufwarten. Die standhaften Bremsen erfüllen die Anforderungen sowohl des sportlichen als auch des entspannt bummelnden Fahrers mit einem präzise definierten Druckpunkt und einem feinen Ansprechverhalten.
Im Alltag gefällt der Ibiza mit guter Manövrierfähigkeit, für die der geringe Wendekreis in Verbindung mit angemessener Servounterstützung der Lenkung sorgt. Die Karosserie ist halbwegs übersichtlich, nur der Blick zurück wird durch die knapp geschnittene Heckscheibe erschwert, wer schön und schick unterwegs sein will, der sieht eben weniger. Die Anschaffung des Parkhelfers hinten für 240 Euro ist sehr empfehlenswert, zumal die Außenspiegel recht klein sind und bei schlechtem Wetter stark verschmutzen.
15 190 Euro kostet die gehobene Ibiza-Ausstattung Stylance. Neben der Außenschminke mit in Wagenfarbe lackierten Spiegelgehäusen und Stoßfängern sowie den Nebelscheinwerfern mit Abbiegefunktion bietet sie innen unter anderem ein MP3-fähiges Audiosystem mit CD-Spieler, eine manuelle Klimaanlage, elektrische Fensterheber rundum, eine Geschwindigkeitsregelanlage und einen Bordcomputer. Der Aufpreis macht rund 1500 Euro aus, kombiniert allerdings sinnvolle Ausstattungselemente miteinander.
Der Ibiza schlägt sich mit seiner mittleren Benziner-Motorisierung wacker, er hat gute Alltagstauglichkeit und macht dank einem ausgewogenen Komfortangebot auch auf der Langstrecke keinen Kummer. Bei der Technik durfte sich Seat großzügig aus den Regalen des VW-Konzerns bedienen. Wer nicht unbedingt markenbezogen kaufen möchte, der braucht auf den neuen VW Polo nicht zu warten. Mit dem Ibiza peilt Seat eine Höhe der spanischen Autohistorie an.