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Veröffentlicht: 20.12.2012, 17:00 Uhr

Stratege in eigener Sache

Um Erich Ludendorff propagandistisch für das „Dritte Reich“ vereinnahmen zu können, musste Adolf Hitler einige Zugeständnisse an den auch von der Wehrmachtsspitze umworbenen „deutschen Papst“ machen. Von Manfred Nebelin und Rainer Blasius

Für eine Sondermeldung unterbrach der Reichsrundfunk sein Programm: „Heute, Montag, den 20. Dezember, 8.20 Uhr, verschied der Feldherr General Ludendorff schmerzlos und ruhig. Das Bewusstsein blieb bis in die letzten Stunden erhalten.“ Der Sprecher verlas einen „Aufruf des Führers an das deutsche Volk“. Der Verstorbene habe im Weltkrieg an der Seite von Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg versucht, „die Widerstandskraft der Nation zu unvergleichlichen Leistungen empor zu reißen, um damit den Deutschen und ihrem Reiche die Freiheit zu erhalten“. Nach dem Zusammenbruch des kaiserlichen Deutschlands habe er sich „mit den Kämpfern zur inneren und äußeren Wiederaufrichtung der Nation“ verbunden. Mit ihm erhalte „die Ruhmeshalle unserer Geschichte einen neuen Zeugen der Größe der deutschen Nation“. Kurz darauf erklärte Reichskriegsminister Generalfeldmarschall Werner von Blomberg in der „Traueradresse“ an die Wehrmacht: „Solange es deutsche Soldaten gibt, wird General Ludendorff fortleben als eine der größten Gestalten preußisch-deutschen Soldatentums.“

Der historischen Bedeutung, die Hitler und Blomberg beschworen, entsprach der Aufwand des Staatsaktes für Ludendorff. Regie führte Reichspropagandaminister Joseph Goebbels, der schon den „Tag von Potsdam“ 1933 und die Beisetzung des Feldmarschall-Reichspräsidenten Hindenburg im Tannenberg-Denkmal inszeniert hatte. Ludendorffs Sarg wurde noch am Abend des 20. Dezember 1937 in München mit militärischem Geleit von der Klinik „Josephinum“ zur Aufbahrung in das Generalkommando und am frühen Morgen des 22. Dezember ins Siegestor überführt. Um 9 Uhr setzte sich von dort der Trauerzug in Richtung Odeonsplatz in Bewegung. Bei leichtem Schneefall zogen sechs Pferde eine Lafette mit dem Sarg, auf dem die Pickelhaube und der Säbel des Generals lagen, zur Feldherrnhalle. Vor den Augen Tausender Zuschauer und vor Millionen Hörern an den „Volksempfängern“ rief Hitler am Schluss der bombastischen Trauerfeier aus: „General Ludendorff! Im Namen des geeinten deutschen Volkes lege ich in tiefer Dankbarkeit diesen Kranz vor Dir nieder!“ Die Beisetzung fand schließlich am 23. Dezember in Tutzing - Ludendorffs Wohnort - statt.

Goebbels war zufrieden. Wenigstens den verstorbenen Ludendorff hatte er für das „Dritte Reich“ vereinnahmen können. In seinem Tagebuch hielt er fest: „Ludendorffs Tod beherrscht die ganze In- und Auslandspresse. Alle Welt verneigt sich vor diesem Riesen.“ Und Hitler stellte im Kreise der Getreuen den General in eine Reihe mit Friedrich dem Großen und Helmuth von Moltke dem Älteren. Wegen Ludendorffs Entlassung am 26. Oktober 1918 trage Kaiser Wilhelm die Verantwortung für die deutsche Niederlage.

Aus einer Weisung des Propagandaministeriums an die Presse geht hervor, dass die nationalsozialistische Führung seit Ende November 1937 mit dem Ableben des an Leberkrebs Erkrankten rechnete. Inhaltliche Vorgaben für eine „würdige Kommentierung“ gab es auch: Er sei als großer Feldherr und mutiger „Vorkämpfer der deutschen Erneuerung durch seine Teilnahme am 9. November 1923“ zu loben. Unerwähnt bleiben müsse jedoch Mathilde Ludendorff und „die ganze Glaubens- und Weltanschauungs-Politik“ sowie das „Problem Ludendorff/Hindenburg. Hier kann höchstens von der Kameradschaft während des Krieges gesprochen werden.“ Daher konzentrierten sich die Nachrufe in Tageszeitungen auf die Zeitspanne von der Ernennung zum Chef der Operationsabteilung im Generalstab 1908 bis zum Hitler-Ludendorff-Putsch 1923. Die Lebensphase danach wird übrigens bis zum heutigen Tag in historischen Studien nur kursorisch abgehandelt.

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