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Veröffentlicht: 26.06.2011, 17:35 Uhr

Der Philosoph Arnd Pollmann über Macht und Willkür der Fifa ANTWORT: "Die Gier des Kleinbürgers in einem zu hohen Amt"

Arnd Pollmann ist habilitierter Philosoph und lehrt Ethik an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Promoviert hat der fußballinteressierte Dozent am Institut für Sozialforschung der Frankfurter Goethe-Universität.

FRAGE: Fußball wird gern als unberechenbar beschrieben, das gilt nicht nur für das Spiel, auch für die höchste Instanz. Was macht den Internationalen Fußballverband (Fifa) so unberechenbar?

ANTWORT: Erstaunlich ist, wie sehr sich die vielen Mitglieder von der autokratischen Spitze aus einfach dirigieren lassen. In erster Linie ist die Fifa ein Verein mit einer hierarchischen Machtstruktur in Form einer Pyramide. Hier wird von oben nach unten in die Breite durchregiert. Interne Legitimation beschafft sich die Führungsspitze schlicht dadurch, dass sie periodisch eine Menge Cash nach unten durchreicht.

FRAGE: Die Fifa lebt in einem eigenen Fußball-System, das sich von der Gesellschaft abgekoppelt hat?

ANTWORT: Präsident Blatter weist immer wieder darauf hin, dass die Fifa eine "Familie" sei, die zusammenhalten müsse. So reden sonst nur die Paten oder Don Corleones in Berlusconis Süditalien. Im Grunde handelt es sich bei der Fifa um eine Organisation, die mich persönlich an die Mafia erinnert. Man folgt in so einer Familie einer partikularen Binnenmoral nach eigenem Gusto. Und nach außen hält man dann zusammen wie Pech und Schwefel.

FRAGE: Ermöglicht die Willkür der Fifa-Welt die Korruption?

ANTWORT: Ganz so einfach würde ich das nicht sagen. Natürlich hat die Fifa, wie die Mafia ja auch, einen Ehrenkodex. Eine eigene, in diesem Fall sogar schriftlich fixierte Moral, die den internen Umgang miteinander bestimmt. Der Ethikkodex der Fifa enthält allerdings für Prozesse der öffentlichen Aufklärung einen fatalen Widerspruch.

FRAGE: Worin besteht dieser "fatale Widerspruch"?

ANTWORT: Einerseits fordert dieser Ethikkodex von allen offiziellen Fifa-Mitgliedern ein integres, moralisch vorbildliches Auftreten in allen Belangen der Tätigkeit nach außen, zugleich aber auch absolute Loyalität nach innen. Das bedeutet, wer von internen kriminellen Machenschaften erfährt und diese Machenschaften an die Öffentlichkeit bringt, begeht zugleich eine familieninterne Pflichtverletzung von erheblichem Ausmaß.

FRAGE: Was ist daran nun korrupt?

ANTWORT: Es gibt die Geschichte, dass der eben zurückgetretene Fifa-Vizepräsident, Jack Warner, kurz vor der WM 2006 völlig überteuerte WM-Eintrittskarten über das Reisebüro seiner Familie vertrieben hat. Da zeigt sich die Gier eines mentalen Kleinbürgers, dem man ein zu hohes Amt übertragen hat. Diese Mentalität scheint in der Fifa weit verbreitet. Sie erklärt aber nicht alles. Es müssen strukturelle Bedingungen hinzukommen, damit so etwas wie Korruption möglich wird.

FRAGE: Unlauteres Machtstreben, Bestechungsvorwürfe - und dennoch wurde der Ethikkodex der Fifa lange nicht angewandt. Was ist falsch am Kodex, wenn er übergangen wird?

ANTWORT: Es ist laut Kodex allen Offiziellen verboten, Geschenke oder geldwerte Leistungen von "Dritten" anzunehmen. Es ist dort tatsächlich nie von "Zweiten" oder allgemein von "Anderen" die Rede. Das mag ein sprachlicher Lapsus sein, aber es bedeutet im Grunde, dass eine interne Bestechung von Fifa-Mitglied zu Fifa-Mitglied, zumindest dem Wortlaut nach, nicht schon ausdrücklich verboten ist. So kann man den Text jedenfalls deuten, und ich würde ihn sogar so deuten.

FRAGE: Die Ethikkommission, die von der Fifa geregelt und finanziert wird, soll jene Wertmaßstäbe überwachen. Wie kann diese Einrichtung einem ethischen Anspruch gerecht werden?

ANTWORT: Die Ethikkommission besitzt das große Defizit, nicht unabhängig zu sein. Die Mitglieder der Kommission werden von eben jenem Exekutivkomitee bestimmt, das von der Kommission dann anschließend überwacht werden soll. Das ist in etwa so sinnvoll, als würde man die Mitglieder der Bankenaufsicht von Bankern berufen lassen.

FRAGE: Zudem muss erst jemand angezeigt werden, um letztlich vor der Kommission zu stehen.

ANTWORT: Im Grunde müssen sich die Offiziellen selbst oder gegenseitig anzeigen, um ein Verfahren vor der Ethikkommission in Gang zu bringen. Hier zeigt sich der Widerspruch abermals: Wenn Sie wissen, dass Sie einerseits in der Ausübung ihrer ethisch-moralischen Pflicht integren Wohlverhaltens jemanden anzeigen müssten, Sie mit dieser Anzeige aber eine weitere ethisch-moralische Selbstverpflichtung, nämlich absolute Loyalität, verletzten, dann sind Sie zerrissen.

FRAGE: Wie sollte die Ethikkommission beschaffen sein?

ANTWORT: In den Statuten müsste eine wahrhaft unabhängige Ethikkommission vorgesehen sein. Zudem zeigt sich auch hier ein besorgniserregender Trend: Fast nie sitzen in solchen Ethik-Gremien, zumindest wenn sie publicityträchtig sind, echte ethische Bedenkenträger, das heißt professionell ausgebildete Ethikerinnen oder Ethiker der Philosophie. Meistens beruft man vermeintlich "Weise" oder Fachexperten auf allen möglichen Gebieten. Oder im Fall der Fifa einfach ehemalige Fußball-Profis.

FRAGE: Wo und wie sollte die Fifa aktiv werden?

ANTWORT: Das jüngste Züricher Schlammcatchen hat sich zunächst nur um die korrupten Machenschaften rund um die entschiedene Präsidentenwahl gedreht. Dabei ging es noch gar nicht um die ominösen WM-Vergaben an die sportkapitalistischen Schurkenstaaten Russland und Qatar, die meines Erachtens der eigentliche Skandal sind. Zumindest mit Blick auf Qatar, denn die Indizien, dass Stimmen gekauft worden sind, mehren sich vehement. Und sollten sich die Absprachen beweisen lassen, muss diese Entscheidung rückgängig gemacht werden. FRAGE: ANTWORT: Um das Vertrauen in die Institution wiederzuerlangen, sollten diejenigen, die sich eines Fehlverhaltens überführen lassen, konsequent bestraft, suspendiert und aus dem Verband ausgeschlossen werden. Und ein Jack Warner soll sich da nicht einfach durch Rücktritt aus der Affäre ziehen dürfen.

Die Fragen stellte Janine Engeleiter

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