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Alte Stärken, neue Siegertypen im Sportjahr mit Trauerrand

28.12.2009 ·  2009 hat gezeigt: Regen bleibt eine gute Grundlage für deutsche Erfolge, Berliner Luft tut Athleten gut, und eng geschnittene Anzüge können einen rasant voranbringen - es war auch ein Jahr mit einer einsamen Entscheidung, die viele Menschen aufrüttelte. Von Christian Eichler

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Torhüter müssen einsame Entscheidungen treffen. Robert Enke traf die einsamste von allen. Durch seine Tat, durch seinen Tod wurde 2009 von einem bunten Sportjahr mit einigen grauen Doping-Flecken zu einem Sportjahr mit Trauerrand.

Begonnen hatte es wie immer, unschuldig, sorglos, blütenweiß. Schnee ist das erste Element jedes Sportjahres. Und dazu ein glänzender Untergrund für deutsche Erfolge. Deutschland stellt im Wintersport das Reich der Mitte dar. Ein Land ohne Extreme, ohne die höchsten Berge und die härtesten Winter. Anderswo ist es alpiner und nordischer. Aber nur die Deutschen liegen von den großen Ländern Europas zugleich südlich genug, um sich eine alpine Nation nennen zu können, und nördlich genug, um auch eine nordische zu sein.

So geriet auch der Winter 2009 zur deutschen Erfolgssaison. Kathrin Hölzl wurde fast aus dem Nichts Weltmeisterin im Riesenslalom. Maria Riesch gewann den Titel im Slalom und krönte ihre Alpin-Saison mit Platz zwei im Gesamt-Weltcup. Langläufer Tobias Angerer brachte aus den böhmischen Bergen drei WM-Medaillen mit. Martin Schmitt segelte fast zehn Jahre nach seiner Wahl zum "Sportler des Jahres" von der Großschanze zu einem Comeback als WM-Zweiter. Und Kati Wilhelm gewann gleich zweimal Gold bei einer Biathlon-WM, die Schnee nur als Spurenelement zu bieten hatte.

Das machte aber nichts, denn erstens ist auch Regen seit Bern 1954 eine gute Grundlage für deutsche Siege. Und zweitens darf man hoffen, dass die koreanischen Wasserspiele der Biathlon-WM 2009 vielen IOC-Mitgliedern im Kopf bleiben werden - zumindest bis zum übernächsten Sommer, wenn sie darüber abstimmen, ob die Winterspiele 2018 ins regnerische Pyeongchang, ins etwas abgelegene Annecy oder in die Schönwetter-Weltstadt München gehen.

Wasser stört beim Wintersport. Außer wenn es kalt genug ist, womit man beim zweiten Element des Sportjahres wäre: dem Eis. Auf diesem heikelsten aller Untergründe bewiesen deutsche Sportler 2009 eine Bandbreite, die sie in allen Eisdisziplinen der Spiele 2010 zu Favoriten machen dürfte. Nur Eishockey bleibt der Ladenhüter in der deutschen Gefrierabteilung. Die anderen Angebote sind Kassenschlager.

Anni Friesinger-Postma holte ihren 16. WM-Titel im Eisschnelllauf. Sprintkollegin Jenny Wolf gewann über 500 Meter (und Langstreckenkollegin Claudia Pechstein legte sich mit ihrem Dopingskandal selbst auf Eis). Natalie Geisenberger und Felix Loch fuhren mit der Rodelkonkurrenz weltmeisterlich Schlitten. Marion Trott stürzte sich auf dem Skeleton bäuchlings zu Tal und zum WM-Titel. Und Aljona Savchenko/Robin Szolkowy krönten die deutsche Eiszeit als Welt- und Europameister im Paarlauf.

Ist das alles wirklich geschehen?

Es scheint schon so lange zurückzuliegen. Und ist doch noch keine zwölf Monate her. Die Selbsttäuschung unseres Gedächtnisses, das vergangene Sportereignisse viel rascher hinter sich zu lassen scheint als früher - sie liegt wohl daran, dass selbst das sportlichste Gehirn bei winterwöchentlich wechselnden und flächendeckend übertragenen Welt- und Europameisterschaften, Weltcups und Tourneen irgendwann zur Überlastung neigt. Und dann die interne Löschtaste bedient. Das ist typisch für Zwischenjahre, für die ungeraden Jahre zwischen Winter- und Sommerspielen, Fußball-WM und EM. Sie sind kaum ärmer an Höhepunkten. Nur kommen diese Höhepunkte in Jahren wie 2009 nicht gebündelt, sondern gestreckt daher. Da ist man im Rückblick fast überrascht, was in nicht mal zwölf Monaten so alles passiert ist.

Dem Winter folgte der Frühling und mit ihm ein anderes Erfolgselement: Rasen. Im Frühjahr zieht es Menschen ins Grüne, auf die Wiese. Im ewigen Frühling der Golfer, die mit dem schönen Wetter um die Welt ziehen, glänzte Martin Kaymer auf dem Grün, stieß bis auf Platz elf der Weltrangliste vor und schürte die Hoffnung auf einen neuen Bernhard Langer.

Auf dem Fußballrasen fand die seit 106 Jahren ausgetragene deutsche Meisterschaft endlich wieder einen Meister-Debütanten. Der VfL Wolfsburg wurde der erste Neuling im Klub der Meister seit Borussia Mönchengladbach 1970. Und produzierte auch den größten Moment des Fußballjahres. Dieser Moment bleibt in Millionen von Fußballhirnen voll nutzloser, aber schöner Erinnerungen auf einem Ehrenplatz verewigt:

der Slalom von Grafite durch die komplette Bayern-Abwehr, abgeschlossen mit einem lähmend langsamen Hackenschuss, der das Ensemble der Gegenspieler wie ein Standbild erstarren ließ. Wenige Tage später endete die Champions League für die Bayern mit einem 0:4-Debakel in Barcelona, worauf Jürgen Klinsmann von der Säbener Straße nach Sibirien geschickt wurde.

Dorthin mussten auch die Fußballfrauen des FCR 2001 Duisburg, sie kehrten mit einem famosen 6:0-Sieg gegen Swesda Perm zurück und gewannen den UEFA Women's Cup, der seit dieser Saison wie bei den Männern Champions League heißt. Noch besser machte es die Duisburger Torjägerin Inka Grings mit ihren Kolleginnen im Nationalteam, das mit einem 6:2 gegen England den siebten Europameistertitel gewann.

Wir sind nun im Sommer und bei den Elementen, für die man ihn liebt: Wasser, Sand, Luft. Im Wasser von Rom tauchte mit Paul Biedermann ein neuer deutscher Schwimmstar auf, der den unschlagbaren Michael Phelps schlug. Dafür wurde er als erster Schwimmer seit Michael Groß 1988 "Sportler des Jahres". Biedermann gab der Flut von mehr als hundert Weltrekorden des Schwimmjahres, die eine große Diskussion über die komplizierten Ganzkörperanzüge auslöste (und deren Verbot ab 2010), ein Gesicht. Auch Britta Steffen hielt ihr Niveau und gewann zwei Sprinttitel. Baden gingen Angela Maurer und Thomas Lurz, beide kamen von langen Arbeitstagen im Mittelmeer mit Gold im Langstreckenschwimmen zurück. Auch die Kanuten fischten wie immer erfolgreich, und dann gab es, ein Jahr nach der Havarie von Peking, überraschend auch WM-Gold für den neuen Deutschland-Achter und den neuen alten Erfolgstrainer Ralf Holtmeyer.

Hinaus aus dem Wasser: In der Berliner Luft wurden einige deutsche Träume wahr. Da, wo die Leichtathletik am Boden blieb, liefen die Deutschen nur hinterher. Aber mehr blieb auch allen anderen nicht übrig, wo ein Bolt oder Bekele am Start waren. Da, wo der Leichtathlet aber fliegt oder fliegen lässt, hoben die Deutschen ab bei ihrer Heim-WM. Nur Weitspringer Sebastian Bayer, der mit famosen 8,71 Metern bei der Hallen-EM geglänzt hatte, konnte bei der WM im Freien wegen Fußverletzung keine großen Sprünge machen. Dafür hüpften die Hochspringer Ariane Friedrich und Raul Spank aufs Siegerpodest und in die Berliner Herzen. Steffi Nerius ließ den Speer 16 Jahre nach ihrem ersten WM-Start zum WM-Titel fliegen. Und Robert Harting, der sich mit seinen Äußerungen über Doping-Opfer der DDR verhoben hatte (zur Verteilung von Pappbrillen, die Zuschauer "vor dem Anblick gedopter Sportler bewahren sollten", sagte er: "Wenn der Diskus aufkommt, soll er gleich gegen die Brillen springen, damit die wirklich nichts mehr sehen") - Harting bewies, dass man kein Hirn-Riese sein muss, um ein Werfer-Koloss zu sein. Er befreite sich mit der letzten Drehung im Käfig und schleuderte die Scheibe auf Siegesweite.

Fehlt noch der Sand: Am norwegischen Strand wurden Julius Brink und Jonas Reckermann als erste Europäer Weltmeister im Beachvolleyball. Ach ja, und dann noch ein Element des Sommers, Millionen kennen es von ihren Fahrten in den Urlaub und zahllosen Stau-Stunden: den heißen Asphalt. Radprofi Tony Martin wurde auf Frankreichs Straßen die Entdeckung der Tour und gewann WM-Bronze im Zeitfahren. Sebastian Vettel nahm mit vier Grand-Prix-Siegen und dem zweiten Platz in der Formel-1-WM eine erste Trittprobe in den riesigen Fußstapfen von Michael Schumacher.

Und schon war man im Herbst, der Zeit, in der es ungemütlich wird und man gern ein Dach über dem Kopf hat. Und einen gut gedeckten Tisch, wie Timo Boll und Christian Süß, die im Doppel und im Team in Stuttgart Tischtennis-Europameister wurden, und wie Jiaduo Wu, die im Einzel gewann. Abwehrkräfte braucht man dann auch, Jack Culcay bewies sie und wurde als erster Deutscher seit 14 Jahren Box-Weltmeister - als erster jedenfalls dort, wo einem die Gegner nicht vom cleveren Promoter ausgesucht werden: bei den Amateuren also (nun will er auch Profi-Champion werden). Mit ihm, mit dem Säbelfechter Nicolas Limbach, mit den Bahnradfahrern Maximilian Levy und Stefan Nimke und all den anderen Siegertypen ist der deutsche Sport im Jahr 2009 auf eine beeindruckende Zahl gekommen: Weltmeistertitel in 16 olympischen Sportarten.

Noch was vergessen? Ach ja, ihre einzige starke Leistung des Jahres, aber die im wichtigsten Spiel, brachte die Fußball-Nationalmannschaft mit dem 1:0 in Moskau zur WM nach Südafrika. Robert Enke fehlte verletzt. Vier Wochen später gab er dem Sportjahr einen tragischen Ausklang. Sein Tod war ein Ende ohne Trost. Aber der Sport ist immer wieder ein Anfang.

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