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Es war nur eine Bezauberung des klassischen Hellas

04.03.2010 ·  Zu Ihrer sehr differenzierten Berichterstattung zu Griechenlands selbstverschuldeter Finanzkrise: Da ist ein über Jahrhunderte gehegter Traum zerplatzt. Es gibt kein irdisches Arkadien, zumindest nicht an der Ägäis.

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Zu Ihrer sehr differenzierten Berichterstattung zu Griechenlands selbstverschuldeter Finanzkrise: Da ist ein über Jahrhunderte gehegter Traum zerplatzt. Es gibt kein irdisches Arkadien, zumindest nicht an der Ägäis. Wer die jüngere Geschichte Griechenlands mit ihrer langen Besetzung durch die Türken kennt, für den kommt das nicht überraschend. Wer sich dagegen in seiner Beurteilung der griechischen Gegenwart auf das verlässt, was er über das antike Griechenland gehört hat, hinkt der Realität um etwa 2000 Jahre hinterher. Wer ist schuld an der schrillen Einfalt und den eklatanten Blößen, die die gewählten Entscheidungsträger jetzt in ihrer Kenntnis der Sachverhalte offenbaren mussten?

Entscheidungen für die reale Finanzpolitik mit Griechenland an den eigenen Kenntnissen über das klassische Hellas zu orientieren, ist so wirklichkeitsfremd, wie es ein Investor wäre, der als Grundlage für seine Investitionsüberlegungen am Standort Deutschland die Germania des Tacitus konsultiert. Die jetzt enttäuschten EU-Griechenland-Schwärmer sind wohl nur in zweiter Linie von den Bilanzfälschern der griechischen Regierung ausgetrickst worden. In erster Linie sind sie gescheitert, weil sie sich mehr vom philhellenischen Schwärmertum eines Lord Byron oder Goethe leiten ließen als von den veröffentlichten Untersuchungen zur Korruption weltweit. Keiner der sich lautstark empörenden europäischen Entscheidungsträger würde Kuba, Ghana oder Georgien, die seit Jahren als weniger korrupt eingestuft sind als Griechenland, Milliardenhilfen aus Steuergeldern zahlen, ohne deren Verwendung zu überwachen.

Natürlich haben griechische Politiker verantwortungslos gehandelt, haben sich die griechischen Oligarchenfamilien schamlos bereichert, hat auch der griechische Wähler an den Urnen versagt, aber es gibt auch ein Maß von grenzenloser Einfältigkeit und sachlichen Blößen auf der Geberseite, das fast schon an Beihilfe zur Untreue grenzt.

Damit keiner genau nachfragt, weshalb die Verwendung der EU-Gelder oder die Haushaltsangaben nie wirklich angezweifelt wurden, wird jetzt das Bild eines moralisch verderbten Griechenland gezeichnet. Griechenland mit seiner Alltagskorruption und seinem Beamtenschlendrian ist anders als Deutschland, aber nicht erst seit letzter Woche. Die Griechenschelte ist so deplaziert wie die uns Deutschen verhassten Nazi-Vergleiche. Familien in Athen, deutsch oder griechisch, leiden gleichermaßen unter den seit Jahren steigenden Preisen, die bei niedrigeren Durchschnittseinkommen inzwischen weit über den deutschen liegen. Die Euro-Umstellung wird hier von den normalen Bürgern als Krux empfunden. Intellektuelle Griechen, die es natürlich gibt, sind noch viel verbitterter über ihre Regierung als deutsche Kritiker. Der nationale Gesichtsverlust schmerzt jeden hier zusätzlich.

Die mediale Gleichsetzung von griechischer Regierung und griechischen Alltagsbürgern ist so dümmlich wie die Annahme, alle Bundesbürger seien FDP-nahe Rechtspopulisten. Erste Umfragen zeigen, dass gerade die Bürger Griechenlands die Notwendigkeit der Einschnitte grundsätzlich akzeptieren. Emotionale Hysterie - bei allen Beteiligten - bringt in der Lösung der Sachprobleme sicherlich keinen Fortschritt.

Wer ist aber nun schuld? Jeder der Träumer: die griechischen Politiker, die im EU-Geldrausch Schulden für ihre Bürger und die EU-Partner angehäuft haben, genauso wie die EU-Kontrolleure, die ihrem überholten, realitätsfernen Griechenlandbild aufgesessen sind. Jedenfalls bleibt Letzteres zu hoffen, denn die Erkenntnis, dass alle EU-Staaten einmütig unbequeme zweitklassige Kräfte nach Brüssel entsorgen, ist wesentlich erschreckender. Aus dieser Ecke könnte ein nächster Sturm, dann für ganz Europa, losbrechen, an dem gemessen die Büchse der Pandora wie der im Badezimmer an der Wand verschraubte Föhn im "Hotel Poseidon" wirkt.

Christoph Holzwarth, Athen

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