16.07.2009 · Zu "SPD und CDU im Krümmel-Wahlkampf" (F.A.Z. vom 11. Juli): Der Besuch von Sigmar Gabriel in Tschernobyl könnte auch zum Anlass genommen werden, über die heutige Rolle der Kernenergie in der Ukraine zu berichten.
Zu "SPD und CDU im Krümmel-Wahlkampf" (F.A.Z. vom 11. Juli): Der Besuch von Sigmar Gabriel in Tschernobyl könnte auch zum Anlass genommen werden, über die heutige Rolle der Kernenergie in der Ukraine zu berichten. Das wäre zwar nicht in der Absicht des Ministers, aber trotzdem interessant. Denn dort steht man der Kernenergie trotz der Katastrophe 1986 weit positiver gegenüber als in Deutschland. Fünfzehn Kernkraftwerke sind in Betrieb, die letzten gingen 2004 ans Netz. Rund die Hälfte des Stroms wird aus Kernenergie erzeugt. Keiner dieser Reaktoren ist mehr ein solcher des Tschernobyl-Typs. Bis 2030 sollen 22 neue Kernkraftwerke gebaut werden.
Warum man ausgerechnet in dem Land, das den bisher schwersten Unfall mit einem Kernkraftwerk erlebt hat, offenbar so gelassen mit der Kernenergie umgehen kann, wird deutlich, wenn man Krümmel und die Anti-Atom-Propaganda in Deutschland einmal nüchtern betrachtet. Wie auch die F.A.Z. bestätigt, ist der Zwischenfall im Kernkraftwerk Krümmel in der Kategorie N einzustufen. Ereignisse in dieser Kategorie sind als "Normalmeldung" der Aufsichtsbehörde bekanntzugeben. Die Meldefrist für diese Ereignisse beträgt fünf Tage. Das kann man zum Beispiel in den vom Bundesumweltministerium herausgegebenen Jahresberichten der meldepflichtigen Ereignisse in Kernkraftwerken nachlesen (siehe www.bfs.de). Die Aufregung schon allein über die angeblich fehlerhafte Meldung dieses Ereignisses ist also sachlich nicht begründet, denn das zuständige Ministerium in Kiel ist von Vattenfall innerhalb dieser Frist informiert worden. Dass schon vorher eine Meldung auf dem Umweg über die Polizei erfolgte, ist ungeschickt, aber formal kaum zu beanstanden.
Auch die angeblich größere Gefahr eines "Gau" durch ältere Kernkraftwerke gehört eher in das Reich der Phantasie. Anders als in Tschernobyl schalten sich Kernkraftwerke westlicher und auch der neueren russischen Bauart bei Verlust der Kühlung selbsttätig automatisch ab, ohne dass dazu eventuell störanfällige Sicherheitseinrichtungen aktiv werden müssen, schlicht als Folge der konstruktionsbedingten negativen Reaktivität des Kernreaktors - auch noch nach 30, 40 oder 50 Jahren. Und anders als in Tschernobyl sind westliche Kernreaktoren durch einen Betonmantel geschützt, der eine durch die Nachwärme im Reaktor verursachte mögliche - aber schon extrem unwahrscheinliche - Explosion ohne Schaden übersteht. Auch dieser Schutz bleibt unabhängig vom Alter des Kernkraftwerks bestehen. Und anders als in Tschernobyl, wo neun Tage lang 1200 Tonnen Graphit im Reaktorkern verbrannten - eine Hauptursache für das große Ausmaß der radioaktiven Verseuchung der Umwelt -, gibt es in deutschen Kernreaktoren konstruktionsbedingt überhaupt kein Graphit.
Christoph Barthe, Hamburg