20.12.2009 · Seit Tagen lese ich in Zeitungen Kommentare zu dem Sorgerechtsurteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte. Bisher habe ich keinen einzigen kritischen Kommentar gelesen, was ich höchst erstaunlich finde.
Seit Tagen lese ich in Zeitungen Kommentare zu dem Sorgerechtsurteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte. Bisher habe ich keinen einzigen kritischen Kommentar gelesen, was ich höchst erstaunlich finde. Immerhin ist es gesellschaftliche Realität, dass in Deutschland 80 Prozent aller Hausarbeit und etwa 90 Prozent aller Erziehungsarbeit von uns Frauen und Müttern verrichtet wird und das unter höchst widrigen Bedingungen. Die Arbeit ist weder gesellschaftlich anerkannt, noch wird sie in irgendeiner angemessenen Weise materiell vergütet. Im Gegenteil, wir bezahlen unsere Entscheidung zur Mutterschaft in der Regel mit dem Verzicht auf Karriere, Selbstverwirklichung und gute Verdienstmöglichkeit. Aufgerieben zwischen Geldverdienen und Erziehungs- und Hausarbeit, sind wir ständig an den Grenzen unserer Kräfte und persönlichen Möglichkeiten oder aber abhängig von einem gut verdienenden Ehemann oder Partner. Ist mehr als ein Kind vorhanden, ist eine 40-Stunden-Woche rein physisch kaum zu bewältigen, auf jeden Fall nicht mit einer angemessenen Kindererziehung zu vereinbaren. Denn Kinder brauchen Eltern, die Zeit und Kraft für sie haben.
Alleinerziehende Mütter von drei oder mehr Kindern bleibt da meist keine andere Wahl als der Gang zum Arbeitsamt, und das, obwohl sie einen ausgefüllten Arbeitstag haben. Als Hartz-IV-Empfängerinnen müssen sie sich demütigen lassen, wenn sie sich zum Beispiel nicht in der Lage fühlen, zu der Erziehungs- und Hausarbeit auch noch eine Vollzeitarbeit anzunehmen. Nach all den Jahren schwerer Arbeit, Aufopferung und Verzicht haben wir nicht einmal Anrecht auf eine Rente. Denn die Früchte unserer Arbeit (die Renteneinzahlungen unserer Kinder) ernten einmal diejenigen, die sich gegen Kinder und für die eigene Selbstverwirklichung und Karriere entschieden haben beziehungsweise diese Arbeit den Ehefrauen oder Müttern überlassen haben.
Nun zu den Vätern. Plötzlich redet alle Welt von den Müttern, die aus Rache den Kindsvätern den Umgang mit den Kindern verwehren. Ich will hier nicht ausschließen, dass es diese Mütter gibt. Aber die gesamtgesellschaftliche Realität sieht doch auch hier wieder ganz anders aus. In unzähligen Fällen missbrauchen Väter ihr Recht auf Sorge oder den Kindskontakt, um ihrem Ego zu dienen und nicht dem Wohl des Kindes. Sei es, dass finanzielle Überlegungen hinsichtlich des Einsparens von Unterhaltszahlungen oder eben auch Rache an der Mutter bei wichtigen Entscheidungen bezüglich der Kinder eine Rolle spielen. Oder sei es einfach, weil sich Väter gebauchpinselt fühlen, wenn ihre pubertierenden Söhne sie endlich toll finden, weil sie die erzieherischen Bemühungen der Mütter um klare Konsequenzen unterwandern. Allein die Tatsache, dass die Erziehungsarbeit hauptsächlich von Müttern verrichtet wird und diese Zeit, Opfer und Mühen aufbringen, um die Kinder großzuziehen, belegt doch, dass die Mütter näher an den Bedürfnissen ihrer Kinder sind und daher natürlich wichtige Entscheidungen im Sinne der Kinder besser treffen können. Auch ein anderer Punkt ist maßgebend. Angesichts der äußerst schwierigen Voraussetzungen, unter denen alleinerziehende Mütter ihre Erziehungsarbeit meistern müssen, muss ihnen auch zugestanden werden, zu entscheiden, wie viel zusätzlichen Belastungen sie sich auszusetzen noch bereit und im Stande fühlen. Bei jüngeren Kindern bedeutet ein Kontakt des Vaters mit den Kindern auch immer ein Kontakt der Mütter mit den Vätern. Das kann häufig eine große psychische Belastung für die Mutter bedeuten. Müttern, die mit ihren Aufgaben des Kindergroßziehens sowieso meist an den Grenzen ihrer Ressourcen sind, muss die Möglichkeit zugestanden werden, sich, ihre Kinder und ihre Ressourcen durch ein Abbruch des Kontakts mit dem Vater zu schützen.
In den beschriebenen Realitäten ist es notwendig, dass die Entscheidung bezüglich des Sorgerechts für die Kinder bei den Müttern liegt. Um einer Diskriminierung von nichtehelichen Vätern gegenüber ehelichen Vätern zu vermeiden, sollte man also lieber die gemeinsame Sorge geschiedener Eltern überdenken. Väter, denen das Wohl ihrer Kinder ernsthaft am Herzen liegt, sollten in erster Linie ihre Kinder mit angemessenen Unterhaltszahlungen unterstützen. Damit ermöglichen sie den Müttern, sich adäquat um die Kindererziehung zu kümmern. Es ist höchste Zeit, dass endlich ein Umdenken stattfindet. Anstatt an der Väterrolle herumzudoktern, sollten lieber Maßnahmen ergriffen werden, die zur gesellschaftlichen Anerkennung der Arbeit der Mütter führen.
Ulrike Amoore, Berlin