19.09.2005 · Arbeitsplatzabbau bei SBS / Ausmaß für Com steht noch nicht fest / Logistikautomatisierung wird aufgelöst
him. MÜNCHEN, 19. September. Die Befürchtungen in den vergangenen Wochen haben sich bestätigt: Siemens steht wieder einmal vor einem Abbau Tausender Arbeitsplätze. Wie vor zwei bis drei Jahren trifft es vor allem die Informations- und Kommunikationstechnik, das größte Arbeitsgebiet des Münchner Elektro- und Elektronikkonzerns. Am Montag kündigte Vorstandsvorsitzender Klaus Kleinfeld an, daß in der Sparte Siemens Business Services (SBS), den Dienstleistungen für die Informationstechnik, in den nächsten zwei Jahren in Deutschland 2400 der rund 15 000 Arbeitsplätze gestrichen werden. In der vergangenen Woche war durchgesickert, daß die Kosten von SBS bis 2007 um 1,5 Milliarden Euro sinken sollen (F.A.Z. vom 16. September). Kleinfeld bestätigte am Montag diese Zahl in einer Telefonkonferenz.
Offen ließ der seit Ende Januar amtierende Konzernchef das Ausmaß des Stellenabbaus in der größten Siemens-Sparte, der Kommunikationstechnik (Com). Die Gespräche mit den Arbeitnehmervertretern und der IG Metall seien noch nicht abgeschlossen, berichtete Kleinfeld. "Einzelheiten sind deshalb noch nicht festgelegt." Spekuliert wurde zuletzt über einen Abbau von 4224 Stellen, davon 2860 in Deutschland (F.A.Z. vom 19. September). Personalanpassungen sind nach Kleinfelds Worten im Com-Geschäft mit Unternehmenskunden notwendig. Moderne Telefonanlagen sind leichter zu installieren und erfordern weniger Wartung. Hinzu kommt die schwache Nachfrage des Mittelstands nach neuen, internetbasierten Anlagen. Vertrieb und Service müßten deshalb neu ausgerichtet werden, sagte Kleinfeld. Zu Spekulationen über einen Personalabbau auch in anderen Segmenten von Com äußerte er sich nicht.
Der Siemens-Chef kündigte am Montag zudem an, daß die Logistik- und Produktionsautomatisierungstechnik (L&A), die kleinste der zwölf Sparten des Siemens-Konzerns, zum Beginn des neuen Geschäftsjahres am 1. Oktober aufgelöst wird. Das Geschäft mit den Anlagen für die Post und für Flughäfen mit rund 3000 Mitarbeitern sowie das Segment mit den Bestückungsautomaten mit 2000 Mitarbeitern werden in die Siemens-Sparten Industrielösungen und -dienstleistungen (I&S) sowie Automatisierungs- und Antriebstechnik (A&D) eingegliedert. In der Zentrale von L&A, die aufgelöst wird, sind rund 150 Mitarbeiter beschäftigt. "Wir bemühen uns, für sie freie Stellen innerhalb des Konzerns zu finden", sagte Kleinfeld. Schon Ende August hatte Siemens beschlossen, das Produkt- und Systemgeschäft von L&A für Materialflußlösungen mit 5000 Mitarbeitern auszugliedern.
Der Umbruch in der Sparte SBS ist auch mit Personalwechseln verbunden. Adrian von Hammerstein, der Vorsitzende des Bereichsvorstandes, lege sein Amt auf eigenen Wunsch nieder, berichtete Kleinfeld. Sein Nachfolger ist Christoph Kollatz, der bisher das Geschäftsgebiet Straßenverkehrstechnik der Sparte I&S geleitet hat.
Die drei Sparten, für die Kleinfeld am Montag Einschnitte bekanntgab, hatten im Quartal von April bis Juni einen Betriebsverlust von zusammen 228 Millionen Euro ausgewiesen. Da sich Kleinfeld das Ziel gesetzt hat, daß bis Anfang 2007 alle Konzernsparten ihre Gewinnvorgaben erreichen, arbeitet der Vorstandschef daran, die Rentabilität der vielfältigen Geschäfte zu verbessern. Dazu gehört auch die Trennung von der Mobiltelefonsparte, die der Elektronikkonzern Benq aus Taiwan mit einer Zuzahlung von 250 Millionen Euro geschenkt bekommt. Die Veränderungen in den Sparten SBS, Com und L&A belasteten das Ergebnis von Siemens auch im kommenden Geschäftsjahr, kündigte Finanzvorstand Heinz-Joachim Neubürger an. Für dieses Jahr bekräftigte Kleinfeld die Prognose, unter Ausklammerung des Handygeschäfts werde der Konzern einen Betriebsgewinn auf dem Niveau des Vorjahres erreichen.
Markt und Meinung, Seite 28.