19.11.2011 · Wie ein Textilbaron aus Yorkshire den schottischen Harris Tweed erobern wollte - und damit eine ganze Insel gegen sich aufbrachte.
Von Marcus TheurerEigentlich wollte er sich damals vor fünf Jahren nur aus alter Gewohnheit ein paar Herrensakkos anschauen. Sein Stiefsohn, der ebenfalls in der Textilbranche arbeitete, hatte ihn gefragt, ob er sich für die neue Kollektion interessiere. Keine große Sache. Aber dann fiel sein Blick auf dieses eine Sakko. Er schlüpfte hinein, er schaute in den Spiegel, es passte ihm wie angegossen. "Das ist eine verdammt schöne Jacke", sagte Brian Haggas, und das Schicksal nahm seinen Lauf.
Das Jackett war aus Harris Tweed, jenem festen und wärmenden Wollstoff aus Schottland, handgewebt auf der Hebrideninsel Harris and Lewis. Bis heute überlebt dort, am äußersten nordwestlichen Zipfel des Vereinigten Königreichs, eine Mini-Branche, so schrullig wie aus dem Industriemuseum und so langlebig wie der Tweed selbst. Der Stoff ist weltbekannt, und natürlich kannte auch Brian Haggas den Harris Tweed. Schließlich war er über ein halbes Jahrhundert lang Textilunternehmer gewesen. Aber bis dahin hatte ihn dieses Material nie besonders interessiert. Jetzt schon. "Zuerst war ich fasziniert, dann begann ich mich zu erkundigen", erinnert sich der Unternehmer - und dann hatte er einen Einfall - einen Einfall, der dem traditionsreichen Harris Tweed um ein Haar den Garaus gemacht hätte. Aber am Ende und ganz anders, als von Brian Haggas geplant, hat er ihr zu einer neuen Blüte verholfen.
Haggas ist 80 Jahre alt und rauh wie Schmirgelpapier. Er sagt Sätze wie: "Den meisten Leuten ist es ziemlich wichtig, was andere von ihnen denken, mich hat das immer einen Dreck geschert." An Ruhestand verschwendet er keinen Gedanken. Haggas ist ein zäher Alter - hager, braungebrannt und mit energischem Kinn. Zum nachtblauen Anzug trägt er vanillefarbene Socken und eine ebensolche Krawatte. Der Gang ist ein bisschen schleppend, der Geist hellwach. Er ist ein sprühender Erzähler.
Harris and Lewis, das ist eine Insel mit zwei Namen: Die Südhälfte heißt Harris, die Nordhälfte Lewis, dazwischen liegt ein Gebirge. "Einer der erbärmlichsten Orte der Welt", sagt Haggas. Er grinst. Auf Harris and Lewis wächst kaum ein Baum, und die Regenwolken, die der Westwind tagein, tagaus über die Insel hinwegschiebt, hängen so niedrig, dass sie fast an die Giebel der Häuser zu stoßen scheinen. Rund 20 000 Menschen und deutlich mehr Schafe leben hier - und viele davon leben vom Harris Tweed.
Was Brian Haggas mit diesem Harris Tweed vorhatte, war ziemlich kaltschnäuzig - obwohl seine Idee zunächst brillant zu sein schien: Er wollte der Einzige sein, der Jacketts aus diesem Tuch herstellte. Haggas wollte ein weltweites Monopol. Bis dahin produzierten die Spinnereien und Weber auf der Insel nur den Tweed und verkauften ihn an Dutzende von Herrenbekleidungsherstellern auf der ganzen Welt. Haggas wollte den Kunden keinen Stoff mehr liefern. Warum die Sakkos nicht lieber selber schneidern?
Alles, was er dafür tun musste, war, ein paar heruntergewirtschaftete Spinnereien auf dieser entlegenen schottischen Insel zusammenzukaufen, denn der Harris Tweed genießt Herkunftsschutz wie das Frankfurter Würstchen, Cognac und Champagner. Die Regeln sind streng: Der Stoff muss auf den Äußeren Hebriden in Handarbeit aus reiner Schafwolle gewebt werden. Wer die Spinnereien auf der Insel kontrolliert, der beherrscht deshalb auch den Harris Tweed.
Der Zeitpunkt für den Coup schien ideal. Die Tweedherstellung auf Harris and Lewis war nur noch ein Schatten früherer Tage, und entsprechend günstig war der Einstieg. In den vergangenen 50 Jahren ist die Produktion um rund 90 Prozent geschrumpft, ein Teufelskreis aus fehlenden Investitionen, Lethargie und ewig sinkenden Verkaufszahlen. Zeitweise war der hochwertige Wollstoff zu Billigpreisen verramscht worden. Mitte der sechziger Jahre lebten auf den Hebriden noch 1500 Weber vom Harris Tweed, heute sind es nur noch rund 150. Aber Sentimentalität ist Brian Haggas fremd: "Die Branche interessiert mich kein bisschen. Ich kümmere mich nur um unser Geschäft."
"Am Anfang dachten wir: Das ist der Mann, auf den wir alle gewartet haben", sagt der Weber Donald John Mackay. Endlich einer, der Geld mitbrachte und investierte. Der Weber Mackay steht in seiner Werkstatt, einem Wellblechschuppen neben seinem Haus im Westen von Harris, und erzählt. Wenn er aus dem Fenster schaut, blickt er auf ein unwirklich schönes Inselpanorama. Die Bucht von Luskentyre mit ihrem smaragdgrünen Wasser und den makellosen weißen Sandstränden ist ein atemberaubender Ort, ein Paradies im Nordatlantik.
Mackay ist eine Berühmtheit unter den Tweedwebern auf der Insel. Seit eines Tages vor sieben Jahren sein Telefon klingelte und der Sportartikelhersteller Nike im großen Stil Stoff für seine Turnschuh-Kollektion bei ihm bestellte, bekommt er regelmäßig Besuch von Journalisten und Fernsehteams, die sich von ihm den Harris Tweed erklären lassen. Für diese Rolle ist er die Idealbesetzung.
Der Handwerker ist ein Sturschädel im karierten Hemd mit aufgekrempelten Ärmeln. Seit vier Jahrzehnten tritt er an seinem gusseisernen und ohrenbetäubend lauten Hattersley-Webstuhl in die Fußpedale. "Mindestens 60 Stunden die Woche", sagt Mackay. Rund fünf Meter Tweed schafft er in einer Stunde. Die meisten Weber auf Harris sind nur Subunternehmer. Sie beziehen von der Spinnerei ihr Garn, weben daraus nach deren Vorgaben den Tweed und liefern ihn zur Weiterbearbeitung und Vermarktung wieder dort ab. Mackay dagegen arbeitet auf eigene Rechnung und eigenes Riskiko. Er kauft zwar das Garn in der Spinnerei, aber er entwirft seine eigenen Tweed-Muster und vermarktet den fertigen Stoff selbst an Kunden aus der Textilbranche. Deshalb passte sein Kleinbetrieb nicht in die Monopol-Strategie von Haggas.
Der Weber Mackay und der Textilbaron aus Yorkshire sind sich nie begegnet. Reine Zeitverschwendung wäre das, zumindest darüber sind sich beide einig. Sie reden nur übereinander - und das nicht gut. Der Handwerker erinnert sich noch genau an den Tag, als der Ärger anfing. Es war der 1. Mai 2008, und er war mit seinem Lieferwagen hinüber auf die andere Inselhälfte nach Lewis gefahren, um in der kurz zuvor von Haggas übernommenen Spinnerei Kenneth Mackenzie in Stornoway Garn abzuholen. An diesem Frühlingstag vor dreieinhalb Jahren stand plötzlich seine Existenz auf dem Spiel. Als er in Stornoway ankam, eröffnete ihm ein Mitarbeiter, dass ihn Kenneth Mackenzie, die damals einzige Spinnerei, die noch produzierte, nicht mehr mit Wollgarn beliefern werde. "Das kam aus heiterem Himmel", sagt Mackay.
Haggas, der Investor vom Festland, hatte seine ganz eigenen Vorstellungen von der Zukunft des Harris Tweed. Bis dahin gab es in der kleinen Branche eine schwindelerregende Vielfalt von 8000 verschiedenen Stoffmustern aus 150 verschiedenen Garnfarben - und es wurden immer mehr. Japaner lieben Karomuster, Deutsche lieben Grüntöne, und die Stoffmacher auf Harris and Lewis lieben es, immer neue Muster zu entwerfen. Dann kam Brian Haggas: "Ich sagte den Leuten: In Zukunft gibt es bei uns nur noch vier Muster, das reicht. Die fielen fast vom Stuhl." Aber Haggas hat seine Prinzipien. "Zu viel Produktvielfalt ist fast immer der Killer", befand der Senior und brachte damit die ganze Inselgruppe gegen sich auf. Es ist nahezu unmöglich, auf Harris and Lewis jemanden zu finden, der glaubt, dass Haggas recht hat.
Der Eroberer ließ sich nicht beirren und legte los. Haggas gab einen immens aufwendigen Werbefilm in Auftrag, in dem die lange Geschichte des Harris Tweed beschworen wird. Die Bilder sind unterlegt mit der Filmmusik des Gangster-Epos "Es war einmal in Amerika". Haggas liebt diese Melodie. Der Unternehmer investierte zusätzlich zum Kaufpreis von 4 Millionen Pfund eine weitere Million in die Modernisierung der maroden Spinnerei. Dann lief die Produktion an und der neue Eigentümer ließ aus seinen vier Einheitsstoffen in China und Portugal 75 000 Jacketts schneidern, alle im gleichen Schnitt. Das war im Herbst 2008.
Aber die Wette ging nicht auf. Ein Jahr später hatte Haggas erst 8000 Jacken verkauft. Er war jetzt zwar der Einzige, der Jacketts aus Harris Tweed anbot, nur wollte sie kaum jemand haben. Es sei ein Fehler gewesen, die Palette der Stoffmuster und Farben so stark einzuschränken, glaubt Jörn Poppen, Marketingleiter des Männermode-Herstellers Barutti aus Wilhelmshaven. "Das war ein Traditionsbruch, der dem Wesen des Harris Tweed zuwiderlief." Barutti zählt zu den größten Kunden der schottischen Tweed-Weber und wurde von Haggas ebenfalls nicht mehr beliefert.
Wieder fackelte der Textilbaron nicht lange. Haggas stoppte die Garnproduktion in seiner gerade erst modernisierten Fabrik und entließ die meisten der 100 Mitarbeiter dort. "Wir mussten erst einmal die Bestände verkaufen, bevor wir noch mehr produzierten", sagt er. Damit stand die Tweed-Tradition auf Harris nach rund 170 Jahren vor dem Aus: ohne Spinnerei kein Garn, ohne Garn keine Weber und ohne Weber kein Harris Tweed. Das Ende schien nah.
Der Mann, der den Harris Tweed gerettet hat, sitzt in einem Café im Hafenstädtchen Stornoway, das Apple-Notebook aufgeklappt vor sich. Brian Wilson trägt denselben Namen wie der Chef der Beach Boys, und mit Harris Tweed hatte er bis vor ein paar Jahren genauso wenig zu tun wie dieser. Aber dafür verfügt Wilson, ein geschäftiger Mann mit roten Bäckchen, der das Handy nicht aus der Hand legt, über gute Beziehungen. Der Schotte war Politiker der sozialdemokratischen Labour-Partei. Er saß im Parlament in London und diente unter Premierminister Tony Blair als Staatssekretär in verschiedenen Ministerien.
Als sich Brian Haggas in sein schottisches Tweed-Abenteuer stürzte, war Wilson gerade auf dem Absprung aus der Politik. Er hatte Zeit, und er besaß ein Haus auf der Insel. "Die Leute hier hatten erkannt, dass das, was Haggas vorhatte, im Desaster enden würde", sagt er. Ob er nicht einen anderen potenten Investor finden könne? Wilson konnte: Er sprach den vermögenden schottischen Rohstoffhändler Ian Taylor an, und der war bereit zu helfen. Taylor kaufte Haggas die Spinnerei in der Ortschaft Shawbost ab, die dieser zusammen mit der größeren Fabrik von Kenneth Mackenzie erworben und kurzerhand stillgelegt hatte.
Auf Harris begann die Konterrevolution gegen den Eroberer aus Yorkshire. Wilson und Taylor heuerten die von Haggas gerade entlassenen Mitarbeiter an und steckten Geld in die Fabrik. Auch Donald Mackay, der Weber in Luskentyre, bekam wieder sein Garn. Haggas sagt heute, Taylor und Wilson hätten ihn getäuscht: Vereinbart sei gewesen, dass sie ihre Stoffe nicht nach Europa und Nordamerika liefern und ihm dort freie Bahn lassen würden. "Aber gehalten haben sie sich nur einen Monat dran." Er habe Taylor damals die Spinnerei nur aus Mitleid verkauft: Kleine Schneidereien, die aus dem Tweed Handtaschen und andere Accessoires herstellten, seien auf eine Vielfalt an Stoffmustern angewiesen, die er mit seiner Spinnerei selbst nicht liefern wollte. "Ich habe auch eine weiche Seite", sagt Haggas. "Auch wenn sie nicht sehr ausgeprägt ist."
Wie es aussieht, war der schwache Augenblick des Textilunternehmers ein Glücksfall für den Harris Tweed. Der Mini-Branche geht es heute so gut wie lange nicht mehr - ein kleines Wirtschaftswunder am Ende der Welt. 2011 werden wohl rund eine Million Meter Harris Tweed gewebt, mehr als doppelt so viel wie noch vor zwei Jahren. 80 Prozent davon stammen aus der von Taylor übernommenen Spinnerei in Shawbost. Sie arbeitet wieder nach dem traditionellen Geschäftsmodell der Branche und verkauft ihr Tuch am Markt in der gewohnten Vielfalt an Farben und Mustern. Auch Edelmarken wie Chanel und Mulberry ordern hier.
Das gerade noch abgewendete Ende hat auf der Insel für neuen Elan gesorgt. "Manchmal wird einem der Wert der Dinge erst bewusst, wenn man drauf und dran ist, sie zu verlieren", sagt Lorna Macaulay. Sie ist die Geschäftsführerin der Harris Tweed Authority in Stornoway, die über Qualität und Herkunftszertifizierung des Tuchs wacht. Die bisher auf ältere Herren abonnierte Tweed-Branche treffe inzwischen mit dünneren und leichteren Stoffen auch den Geschmack jüngerer Kunden, sagt Macaulay. Die wüssten die Authentizität des Materials zu schätzen: "In dieser Wegwerf-Welt, in der wir heute leben, gibt es ein wachsendes Interesse an ehrlichen Produkten." Noch ist offen, ob der Aufschwung auf Dauer trägt. Aber 2010 hat Macaulay den ersten Ausbildungskurs für Nachwuchsweber seit 15 Jahren organisiert. Auf Harris ist jeder neue Arbeitsplatz, der nicht vom Staat abhängt, kostbar. Fast drei Viertel der Stellen hier sind im öffentlichen Dienst.
Und was wurde aus Brian Haggas? Der sitzt heute noch auf 25 000 unverkauften Tweed-Sakkos und denkt trotzdem nicht daran aufzugeben. Die Konkurrenz in Shawbost produziert inzwischen viermal so viel Tuch wie er, aber auch seine Verkaufszahlen steigen. "Langsam, aber stetig", sagt Haggas grimmig. Genaugenommen handelt die Geschichte von der Wiederauferstehung des Harris Tweed von einem unfreiwilligen Retter: Ohne Wilson und den Geldgeber Taylor hätte es diese Wende nicht gegeben. Aber ohne Haggas, den ungeliebten Eindringling aus Yorkshire, erst recht nicht. Wäre er nicht gekommen und hätte er hier nicht alles auf den Kopf gestellt, dann wären wohl auch Wilson und der Investor Taylor nie aufgetaucht.
Ganz starker Artikel!
Falk Hammer (FalkHammer)
- 20.11.2011, 11:27 Uhr
Wer Synthetikfasern kennt trägt Wolle!
Joachim Schroeder (Pequod)
- 19.11.2011, 18:58 Uhr
Harris Tweed - eine unendliche Geschichte kann ich nur sagen: meine
Mutter kaufte mir bei.....
Peter Herbeck M.A. (peterherbeck)
- 19.11.2011, 16:01 Uhr