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Veröffentlicht: 28.11.2012, 23:24 Uhr

Rheingauer befürchten zusätzlichen Bahnlärm

Kommunen lehnen Überholgleis bei Geisenheim ab

olko. OESTRICH-WINKEL. Auch wenn es aus Sicht der Deutschen Bahn AG lediglich dazu dient, den bestehenden Zugverkehr auf der rechten Rheinseite wirtschaftlicher abzuwickeln, in der Region stößt das Vorhaben auf Widerstand. Das von der Bahn auf freier Strecke zwischen Winkel und Geisenheim geplante 750 Meter lange Überholgleis soll zwei kurze, derzeit nicht genutzte Überholstrecken in den Bahnhöfen Mittelheim und Hattenheim ersetzen. Wie in einer Informationsveranstaltung in Oestrich deutlich wurde, fürchten die Bürger, dass das neue Gleis zusätzlichen Verkehr und damit mehr Lärm nach sich zieht; im Fokus stehen dabei die besonders lauten Güterzüge.

Bürgermeister Paul Weimann (CDU) wies auf den einstimmigen Auftrag der Oestrich-Winkeler Stadtverordneten hin, wonach die Stadt alles unternehmen soll, um das Projekt zu verhindern. Das kann zum Beispiel bedeuten, dass die Kommune der Bahn die für das Überholgleis nötigen Grundstücke nicht verkauft. Zudem bittet die Kommune Privateigentümer, es ihr gleichzutun. Laut Weimann haben sich der Landkreis und sämtliche Städte im Rheingau solidarisch erklärt, was das Vorgehen der Stadt angeht.

Horst Konhäuser von der DB Netz AG versuchte, für das Vorhaben um Akzeptanz zu werben. Es gehe darum, die rechtsrheinische Bahnstrecke in einen betriebswirtschaftlich besseren Zustand zu versetzen, sagte er. Dies habe mit einer Kapazitätserhöhung nichts zu tun, die Strecke werde nicht für mehr Verkehr hergerichtet. Laut Konhäuser sollen weder mehr noch schwerere oder schnellere Züge fahren.

Das Überholgleis steht im Zusammenhang mit dem geplanten elektronischen Stellwerk. Die rechte Rheinstrecke wird auf eine neue Signaltechnik umgestellt. Die Arbeiten zwischen Lahnstein und Assmannshausen seien schon abgeschlossen, nun gehe es um den Abschnitt von Geisenheim bis Wiesbaden-Schierstein, sagte Konhäuser. Nach seinen Worten verringert das zentral gesteuerte elektronischen Stellwerk die Betriebskosten, da statt 130 nur fünf oder sechs Mitarbeiter benötigt werden.

Das Überholgleis diene nicht nur dazu, schnelleren Zügen die Vorbeifahrt zu ermöglichen. Es habe auch die Funktion, Züge vor dem Knoten Rhein-Main zu puffern oder die Zugreihenfolge zu ändern. Nach Angaben Konhäusers hat sich dort, wo das neue Gleis verlegt werden soll, schon einmal ein Überholgleis befunden. Da heute die Böschungen flacher angelegt werden müssten, sei ein etwas größerer Eingriff in die Weinberge erforderlich; deshalb reiche die Trasse an der ungünstigsten Stelle bis zu sieben Meter in die Berge hinein. Die benötigen Grundstücke wolle die Bahn über privatrechtliche Verträge erwerben. Da sich die Zugkapazität nicht erhöhe, resultiere daraus auch kein zusätzlicher Lärm. Durch die veränderte Lage der Gleise ergäben sich jedoch für einzelne Häuser höhere Schallpegel; dort sei passiver Schallschutz vorgesehen.

Was das Vorhaben der Bahn angeht, gelangte der von den Rheingauer Kommunen und dem Kreis beauftragte Fachanwalt Matthias Möller-Meinecke zu einer ganz anderen Einschätzung. Die These, es gebe nicht mehr Verkehr und Emissionen, sei falsch. Und die Angaben, die Kapazität werde nicht erhöht, seien „das Papier nicht wert“. Letztlich komme es nur darauf an, was der Markt wolle. Das Projekt sieht er als Baustein, um mehr Güterverkehr abzuwickeln.

Durch die neue Signaltechnik seien geringere Zugabstände möglich, sagte der Jurist. Die Grenzen der Belastbarkeit in Oestrich-Winkel seien schon jetzt erreicht. Es stellte sich die Frage, wie sich Lärm und Feinstaub-Abrieb mit gesundem Wohnen vertrage. Möller-Meinecke führte auch das Argument an, dass Grundstücke an Wert verlören. Der Anwalt forderte eine Ersatztrasse. Den Bürgern riet er unter anderem, im laufenden Planfeststellungsverfahren Einwendungen zu machen.

Zweifel an den Versicherungen des Bahn-Vertreters äußerten auch viele Bürger. Schon jetzt seien auf der Strecke täglich 238 Züge unterwegs, sagte ein Besucher. Er sei sicher, die Kapazitätserhöhung werde kommen. Allen sei klar, dass es mehr Verkehr gebe, wenn in einigen Jahren der Gotthard-Basistunnel eröffnet werde, sagte der Vertreter einer Bürgerinitiative. Zwar liege das Überholgleis außerhalb, gebremst werde aber schon in den Orten, monierte eine Frau.

Die Zahlen stammten von 2008 und seien nicht mehr gültig, erwiderte Konhäuser auf die ihm vorgehaltene Prognose, der Zugverkehr werde bis 2025 um 104 Prozent steigen. Das Tal könne nicht mehr Verkehr aufnehmen, das habe man erkannt. Falls man kein Baurecht für das Überholgleis bekomme, werde man vorhandene Gleise nutzen, kündigte er an. Möller-Meinecke wertete dies als Drohung und entgegnete: Die Bahn solle ihre alten, kürzeren Überholgleise für 750 Meter lange Züge nutzen. „Dann ist die Strecke dicht.“

Nach Angaben der Bahn wird es nur in Einzelfällen eine Mehrbelastung für Anwohner geben. Nach Meinung der Kritiker wird das Überholgleis dazu beitragen, dass mehr Güterzüge fahren.
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